46
An dem manch Schnitzwerk sich mit Liebesgöttern zeigt,
47
Hängt an der Seitenwand: ihm gegen über lieget
48
Ein Ofen und Camin, der Kält und Frost besieget.
49
Auf jenem hört man oft den kriegerischen Klang,
50
Der Pauken hohlen Schall, und oft den süßen Zwang,
51
Der uns gefesselt hält, wenn die gespannten Saiten,
52
Den Wohlklang zu erhöhn, in tausend Tönen streiten.
53
Die Neugier sieht bestürzt oft aller Tanzkunst Pracht,
54
Auf diesem weiten Saal, in einen Ball gebracht;
55
Der Tänze Vaterland ist er mit Recht zu nennen,
56
Und manches Ehpaar wird ihn noch im Alter kennen.
57
Auch itzt war hier ein Ball den Schönen angestellt,
58
Die man in Leipzig ehrt und für die Schönsten hält.
59
Trompet und Paukenschall eröffnen Tanz und Reihen,
60
Und wer die Töne hört, kömmt, sieht und muß sich freuen.
61
Der leichtgehobne Fuß, durch strengen Takt geführt,
62
Bewegt sich, daß er kaum den schwanken Boden rührt;
63
Sein Sprung zertheilt die Luft, und mitten im Erheben
65
Selbst die Galanterie, die Göttinn, deren Macht
66
Der größten Städte Flor durch sich empor gebracht,
67
Besuchte diesen Ball, und kam von Glanz und Schimmer
68
Unsichtbar überdeckt in dieß erfüllte Zimmer.
69
Zum flüchtigen Gewand dient ihr ein Silberstück.
70
Der blauen Augen Glanz, der buhlerische Blick,
71
Ihr lockigt weißes Haar, das ihre Stirn umgiebet,
72
Macht, daß sie jeder kennt, und wer sie sieht, auch liebet.
73
Sie führt als Königinn zum Zepter einen Stab,
74
Zu dem ein Elephant die größten Zähne gab.
75
Er scheint aus einem Stück, und ist doch oft gespalten;
76
Zween starke Stäbe sinds, die zwanzig schwächre halten.
77
Die faßt ein güldner Stift; und zierlich eingekerbt
78
Sind sie halb glänzend weiß, halb blau mit Gold gefärbt.
79
Bald breiten sie sich aus gleich einem Pfauenschweife;
80
Bald ziehn sie sich in eins und bilden eine Streife,
81
Die unten schmäler ist und oben breiter läuft.
82
Wenn eine Sterbliche solch einen Stab ergreift,
83
Wird ihm der Menschen Mund den Namen Fächer geben:
84
Doch bey der Göttinn ists ein Stab zum Tod und Leben.
85
Es thut dieß Elfenbein, schweigt gleich ihr schöner Mund,
86
Des Herzens innern Trieb durch holde Zeichen kund.
87
Ein Wink, ein sanfter Stoß, ein leichter Schlag erkläret,
88
Was der zu hoffen hat, der ihr sein Herz gewähret.
89
Sie zaubert stets damit, wenn sie es flatternd führt;
90
Facht sie, so wird um sie ein holder West verspührt,
91
Der die erhitzte Brust, und ihr Gesichte kühlet,
92
Und säuselnd um ihr Haar und ihre Locken spielet.
93
Bey dieser Oeffnung rührt den Blick ein künstlich Bild;
94
Und dieß beschämet selbst Achills berufnen Schild,
95
In den der schwarze Gott Vulcan weit mehr geetzet,
96
Was das Gemüth erschreckt, als was den Blick ergetzet.
97
Hier aber hat die Kunst des Malers angebracht,
98
Was alle Welt entzückt, was alle dienstbar macht,
99
Den kleinen Liebesgott mit schalkheitsvollen Blicken,
100
Den Bogen in der Hand, den Köcher auf dem Rücken,
101
Wie er mit starkem Arm nach einem Schäfer zielt,
102
Der, da sein Pfeil ihn trifft, die zärtsten Flammen fühlt.
103
Die Schöne, die er wünscht, sitzt unter einer Linde,
104
Im Schatten, der sie deckt; der Hauch vom Westenwinde
105
Der durch den kleinen Mund aus vollen Backen dringt,
106
Weht ihr die Seufzer zu, die ihm der Schäfer bringt.
107
Vor jugendlicher Schaam geht ihr auf jungen Wangen
108
Das innre Feuer auf; mit Sehnsucht und Verlangen
109
Wirft sie auf sein Gesicht den ihr getreuen Blick,
110
Doch da er ihn erreicht, flieht er beschämt zurück.
111
So kam die Göttinn an, und des Gefolges Menge,
112
Das sie gehäuft umringt, macht fast den Saal zu enge.
113
Ihr Liebling ist der Putz, sein silbernes Gewand
114
Ist reich mit Gold gestickt; sein Haar ist farbigt Band.
115
Wie um Medusens Haupt gekrümmte dürre Schlangen,
116
Mit scheußlichem Gezisch, statt krauser Haare, hangen:
117
So sieht man um sein Haupt, durch sanfter Winde Wehn,
118
Mit flatterndem Geräusch gefärbtes Band sich drehn.
119
Die Göttinn kann ihn nur von Männern sehn und leiden;
120
Denn niemand weis so schön, als er, sie anzukleiden.
121
Ihm weihn, als einem Gott, die Schönen unsrer Stadt
122
Den Nachttisch zum Altar, der sie gefesselt hat.
123
Der Morgen ist bestimmt, ihm Stundenlang zu fröhnen,
124
Und was der Putz befiehlt, das wollen auch die Schönen,
125
Und dafür ziert er sie; oft schießt er durch die Luft,
126
Verwandelt seine Form in einen weißen Duft,
127
Und senkt sich ihnen dann, in einem zarten Staube,
128
Indem er sie bereift, auf Locken, Stirn und Haube.
129
Des Nachts flieht er davon; drum sind zur Morgenzeit
130
Der Schönen Locken weiß, des Abends nie bestreut.
131
Nebst diesem zogen auch das Lachen und Vergnügen,
132
Zween Geister, welche stets mit freyen Schwingen fliegen;
133
Ein grad- und schlanker Geist, der Tanz, an Füßen leicht,
134
Der stets im Tacte geht, und Capriolen streicht;
135
Noch andre traten hier auf den bestäubten Boden,
136
Mit Schuhen von Brocat; sie heißen neue Moden!
137
Ein schön gekleidet Heer, doch stets veränderlich,
138
An welchem die Gestalt bey jedem Anblick wich.
139
Wie Londens Kleiderpracht sich von Paris geschieden,
140
Was Leipzigs Zärtlichkeit in beyder Tracht vermieden,
141
Stellt ihre Kleidung vor, die wie ein Mägdchen ist,
142
Das jeder eifrig wünscht und wenn ers hat, vergißt.
143
Die aufgeschmückte Reih der Moden deutscher Lande,
144
Zog sich vor andern hier in reizendem Gewande,
145
Mit lächelndem Gesicht um die Galanterie,
146
Doch in verschiedner Tracht. Die Göttinn liebet sie.
147
Doch wenn im Kleiderschmuck ihr Wahl und Urtheil fehlet,
148
Ist Leipzigs Mode die, die sie zur Räthinn wählet.
149
In Deutschland ist sie fremd; sie stammt von Frankreich ab,
150
Wo ihr ihr erstes Seyn des Schneiders Werkstatt gab.
151
Sie hat der Deutschen Art, doch auch der Franzen Sitten;
152
Drum ist sie beyden werth, bey beyden wohl gelitten.
153
Komm, Ewigkeit, und sieh, verewge diese Tracht,
154
Die diese Mode trägt, die auch ihr Witz erdacht!
155
Laß ihr gelocktes Haar bey später Nachwelt bleiben,
156
Laß es der blauen Luft der Sternen einverleiben,
157
Wo Berenicens Haar in lichtem Schimmer steht,
158
Und wo die Locke glänzt, die Popens Lied
159
Laß die Verwesung nicht in ihren Reifrock dringen;
160
Du aber, Muse, komm und hilf mir sie besingen!
161
Ein glänzend schwarzes Haar mit Puder vorn bestäubt,
162
Das ein erhitzter Stahl in runde Locken treibt,
163
Macht ihren Nacken voll; die Scheitel bis zur Stirne
164
Bedeckt ein weißer Schmuck von zart gewebtem Zwirne,
165
Der vorne sich erhöht in eine Tutel
166
Zur Linken einen Strauß von Federblumen trägt,
167
Die einzeln und zerstreut rund um das Haupt sich winden,
168
Und hinten güldnes Band in einer Schleife finden.
169
Vorn schließt der Schmuck nicht an, steht frey aus dem Gesicht:
170
So wie ein Stralenschein ein heilig Haupt umflicht.
171
Um ihre Schultern liegt dicht auf dem stoffnen Kleide,
173
Auf der so, wie im Lenz, die Gartenbeete blühn,
174
In buntgefärbter Pracht sich die Galanten ziehn.
175
Ein seidner Blumenbusch von ungewohnter Größe
176
Beschattet vor der Brust des halben Busens Blöße;
177
Und von dem freyen Hals hängt bis zu dessen Flur
178
Von Perlen größter Art die umgeschlunge Schnur.
179
Sie trägt den weißen Arm in noch viel weißern Häuten;
180
Wo doppelt Spitzen sich am Ellenbogen breiten,
181
Die ihn stets mehr und mehr bey längerm Abstand fliehn,
182
Sich spitzig tief hinab in vielen Kräuseln ziehn.
183
So wie ein Perser sich in langen Ermeln zeiget,
184
Wenn er im Trauerspiel auf unsre Bühne steiget:
185
So hängt um ihren Arm, an einem zarten Flor,
186
Ein zärteres Geweb aus ihrem Kleid hervor.
187
Ihr Schuh ist niedrig, stumpf, mit aufgesteifter Lasche,
188
Und eine Schnalle deckt ihn statt des Bandes Masche.
189
So sieht ihr Bildniß aus; die Leipzger lieben sie,
190
Und jeder trägt ihr Bild; selbst die Galanterie
191
Bemüht sich, dieser Tracht in allem nachzuahmen;
192
Wie diese Mode geht, geht sie und ihre Damen.
193
Der Pauken letzter Schall verkündigte den Schluß
194
Des angestellten Balls; der Tänzer müder Fuß
195
Entzog sich, weil bereits der graue Himmel tagte;
196
Als die Galanterie dieß zu der Mode sagte:
197
»wie glücklich, Freundinn, wächst doch unser beyder Reich!
198
War Leipzigs Kleiderputz nicht unsern Kleidern gleich?
199
Mein Ansehn hat den Trutz der Barbarey vertrieben,
200
Auch schon der Mittelstand fängt an, mich hier zu lieben.
201
Besieh die ganze Stadt, die meine Macht erhält,
202
Dieß thut uns jeder nach, was mir und dir gefällt.
203
Ich und du, Mode, wir, wir sind in größtem Werthe,
204
Warum? weil ich zuerst, drauf du, zu leben lehrte.
205
Die Schönen folgen mir; die Stutzer ehren mich;
206
Und da mein Ansehn wächst, so sieht man auch auf dich.«
207
Die Mode sprach bereits, nach einem tiefen Neigen:
208
Doch ein entstandner Lerm zwingt sie bestürzt zu schweigen.
209
Ein plötzliches Geschrey von Raufbolds voller Schaar
210
Schlägt schwirrend an ihr Ohr, da sie im Reden war.
211
Wie, wenn in obrer Luft die letzten Himmelssphären
212
Ein schnelles Licht bestralt, die Welten zu verklären,
213
Die lichten Kügelchen im Augenblick sich drehn,
214
Und auch im Augenblick die fernsten Welten sehn:
215
So drang dieß Lustgeschrey von Raufbolds vollen Brüdern
216
Zu der Galanterie auf eines Nords
217
Der blanke Degen klirrt; das Pflaster speyet Gluth,
218
Und von der Wächter Schaar entflieht sogleich der Muth.
219
Dreymal bellt ihr Petit
220
Dreymal erbebt der Saal, dreymal wird sie erschüttert.
221
»geliebte, hört dieß Schreyn, rief sie, von Furcht verstört,
222
Ist wohl in Leipzig je ein solcher Lerm gehört?
223
Betäubt auch ein Barbar so sehr die zarten Ohren?
224
Hat Leipzig auf einmal die Artigkeit verlohren?
225
Hört auch mein Ohr gewiß? o welch ein wild Geschrey!
226
Wie, Leipzig, wirst du mir auf einmal ungetreu?
227
Will der bebänderte nie bloß gesehne Degen,
228
Ihr Bursche, nun auf mich den Zorn zu Tage legen?«
229
Die Mode sieht indeß mit aufgebrachtem Sinn,
230
Voll Unmuth, Furcht und Angst starr auf den Boden hin,
231
Sie weis nicht, was sie soll zu diesem Lermen sagen,
232
Jetzt schweigt sie, jetzt will sie beherzt zu reden wagen.
233
Doch endlich hebt sie an: »o Göttinn, zürne nicht!
234
Ich weis nicht, was mein Mund zu diesem Rufen spricht.
235
Mein Herz – – Jedoch die Furcht verbietet ihr zu sprechen,«
236
Ihr Angesicht erblaßt, die schwarzen Augen brechen.
237
Ihr Stürmer, haltet ein, sonst ists um euch gethan;
238
Schon kömmt mit schnellem Flug der Schutzgott Leipzigs an.
239
Die Stirne zeigt bereits, was er von euch erfahren,
240
Die Moden machen Platz; er drängt sich durch die Schaaren,
241
Und schießt, als wie ein Pfeil, auf die Galanterie;
242
Sein Purpurfittig rauscht; er regt das schnelle Knie,
243
Als seine flatternden zuschnell bewegten Schwingen,
244
Durch den geschwinden Schuß, vereint die Luft durchdringen,
245
Und machen, da ihr Hauch in sein Gefieder bläst,
247
Wie wenn ein Reuterschwarm durch streitbar muthge Pferde,
248
Die alle stampfend gehn, den Staub der dürren Erde,
249
Gleich einer Wolke, hebt, und in die Lüfte treibt,
250
Daß der erregte Staub das nahe Feld bestäubt:
251
So sahn die Moden hier, in runden zarten Theilen,
252
Den Puder aus dem Haar der Göttinn flüchtig eilen.
253
Der Locken Wunderbau, das rund gekrümmte Haar,
254
An dem ein halber Tag mit Müh verschwendet war,
255
Dieß alles war dahin, und bloß durch sein Versehen.
256
So gleich hört er betrübt die Göttinn zornig schmähen.
257
Und da sie auf ihn zürnt, fleht er sie kniend an,
258
Den Schaden zu verzeihn, den ihr sein Schwung gethan.
259
»dein Leipzig, rief er aus, wird sich zum Unglück neigen;
260
Vier Stürmer sind schon da, die Furcht und Schrecken zeigen.
261
Ein wüster Renommist, den Jena fortgejagt,
262
Hat sich durch mein Versehn in unsre Stadt gewagt;
263
Drey Brüder, die wie er, und er, wie sie, beschaffen,
264
Die greifen voller Wuth nach ihren wilden Waffen.
265
Mein Herz erzittert noch; jetzt hört ich ihr Geschrey,
266
Und wahrlich wir vergehn, steht mir dein Reich nicht bey.
267
Vor ihnen bebt der Markt, sie schreyen, wie Barbaren,
268
Als scheuten sie sich nicht vor meinen Wächterschaaren.
269
Schon Jahre sind sie hier; allein der Schwarm verlacht,
270
Mit spöttischem Gesicht, noch meiner Kinder Tracht.
271
Dieß ist der größte Schimpf, den sie auf Leipzig bringen;
272
Doch, Göttinn, hilf mir nur den Renommisten zwingen.«
273
Er schwieg; die Göttinn winkt, damit sie niemand stört;
274
Die Stille schließt den Mund, ein jeder schweigt und hört.
275
»es ist schon, war ihr Wort, zu meinem Ohr gedrungen,
276
Wie frech vorhin der Mund der Rasenden gesungen.
277
Ich zürne fast auf mich, daß dieser Renommist
278
Nach Leipzig sich gewagt, und mir zuwider ist.
279
Jedoch er soll sich noch zu unserm Dienst bekehren,
280
Die Mode mag ihn gleich der Sitten Ändrung lehren.
281
So sprach sie, und sie rief der nahen Mode zu:«
282
»geh, werthe Freundinn, geh, und störe Raufbolds Ruh!
283
Erschein ihm, red ihm zu, sein Jena zu verschwören,
284
Uns als ein Leipziger vernünftig zu verehren.«
285
Die Mode sprach darauf: »sogleich soll es geschehn,
286
Sogleich soll Raufbold sich von mir verändert sehn.«
287
Sie sagts, und setzet sich auf ihren güldnen Wagen,
288
Und läßt sich durch die Luft nach seinem Zimmer tragen.
289
Ein großer Geisterschwarm, ein Complimentenheer,
290
Setzt sich um sie herum, und macht den Wagen schwer.
291
Sie werden, wenn der Mund der Menschen sie verhandelt,
292
Zuerst in obrer Luft in Geisterchen verwandelt.
293
Sie sind verschiedner Art, die meisten trauren nie,
294
Sind stets voll Höflichkeit, und beugen Leib und Knie;
295
Und nießt die Mode nur, so wünscht ihr krummer Rücken,
296
Das Schicksal wolle sie mit stetem Wohl beglücken.
297
Beynahe sehen sie wie Liebesgötter aus;
298
An ihren Häuptern steckt ein ewig grüner Strauß.
299
Ihr wolligt krauses Haar rollt auf die Schultern nieder,
300
Und ihren Rücken deckt ein Himmelblau Gefieder.
301
Verschiedner Herz ist treu; man darf noch ihnen traun;
302
Die Höflichkeit half sie mit zarter Hand erbaun;
303
Vom Umgang lernten sie sich zu den Städten wenden,
304
Und da ihr Wortgepräng geschicklich zu verschwenden.
305
Die andern, sieht man sie mit scharfen Blicken an,
306
Entdeckt man halb erstaunt zweyköpficht wie den Jan
307
Die vordre Stirn beherrscht die Schmeicheley im Glücke,
308
Und auf der andern wohnt die Falschheit und die Tücke.
309
Ihr vordres Antlitz weint, wenn oft das hintre lacht,
310
Mit diesem loben sie, mit jenem wird veracht.
311
Die erstern siehet man zu ihrer Rechten sinken;
312
Die letztern setzen sich der Mode zu der Linken.
313
Der Wagen kam nunmehr vor Raufbolds Zimmer an,
314
Den itzt der süße Schlaf, der Träume leichter Wahn,
315
Und auch der Schläger Geist auf seiner Streu bewachte,
316
Wo jeder ihm die Ruh mehr zu versüßen dachte.
317
Die Mode stieg herab, die Geister warten hier;
318
Ihr luftger Körper gieng durch die verschlossne Thür.
319
Doch wie erstaunte sie; ein Schwindel kam ihr nahe,
320
Als sie in Asch und Staub sich und das Zimmer sahe.
321
Auf dem versenkten Tisch lag das verglimmte Kraut,
322
Das in Virginien der nackte Mohr erbaut.
323
Zerbrochner weißer Ton in länglichten Cylindern,
324
Und Bier und Asche sucht der Göttinn Fuß zu hindern.
325
Der Taback dampfte noch. Wie, wenn der Teukrer
326
In heißen Schutt zerfällt, der rothen Flammen Macht
327
Mit loderndem Geräusch die laue Luft zertheilet,
328
Drauf noch ein schwacher Dampf aus den Ruinen eilet:
329
So dampfte der Taback, den das geschwärzte Rohr
330
Durchglimmt zurücke ließ, aus seinem Schutt hervor.
331
Sie floh vom Dampf erblaßt, der ihr Gewand befleckte,
332
Zu der verwirrten Streu, auf der sich Raufbold streckte.
333
Sie schüttelte den Kopf vor allem Ungemach,
334
Und trat noch ganz verwirrt, in jenes Schlafgemach.
335
Es war zur Morgenzeit; des Mondens falber Schimmer
336
Schien, als wär er erblaßt, mit Trauren in das Zimmer.
337
Drauf sprach sie: »der du hier in süßem Schlummer liegst,
338
Und da kein Gram dich drückt, dich selbsten ruhig wiegst,
339
Die stille Nacht sagt dir, was dir der Tag verhehlet,
340
Und Träume melden dir, was deinem Glücke fehlet.
341
Das Schreyen deiner Schaar hat unsre Lust gestört;
342
Selbst die Galanterie hat es erstaunt gehört.
343
Der Schutzgeist Leipzigs kam und hat mit vielen Klagen
344
Dein allzujenisch Thun der Göttinn vorgetragen.
345
Sie hört es, und ihr Zorn fiel alsobald auf dich;
346
Verlangst du sie versöhnt, wohlan so liebe mich.
347
Ich kann allein ihr Herz, wenn du es willst, versöhnen;
348
Ich wills, wenn du versprichst, mich nicht mehr zu verhönen.
349
Sey nur ein Leipziger, verwirf die schlechte Tracht,
350
Die dich mir fürchterlich, den Stutzern schrecklich macht.
351
Dein Zopf verwandle sich in einen schwarzen Beutel;
352
Dein Huth bedecke nie die aufgeputzte Scheitel.
353
In Jena ließ dir nur ein kurzer Ermel schön;
354
Weit besser wird dir hier ein langer Aufschlag stehn.
355
Dich darf kein Oberrock vor Sturm und Wind bewahren;
356
Auch wenn es regnet, geh mit aufgeschmückten Haaren.
357
Die Weste, die jetzt kurz um deine Hüften schlägt,
358
Bau länger, aus Crisett
359
Beym Reiten laß allein den Fuß die Stiefeln drücken;
360
Solch eine wilde Tracht muß nur die Krieger schmücken.
361
Verändre deinen Stal und knüpf um ihn ein Band,
362
Zum Zeichen, daß du dich zu meinem Reich bekannt.
363
Für Pfeifen wirst du dir Pomad und Puder handeln;
364
Dein Paßglas müsse sich in Spiegelglas verwandeln.
365
Statt gelben Rauchtabacks, der hier noch schmauchend glimmt,
366
Sey dir der braune Staub von dem Rappe
367
Dann kannst du dich beliebt zu jungen Stutzern schlagen;
368
Dann kannst du dich vergnügt vor Leipzigs Schönen wagen.
369
Eh dieser Tag noch flieht, schick ich dir den Sylvan,
370
An diesem merke dir, was meine Macht gethan.«
371
So sprach sie, und entfloh. Er wirft mit trägem Wenden
372
Sich dreymal grimmig um, greift mit den schweren Händen
373
Nach dem getreuen Stal, der zu dem Haupte lag,
374
Und springt halb düstern auf, durch einen Fechterschlag
375
Ihr, die sich unterstund, die jensche Tracht zu schelten,
376
Mit Hieben, wie er sprach, die Mühe zu vergelten.
377
Doch, da er nichts verspührt, so sinkt er träg und matt
378
Von neuem in die Ruh auf seine Lagerstatt.
379
Der Renommistengeist hört, doch mit innerm Grimme,
380
Der Mode lockend Wort, und die Sirenenstimme.
381
Er lehnet halb bestürzt sich auf ein Fidibus,
382
Und stampft dreymal erzürnt mit seinem Fechterfuß.
383
»nein, rief er trotzig aus: dich laß ich nicht verführen;
384
Mod und Galanterie soll meine Stärke spüren.«
385
Er flüstert ihm ins Ohr: »O Raufbold! alle die,
386
Die dich zu stürzen drohn, Mod und Galanterie,
387
Die alle sind zu schwach; so lang ich um dich schweben,
388
Und dich beschützen kann, muß alles vor dir beben.
389
Ich bin der Heldengeist, durch den ein Renommist
390
Stets Lust zum Fechten hat, und nie erschrocken ist.
391
Ich bin noch jetzt der Geist, ich wars, der dich entrisse,
392
Da ein behakter Stock dich fast zu Boden schmisse.
393
Ich bin dir nachgefolgt, ich bins, der vor der Stadt
394
Dem dir getreuen Roß den Fuß gelähmet hat.
395
Ich dachte, dich dadurch von Leipzig abzuhalten;
396
Nun bist du dennoch da, drum laß mich weiter walten.
397
Nimm nicht die Moden an, die hier im Ansehn sind.
398
So bald der Morgen graut, so setze dich geschwind
399
Auf dein geübtes Roß; ich will es wieder heilen,
400
Es soll von dieser Stadt mit schnellen Schritten eilen.
401
Wie weit ists, daß von hier das schöne Halle liegt,
402
Wo noch die Freyheit herscht, wo noch der Pursche siegt.
403
Da wirst du wieder Ruh und Ruhm und Ehre finden,
404
Da wird kein Zwang dich mehr als Renommisten binden,
405
O eile ja geschwind! ein Unglück droht dir hier,
406
Den Ausgang weis ich nicht, jedoch es ahndet mir.
407
Es sey groß oder klein, vermeid es, geh auf Halle!
408
Bleibst du zwey Tage hier, so seh ich dich im Falle.
409
Indessen ruhe wohl, schlaf süß und sorgenfrey,
410
Damit dein künftger Weg um desto schneller sey.
411
Schlaf ruhig, ich will selbst vor deinem Lager wachen.
412
Wer dich verstören wird, der soll mich zornig machen.«
413
Er sagts, und Raufbold wird verwegen, wieder froh,
414
Und schläft von Träumen voll auf dem gestreuten Stroh.