Vor Zeiten stand an einem heitern Bach

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Gottlieb Konrad Pfeffel: Vor Zeiten stand an einem heitern Bach Titel entspricht 1. Vers(1784)

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Vor Zeiten stand an einem heitern Bach
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Ein Cocosbaum, in dessen breiten Schatten
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Die Vögel oft ihr Kränzchen hatten:
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Sie heckten unter seinem Dach,
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Sie nährten sich vom Marke seiner Nüsse,
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Der Adler selbst verließ Kronions Vorgemach
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Und buhlte hier um Zephyrs laue Küsse.
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Einst brach ein Wetter aus. Der aufgeschwollne Fluß
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Zernagt des Baums entblößte Füße;
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Der Hauch des wilden Aeolus
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Streift seine Blätter ab, zermalmet seine Früchte.
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Die Vögel sahn mit traurigem Gesichte
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Herab in der Verwüstung Graus.
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O Schade! rief der Geyer aus:
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Hier giebt es nun nichts mehr zu knacken,
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Ich ziehe fort! Auch ich; versetzt der Specht:
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Ich richte nicht; allein der Baum hob seinen Nacken
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Auch allzu stolz empor. Die Götter sind gerecht!
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Fiel ihm die Elster ein; das hab ich stets gefunden;
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O Freunde, seyd ihr klug, so warnt euch dieser Fall! –
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Wer ist nicht gerne klug? Auch war in wenig Stunden
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Der Vögel ganzes Chor verschwunden.
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Nur eine Taube blieb und eine Nachtigall.
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Die Taube sprach: wir wollen hier verweilen
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Und mit dem Baum, der uns so manches Gute gab,
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Sein trauriges Verhängniß theilen.
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Ja, Freundin, du hast Recht! sein Grab sey unser Grab,
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Versetzt die holde Philomele:
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Vielleicht bewegt mein sanftes Klagelied
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Noch einen Mann mit einer weichen Seele,
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Daß er des Baumes Fuß mit einem Damm umzieht;
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Dann lebt er wieder auf und eine neue Krone
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Umlaubt sein welkes Haupt. »Ha,« rief in leisem Tone
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Die Dryas aus dem Stamm: »Heil dir, du frommes Paar!
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Mein Herz vergißt den Hohn der Heuchler und der Feinde,
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Und schlägt nur noch für euch. Wenn Unglück, wenn Gefahr
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Uns Freunde gibt, so sind es wahre Freunde.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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