In Japan, wo viel edle Seelen

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Gottlieb Konrad Pfeffel: In Japan, wo viel edle Seelen Titel entspricht 1. Vers(1779)

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In Japan, wo viel edle Seelen
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Und holde Mädchen sind,
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War, wie die Schiffer uns erzehlen,
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Ein armes Hirtenkind.

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Verborgen, wie die Mayenrose
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Im dunkeln Busche glüht,
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War Zacchis Jugend in dem Schooße
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Der Unschuld aufgeblüht.

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So lebte sie bey ihrer Mutter,
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Von Harm und Liebe frey,
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Für nichts besorgt, als für das Futter
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Der kleinen Schäferey.

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Einst band sie auf beblümter Erde
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Sich einen Veilchenstraus;
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Da kam ein junger Mann zu Pferde
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Den nahen Wald heraus.

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Der Cubo wars. Mit Speer und Keule
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Bekriegt er auf der Jagd
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Im armen Wild die lange Weile,
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Die seine Seele plagt.

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Er sieht das Mädchen: ihre Blicke
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Entzünden seine Lust,
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Und füllen plötzlich jede Lücke
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In seiner öden Brust.

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Schön war der Cubo, groß und bieder
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War Usges rauher Muth,
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Er setzt zu ihr ins Gras sich nieder
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Und malt ihr seine Glut.

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Sie staunt, die Rosen ihrer Wangen
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Entflammen zu Karmin.
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Er küßt sie, reicht ihr seine Spangen
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Vom Helm. Sie will entfliehn.

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Itzt nennt er sich; sie zagt, sie bebet
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Und stürzt auf seinen Schooß.
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Entzückt umschlingt er sie und hebet
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Sie kosend auf sein Roß.

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Sie folgt ihm – (eines Cubo Blicken
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Gehorcht selbst die Natur)
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Verstummt, wie auf des Würgers Rücken
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Das Lamm, durch Hayn und Flur.

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Schon deckt ihn mit der schönen Beute
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Der Hofburg stolzes Dach,
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Und Amor giebt ihm das Geleite
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Ins goldne Brautgemach.

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Der Tag erwacht. Die holde Dirne
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Umwallt ein Fürstenkleid,
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Und Usge schmückt ihr Arm und Stirne
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Mit blitzendem Geschmeid.

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Doch ungetäuscht von Pracht und Fülle
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Bleibt sie noch Schäferin,
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Und oft schwingt sich in ernster Stille
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Ihr Geist zur Mutter hin.

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Sie wählt von ihrem Brautgeschmeide
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Das schönste Kleinod aus,
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Und schickt mit eines Engels Freude
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Es insgeheim nach Haus.

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Doch kaum ist unter Kuß und Spielen
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Der zehnte Tag vorbey,
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So fängt ihr Herz schon an zu fühlen,
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Daß sie nur Sclavin sey.

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Einst sah sie traurig nach dem Berge,
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Der ihre Flur versteckt,
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Und ward von ihrem stummen Zwerge
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Aus ihrem Traum erweckt.

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Sie schauert auf; er giebt der Schönen
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Ein Briefchen, ihr allein.
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Sie liest, sie netzet es mit Thränen,
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Und Usge tritt herein.

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Mißgünstig, wie die hohen Seelen,
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Ist sie mit ihrem Schmerz.
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Des Briefchens Inhalt zu verhehlen,
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Versteckt sie's auf ihr Herz.

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Er siehts. Wie Gottes Donnerkeile
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Den Sünder, der ihm flucht,
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So treffen plötzlich ihn die Pfeile
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Der blassen Eifersucht.

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Er will, sie soll das Blatt ihm weisen;
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Sie schweigt. Er dringt darauf;
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Sie fleht. Er will es ihr entreissen;
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Sie hält die Hand ihm auf.

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Er ringt mit ihr; sie weint. Er fasset
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Den Brief; sie haschet ihn,
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Verschlingt ihn, schluchst und sinkt erblasset
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Zu seinen Füßen hin.

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Man ruft den Arzt. Er lockt die Seele
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Umsonst ins schöne Haus;
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Er öfnet ihr die weisse Kehle
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Und zieht den Brief heraus.

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Da lies: »Von Krankheit abgezehret
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Dankt deine Mutter dir
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Für dein Geschenk. Tien, der mich höret,
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Belohne dich dafür.«

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Schnell hascht die knirschende Harpye,
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Verzweiflung, Usges Herz,
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Er küßt der Heldin starre Knie
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Und heult vor Wuth und Schmerz.

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Wie? kann er noch auf Erden weilen?
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Ja, mehr als Orosman
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Thut er; läßt Zacchis Mutter heilen,
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Und nimmt als Sohn sie an.

101
In eine marmorne Kapelle
102
Schließt er den Leichnam ein.
103
Amida
104
Das heilige Gebein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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