Heut vierzehn Jahre; theures Kind!

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Gottlieb Konrad Pfeffel: Heut vierzehn Jahre; theures Kind! Titel entspricht 1. Vers(1778)

1
Heut vierzehn Jahre; theures Kind!
2
Wie bald vollendet, wie geschwind
3
Eil ich von meines Mittags Höhe
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Ins öde Schattenthal herab!
5
O! meine Phöbe, gerne flöhe
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Ich aus dem Lärm ins stille Grab
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Zu meinem Sunim, meinem Stab,
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Wenn ich nicht – küsse diese Zähre
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Mir weg – Gemahl und Vater wäre;
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Wenn – doch der Gott, der euch mir gab,
11
Wog unser Loos auf seiner Wage
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Und maß den Faden meiner Tage
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Am Zepter seiner Weisheit ab.
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Vergieb mir Kind, die feige Klage.
15
Ein Dankfest soll dein Tag mir seyn.
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Komm, laß mich dich mit Rosen krönen
17
Mit diesem Kuß, mit diesen Thränen
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Weih ich dich mir zur Freundin ein.
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Nicht wahr, du fühlst ihn, gute Phöbe,
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Des Titels Werth, den ich dir gebe?
21
Hinfort nicht mehr dein Vater, nein,
22
Dein Freund bin ich, der dich begleitet
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Durchs Land der Täuschung, und dein Herz
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Zum Leiden sachte vorbereitet;
25
Denn leiden wirst du. Lust und Schmerz
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Sind, gleich den Schalen einer Wage,
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Hier nie getrennt, und dieser neigt
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Das Herz in seine rechte Lage,
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Wenn es zu hoch im Glücke steigt.
30
Ein Leben voller Wonnetage
31
Taugt nur für Engel: hüte dich,
32
Dir eins zu träumen. Hüllet sich
33
Dein Aug in Wolken, o! so weine
34
Sie auf mein Herz, verbirg mir keine;
35
Der Schmerz ist ja nicht neu für mich.
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Und wenn – nie denk ichs ohne Beben –
37
In dir der neue Trieb erwacht,
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Der Mädchen auf ihr ganzes Leben
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Beseeligt oder elend macht;
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Dann, meine Phöbe dann erwähle
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Mich zum Vertrauten deiner Seele.
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Nicht streng, nur sorgsam will ich seyn,
43
Dein Herz vor Stürmen zu bewahren,
44
Und ihm die namenlose Pein
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Des Streits mit Hang und Pflicht zu sparen,
46
Für deine Ruhe fürcht ich nichts
47
Vom eckeln Weyhrauch süßer Laffen;
48
Am Glanz des reichen Taugenichts
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Wird sich dein Blick auch nie vergaffen!
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Doch schrecklich sind die Zauberwaffen
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Des feinen Modebösewichts,
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Der nichts von Flammen, nichts von Schmerzen
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Der Liebe spricht, nur von Genie,
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Von Tugend und von Energie,
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Von Freundschaft und von Sympathie,
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Und, Vampyrn gleich, am sichern Herzen
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Des Mädchens saugt, bis es verdirbt,
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So wie vom Wurm die Rose stirbt.
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Dank sey es unsern hellern Zeiten,
60
Daß Selbstheit und Sophisterey
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Und Vollkraft und Empfindeley
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Der Unschuld mehr Gefahr bereiten,
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Als je die Nacht der Barbarey.
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Es fällt mir gleich ein Mährchen bey:
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Ich will es, Phöbe, dir erzählen.
66
O laß damit mich meines Ziels,
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Dich zu belehren, nicht verfehlen!
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Es heißt:
69
Ein Dämon, der beym alten Drachen
70
Mit Ehren als Geselle stund,
71
Erhob sich auf das Erdenrund
72
Um da sein Meisterstück zu machen.
73
Er sollte, wie von Anbeginn
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Die Zunftgesetze vorgeschrieben,
75
Ein Mädchen ins Verderben ziehn,
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Das stets der Unschuld treu geblieben.
77
Sophie war zum Opferlamm
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Ersehn, ein Kind aus edlem Stamm,
79
Das jeder Reiz der Eva schmückte,
80
Und dessen stille Frömmigkeit
81
Schon oft die Seraphim entzückte.
82
Er kroch in ein Husarenkleid.
83
Die Uniform sprengt alle Thüren
84
Und dienet oft zum Talisman
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Ein eitles Püppchen zu verführen.
86
Er meldet sich bey Fiekchen an:
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Und sagt ihr unter tausend Schwüren,
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Sie sey das niedlichste Gesicht,
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Das ihm von Quebeck bis nach Posen
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Auf seinen Zügen aufgestoßen.
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Reich, sprach er, Mädchen, bin ich nicht;
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Doch wird der Donner erster Tagen
93
Den krüpplichten Major erschlagen,
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Dann sollst du Frau Majorin seyn.
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Was meinst du? Rede, kleiner Nickel.
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Das arme Fiekchen war betäubt
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Und bebte, wie der Perpendikel
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Der Wanduhr. Höhnisch lachend reibt
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Ihr Thrax (dies war des Helden Name)
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Den Schnurrbart auf die zarte Hand.
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Itzt löst sich ihrer Zunge Band;
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Sie schreyt, und eine alte Dame
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Kam hustend ins Gemach gerannt;
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Die Muhme wars. Der Herzensstürmer
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Ward schimpflich aus dem Schloß verbannt,
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Und Fiekchen bat den raschen Thürmer,
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Würd er sich nur von ferne nahn,
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Den Doggen auf ihn los zu hetzen.
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Nun fieng er erst zu fluchen an;
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Er riß den Dollmann stracks in Fetzen,
111
Und wollte nun als reicher Geck
112
Des Fräuleins Herz in Flammen setzen.
113
Er nennt sich Graf von Schwarzenegg,
114
Und kömmt in einer Staatscarosse,
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Mit einem königlichen Trosse,
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In einem Kleide starr von Gold,
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Schön wie der Liebling der Cythere,
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Umwölkt von einer Ambrasphäre
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Ins adeliche Schloß gerollt.
120
Der Graf ward schwebend aus dem Wagen
121
In Fiekchens Putzgemach getragen,
122
Er überreichet ihr sein Bild,
123
Geziert mit seinem Wappenschild
124
In einem Rahmen von Brillanten;
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Fleht knieend um des Fräuleins Gunst,
126
Und spielt mit meisterhafter Kunst
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Den feinen schmachtenden Amanten.
128
Sechshunderttausend Thaler sind
129
Ihr Mahlschatz, angenehmes Kind,
130
Wenn sie zum Bräutigam mich wählen.
131
Er sprachs: ein Kästchen mit Juwelen
132
Giebt seinen Worten neue Kraft.
133
Die gute graue Muhme gafft
134
Entzückt durch ihre Staarenbrille
135
Den ausgekramten Reichthum an;
136
Doch Fiekchen blickt in ernster Stille
137
Nur auf den üppigen Galan,
138
In dessen Aug ein Feuer lodert,
139
Das Wollust strömt und Wollust fodert,
140
Ihr Herz verschließt sich vor dem Blick:
141
Mein Herr, ein allzugroßes Glück
142
Ist Gift für eine weiche Seele,
143
Ich kenne mich und ich erwähle
144
Den Mittelstand, in dessen Schoos
145
Ich so viel unvermischte Freuden,
146
So vielen Trost in kleinen Leiden,
147
Kurz, mich und die Natur genoß.
148
Sie schweigt. Die alte Tante brummet;
149
Der stolze Bräutigam verstummet,
150
Ruft seinem bunten Phaeton
151
Und flieget wie ein Pfeil davon;
152
Triumph! nun weiß ich dich zu packen,
153
Ruft er und lacht so fürchterlich,
154
Daß Berg und Thal davon erschraken;
155
In wenig Tagen fang ich dich;
156
Wo nicht, so mögen alle Welten
157
Mich einen dummen Teufel schelten.
158
Des nahen Sturmes unbewußt,
159
Gieng Fiekchen bey dem ersten Strale
160
Aurorens aus dem Sommersaale
161
Ins Wäldchen, und mit Engelsluft
162
Sah sie den Quell vom Felsen fallen,
163
Und sang ins Lied der Nachtigallen.
164
Da trat ein feiner junger Mann
165
Mit einem Buch aus dem Gebüsche;
166
Sein Antlitz kündigt ein Gemische
167
Von Heiterkeit und Wehmuth an.
168
Mit Ehrfurcht grüßet er die Schöne
169
Und wischet eine stille Thräne
170
Vom Auge. Fiekchen nickt ihm zu
171
Und fraget ihn mit holder Miene:
172
Was, edler Fremdling, liesest du?
173
Das Marterthum der Clementine
174
Im Grandison, erwiedert er
175
Und seufzt. Das gute Mädchen blicket
176
Ihn zärtlich an; ihr Herz wird schwer;
177
Es hebt sich schneller und ersticket
178
Nur halb des Seufzers Antwort. Heil!
179
Heil dir! versetzt er, schöne Seele;
180
Doch lebe wohl! Gram ist mein Theil,
181
Und Frevel ists, wenn ich dich quäle.
182
Sie hält ihn auf: o Freund! erzähle
183
Dein Schicksal mir. Nach langem Zwang
184
Setzt er sich neben ihr ins Grüne;
185
Auch mir war eine Clementine
186
Beschert, rief er; doch ach! nicht lang:
187
Sie starb! – Ein Strom von Zähren drang
188
Aus Fiekchens Augen; ja sie fühlte
189
Für Damon, was sie nie empfand;
190
Ein Feuer, das ihr Herz durchwühlte.
191
Beym Abschied küßt er ihr die Hand;
192
Und nun begegneten sich beyde
193
An jedem Tag mit neuer Freude
194
Im kühlen Hayn; dann sprachen sie
195
Entzückt vom Drang der Sympathie
196
Und von der Schöpfung Harmonie.
197
So oft er von ihr schied, betrübte
198
Sie sich und wußte nicht warum:
199
Doch Damon blieb nicht lange stumm;
200
Sein Mund gestand, daß er sie liebte,
201
Und sie gab ihm den ersten Kuß
202
Zum Pfand der Gegengunst zurücke.
203
Doch bald verfinstert ein Verdruß
204
Des guten Damons Wonneblicke:
205
Ich bin kein Ritter. – Ach! ich muß,
206
So fieng er endlich an zu klagen,
207
Dir, holdes Fiekchen, dir entsagen.
208
Nie läßt dein Vormund es geschehn,
209
Daß wir – Gott! mußten wir uns finden,
210
Um ewig uns getrennt zu sehn!
211
Wer kann den Jammer nachempfinden,
212
Der Fiekchens treue Brust zerriß!
213
Wie heben wir die Hinderniß?
214
Frug sie ihn einst mit banger Stimme.
215
Nichts rettet uns, nichts, als die Flucht
216
Vor deiner Anverwandten Grimme;
217
Doch nein, Geliebte, nein! Verflucht
218
Sey dieser Rath! Nur ich will fliehen,
219
Fahr wohl – Vergiß mich – Laß mich ziehen –
220
Sey glücklich! Kann ichs ohne dich?
221
Nein, Damon, ich will mit dir fliehen;
222
Gott wills. Mit dir, mit dir allein,
223
Du trauter Bruder meiner Seele
224
Kann ich auch in der fernsten Höhle
225
Bey bittern Wurzeln selig seyn.
226
Sie schweigt. Des Jünglings Wange glühet;
227
Sein Odem stockt; sein Herz pocht laut;
228
Wie beym Altar der Beter knieet,
229
Liegt er vor ihr. Ach! süße Braut,
230
Für mich Geschaffne! kann ichs glauben?
231
Lallt er, komm, laß uns gleich entfliehn,
232
Eh Menschen unser Glück uns rauben;
233
Du zögerst? Ach! ich war zu kühn
234
In meiner Hofnung. Fiekchen hatte
235
Den letzten Kampf der Pflicht gekämpft;
236
Ein Seufzer des Geliebten dämpft
237
Den heilgen Aufruhr. Ach! mein Gatte,
238
Hie bin ich, ruft sie, flüchte mich,
239
Gieb meinem Geist die Ruhe wieder!
240
Sie weint. Der Himmel röthet sich:
241
Es fährt auf leuchtendem Gefieder
242
Sophiens Schutzgeist schnell hernieder.
243
Betrogne, was beschließest du?
244
Rief er dem blassen Mädchen zu:
245
Erkenne, wem du dich ergeben!
246
Sein Finger rührt den Buhlen an;
247
Im Nu verschwindet der Galan,
248
Und Fiekchen sieht mit Graus und Beben
249
Ein schwarzes Kind des Erebus,
250
Den Faunen gleich an Haupt und Fuß,
251
Vor ihrem starren Auge schweben
252
Und knirschend einen Blick ihr geben,
253
In dem der Hölle Feuerschlund
254
Ganz, wie am Richttag, offen stund.
255
Dem Täubchen gleich, wenn ihm der Geyer
256
Im Flug den bunten Nacken bricht,
257
Stürzt Fiekchen vor das Ungeheuer
258
Entgeistert auf ihr Angesicht;
259
Und als sie sich im Gras gefunden;
260
War Faun und Genius verschwunden.
261
Ein leiser Schauer fasse dich,
262
O Phöbe! Was ich dir erzählte,
263
Ist kein Traum; oft begab er sich,
264
Der Fall, nur daß der Schutzgeist fehlte.
265
O! danke, danke Gott für den,
266
Geliebte, welchen seine Güte,
267
Bey deinem Eintritt ins Gebiete
268
Der Sterblichkeit, dir ausersehn,
269
Für deine Mutter, dir im Stillen,
270
Doch Engeln sichtbar, ihm nur lebt,
271
Und ihrem Haus, und sich bestrebt
272
Zuerst die Lehren zu erfüllen,
273
Die sie dir giebt. Die schöne Pflicht
274
Der Arbeit, Kind, versäume nicht;
275
Auch diese gab uns Gott zum Schutze
276
Der Unschuld. Aber blos zum Schein
277
Die Hände regen, blos zum Putze
278
Sie widmen, ist nicht Arbeit, nein:
279
Bedacht und nützlich muß sie seyn,
280
Kein träges Spielwerk eitler Jugend.
281
Suchst du dir lautre Freuden hier?
282
Ach, Phöbe, nichts gewährt sie dir,
283
Als Gottes Schöpfung und die Tugend.
284
Suchst du Gesellschaft? Dein Clavier,
285
Ein gutes Buch und du und wir,
286
Was brauchst du mehr die Zeit zu kürzen?
287
Fleuch, wenn du liesest, den Roman.
288
So gut als Fiekchens Dämon kann
289
Ein Buch dich ins Verderben stürzen,
290
Das bald uns eine Tugend leiht,
291
Die noch kein Menschenkind erreichet;
292
Bald für das Laster uns erweichet,
293
Das in der Unschuld Feyerkleid
294
Sich langsam in die Seele schleichet;
295
Bald unsrer Weisheit alle Kraft
296
Abwitzelt, und die Leidenschaft
297
Zur Fürstin der Vernunft erkläret,
298
Und bald die kranke Phantasey
299
Des Schicksals blinder Tyranney,
300
Durch Gift und Dolch entfliehen lehret.
301
Glaub immer an die Sympathie
302
Verwandter Seelen: ohne sie
303
Fänd ich nicht Glück genug auf Erden.
304
Allein, o möchtest du doch nie
305
Durch dieß Gefühl getäuschet werden;
306
Nicht auf den Lippen, in der Brust
307
Wohnt es, ist ewig wie die Jugend
308
Des Seraphs, rein wie seine Lust.
309
Ja, meine Phöbe, ja die Tugend
310
Hat ihren Magnetismus auch,
311
Der, wie des Zephyrs warmer Hauch
312
Zwo Blumen sanft zusammenwehet,
313
Zwey Herzen, die der Gottheit Ruf
314
Zu Bild und Gegenbild erschuf,
315
Sich schwesterlich entgegen drehet.
316
Doch, Phöbe, diese Wunderkraft
317
Ist nicht Instinkt, nicht Leidenschaft,
318
Aus der nur Scham und Eckel stammet.
319
Den Geist erwärmt sie, nicht das Blut,
320
Und läutert, wie die stille Glut
321
Das Golderz, die so sie entflammet,
322
Durch des Genusses Ebb und Fluth,
323
Würzt ihre Freuden, stählt den Muth,
324
Wenn sie die Last des Daseyns quälet;
325
Und gab auch mir das höchste Gut
326
Der Erde, das Monarchen fehlet,
327
Ein Chor von Freunden, am Altar
328
Der Ewigkeit mit mir vermählet,
329
Die mir zum Schutz, gleich jener Schaar,
330
Die Jakob einst im Traum gesehen,
331
Auf Gottes Leiter vor mir stehen,
332
Und oben Er, im mildern Glanz
333
Der Vaterwürde. Theure Phöbe!
334
Ich weiß, du kennest noch nicht ganz
335
Das frohne, mystische Gewebe
336
Der Fesseln wahrer Sympathie;
337
Allein auch dir ist einst durch sie
338
Der Menschheit höchstes Glück beschieden,
339
Nur hüte dich vor Schwärmerey,
340
Und suche kein Geschöpf hienieden,
341
Das frey von allen Mängeln sey.
342
Und wenn dein Herz den Jüngling findet,
343
Zu dem es jenen Hang empfindet,
344
Dem noch kein edles Herz entflohn;
345
So folge nicht dem ersten Triebe;
346
Belausch ihn: hat er einen Thron;
347
Und spottet der Religion,
348
Kind, so verachte seine Liebe,
349
Und wähle seinen frommen Knecht;
350
Zeuch froh mit ihm in seine Zelle,
351
Und leb im Dunkeln an der Quelle
352
Der wahren Ruhe schlecht und recht.
353
Und ruft euch einst der Vorsicht Willen
354
Ins Vaterland der Tugend ab,
355
So leg ein Enkel eure Hüllen
356
In mein und meiner Doris Grab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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