Wer warst du auf dem Narrenrund?

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Gottlieb Konrad Pfeffel: Wer warst du auf dem Narrenrund? Titel entspricht 1. Vers(1779)

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Wer warst du auf dem Narrenrund?
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Sprach Minos einst im Richtertone
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Zu weiland einem Erdensohne,
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Der blaß vor seinem Sopha stund.
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Narr mit: erwiedert ihm der Schatten;
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Doch ach! zu spät ward ichs gewahr;
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Von zwölf Talenten, die mir baar
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Die Eltern hinterlassen hatten,
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Verflog, als ich kaum mündig war,
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Die Halbscheid auf gelehrten Reisen
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Nach Cypern, Paphos, Amathunt.
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Ein blaues Aug, ein rother Mund
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Bethörten schon die größten Weisen;
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Warum nicht mich? Aspasia
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Von Guidos, eine junge Dirne,
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Die ich auf einem Balle sah,
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Verrückte stracks mir das Gehirne.
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Arm war sie zwar wie Diogen,
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Doch wie Cythere schlau und schön,
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Und – kurz, ich ließ mich mit ihr trauen
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Und führte siegreich sie nach Haus.
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Da lebten wir in Saus und Braus;
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Sie war die prächtigste der Frauen
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Und ich war der galantste Mann.
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Doch lange gieng der Spaß nicht an:
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In Schmäusen, Spielen, Maskeraden,
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Juwelen, Salben und Brokaden
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Zerschmolz der Rest von meinem Gold,
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Mit ihm die Liebe meines Götzen.
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Um ihren Aufwand fortzusetzen
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Begab sie sich in fremden Sold,
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Und ich – hier grif er nach der Stirne –
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Herr Minos, du verstehst mich schon;
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Wo lebt der Ehmann, der nicht zürne,
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Wenn diese jückt? ... Mit Flehn und Drohn
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Bat ich mein Weib, sich zu bekehren.
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Umsonst, sie wollte mich nicht hören;
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Und als es einst zu Püffen kam,
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Schlug sie vier Zähne mir in Rachen.
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Nun übernahm mich Wuth und Gram;
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Ich riß vom Putztisch meines Drachen
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Ein Pudermesser und erstach – –
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Das Weib? – Dazu war ich zu schwach;
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Mich selbst – ich Pinsel! aber ach!
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Könnt ich ins Leben wiederkehren,
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Ich ließe mich nicht mehr bethören.

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Wolan, ich nehme dich beym Wort,
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Sprach Minos, hier ist ein Paßport
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An Charon; hier ein Bankozettel
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An Plutus. Deine Frau, die Vettel,
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Schifft wirklich auf dem Höllenfluß.
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Geh hin, den Dank will ich dir sparen.

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So schnell muß kein Karthaunenschuß
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Des Zevs die schwarze Luft durchfahren,
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Als unser Mann den Tartarus.
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Schon küßt er die erstaunten Brüder
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Im dichtern Kleid des ersten Leibs,
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Und fand wie Hiob alles wieder,
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Noch mehr – die Urne seines Weibs.
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Nun läßt er auf dem Land sich nieder,
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Kauft Bücher, wird ein Philosoph
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Und schwört nur bey den weisen Alten.
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Er giebt sein Gold nebst Haus und Hof
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Zween Epikurern zu verwalten,
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Die, während er Systeme liest,
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So treulich mit dem Gute schalten,
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Daß eh das vierte Jahr verfließt,
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Nur Bücher noch die Schränke füllen.

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Ey, ey, das hätt ich nicht gedacht!
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Rief er bestürzt. Doch weg ihr Grillen!
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Ein Weib mit zwölf Talenten macht
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Mich dieses Unglück leicht vergessen.
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Nun reist er auf die Freyerey,
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Just wie der Kaufmann auf die Messen.
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Fortuna steht den Narren bey;
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Er fand das Weib mit zwölf Talenten,
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Die Wittib eines Hofagenten,
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Zwar runzlicht, schielend, taub und lahm,
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Doch wer sieht das bey zwölf Talenten?
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Nun träumt der frohe Bräutigam
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Von nichts als seinen fetten Renten.
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Doch eh der zweyte Monat kam,
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Sprach er von nichts als neuem Kreuze,
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Von seiner Dame harter Zucht,
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Von ihrer blinden Eifersucht,
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Von ihrem unerhörten Geize.
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Kurz Irus selbst war nicht so arm,
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Und Socrates trug minder Plagen
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Als er. Die weisen Alten sagen:
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Der Wein vertreibt der Grillen Schwarm.
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Er glaubts und will das Mittel wagen;
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Doch kaum kömmt er berauscht nach Haus,
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So stößt sein Dämon mit der Krücke
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Zum Stubenfenster ihn hinaus.
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Der arme Tropf brach das Genicke;
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Und als er vor den Höllenrath
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Zum andern Mal mit scheuem Blicke
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Und marmoriertem Schädel trat,
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Sprach Minos: traut ihn mit Megären!
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Die strafe seinen Selbstbetrug;
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Nur Weise kann Erfahrung lehren,
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Die Narren macht sie niemals klug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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