Die Göttin, die der Ost verehrt

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Gottlieb Konrad Pfeffel: Die Göttin, die der Ost verehrt Titel entspricht 1. Vers(1765)

1
Die Göttin, die der Ost verehrt,
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Sie, deren Rosenwagen
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Den jungen Tag zur Erde fährt,
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Aurora, kurz zu sagen,
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Sah oft den Lenz in Tellus Arm
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Und niemals ward das Herz ihr warm
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Beym Anblick ihrer Küsse.

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Einst hatte sie zur Hälfte schon
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Die graue Bahn durchzogen,
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Da fiel ein Fant, wie Venus Sohn
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Bewehrt mit Pfeil und Bogen
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Und auch so schön, nur nicht so klein,
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In einem hohen Cedernhayn
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Auf einmal ihr ins Auge.

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Prinz Tithon war es, den die Jagd
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Des Morpheus Arm entrückte,
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Und welcher kaum die Göttermagd
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Im Karriol erblickte,
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Als er ins goldne Hüfthorn stieß
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Und ein Trompeterstückchen blies,
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Das Fräulein zu begrüßen.

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Aurora gafft und horcht und läßt
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Die Füchse sachter traben;
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Ihr blaues Aug hängt klettenfest
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Auf dem so holden Knaben;
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Sein Flammenblick durchbohrt ihr Herz
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Und plötzlich kocht ein süßer Schmerz
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In allen ihren Adern.

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Das Hüfthorn schweigt. Ein Seufzer spricht
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Beredter als die Flöte
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Des Latous. Im Angesicht
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Der Göttin glüht die Röthe
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Des höchsten Purpurs. Amor winkt;
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Der Buhle fleht; der Wagen sinkt
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Und Eos läßt sich küssen.

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Der erste Kuß gieng auf die Hand,
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Ein zweyter auf die Wangen,
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Der dritte blieb voll Minnebrand
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Auf ihren Lippen hangen;
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Wohin der vierte sich verlor,
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Weiß niemand, weil sie Cypripor
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Mit Myrthenzweigen deckte.

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Kurz, eh der Mond die Erde grüßt,
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Erschallt in allen Ohren
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Die Zeitung: Junker Tithon ist
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Verplempert mit Auroren.
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Die Hochzeit folgt am Abend drauf;
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Denn bey den Göttern geht der Lauf
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Der Dinge nach Secunden.

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Adonis konnte süßre Lust
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In Cypris Arm nicht fühlen,
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Als Tithon an Aurorens Brust
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Bey Hymens reinern Spielen,
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Und sie rief oft im Wonnerausch:
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Ich würde, selbst für einen Tausch
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Mit Juno, mich bedanken.

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Nun bringt die Lady jede Nacht,
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Die sie als Miß verloren,
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Mit Wucher ein, und wenn die Macht
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Des Chronos durch die Horen
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Sie dann zur Morgenrunde ruft,
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So füllt mit Seufzern sie die Luft
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Und weinet helle Thränen.

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So schien ein halb Jahrhundert kaum
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Mehr als ein Sommermährchen,
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Mehr als ein süßer Morgentraum
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Dem liebetrunknen Pärchen;
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Doch Eos wird zuerst gewahr,
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Daß Runzeln sich und graues Haar
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Beym armen Tithon zeigen.

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Sie bebet und zum erstenmal
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Erblasset ihre Wange,
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Ihr Herz zernaget stille Quaal,
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Gleich einer Feuerschlange.
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Wie, rief sie, trift der Menschheit Loos,
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Auch selbst in einer Göttin Schooß,
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Den Liebling ihrer Seele?

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Mein Tithon sterblich! Nein er soll
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Nicht sterben. Schweigt ihr Klagen,
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Versiegt ihr Thränen! Hofnungsvoll
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Besteigt sie schnell den Wagen
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Und jaget durch das Sternenfeld
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Zum Zevs, der unter seinem Zelt
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Ein Pfeifchen Knaster schmauchte.

85
Sir! sprach mit einem tiefen Kniks
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Die Göttin: hilf mir Armen!
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Dein Machtwort wandle des Geschicks
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Entrüstung in Erbarmen;
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Mein Tithon altert; schon umzieht
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Der Reif sein Haupt und schon verblüht
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Der Purpur seiner Lippen.

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Sie fällt auf ihr entblöstes Knie:
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Ach Vater! hör mein Flehen!
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Sie seufzt ihr Halstuch weg, ah sieh
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In Thränen mich zergehen;
96
Ein Wort, so krönt Unsterblichkeit
97
Den Mann, dem ich mein Herz geweiht
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Und der mein Herz verdienet.

99
Die Göttin schweigt. Mit stummer Lust
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Betrachtet Zevs die Miene,
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Das Rosenknie, die hohe Brust
102
Der reitzenden Blondine.
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Doch schnell, man weiß er ist galant,
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Faßt er die Schöne bey der Hand
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Und hebt sie von der Erde.

106
Der Wollust süße Thräne nur
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Soll Eos Aug entsinken,
108
Um auf dem Busen der Natur
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Als Diamant zu blinken,
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Sprach Zevs: ich hebe deine Pein,
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Dein Tithon soll unsterblich seyn
112
Und dich als Jüngling küssen.

113
Allein, so wills der Aisa Schluß,
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Den selbst die Götter ehren,
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So oft du ihm den Vollgenuß
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Der Liebe wirst gewähren,
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So oft, mein Kind, nimmt das Geschick
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Fünf Jahre von der Zahl zurück,
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Die es ihm wieder schenket.

120
Unsterblich er, der lange mir
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Ein Gott schon war! Wie danket
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O Zevs! Wie danket Eos dir.
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So lallet sie und wanket
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Und stürzt mit frohem Ungestüm
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Aufs Angesicht und küsset ihm
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Voll Inbrunst den Pantoffel.

127
Zevs reicht ihr seine Wange hin;
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Wie frischgepflückte Veilchen
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Schmeckt ihm der Morgenkönigin
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Entzückungsvolles Mäulchen.
131
Er hebt sie in den Phaeton
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Und wie ein Stern rollt sie davon
133
Durch die saphirne Straße.

134
Nun denkt sie erst auf halbem Lauf
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An des Geschickes Willen;
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Da brausen in ihr Seufzer auf,
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Die ihre Stirn umhüllen.
138
O, Liebe! sey du selbst mein Schutz,
139
So rief sie, daß kein Eigennutz
140
Je mein Geschenk entweihe.

141
Froh hält sie, blos von Tithons Glück
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Erfüllt, vor seiner Grotte.
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O Wunder! Schon ihr erster Blick
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Verwandelt ihn zum Gotte.
145
Die Runzeln fliehn, der Schnee zerschmelzt
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Auf seinem Haupt und Hebe wälzt
147
Zwölf Lustern ihm vom Rücken.

148
Selene, keusche Göttin, leih
149
Dem Pinsel deine Schatten,
150
Damit er wahr, doch nicht zu treu,
151
Den Jubel beyder Gatten,
152
Des neuen Gottes rasche Glut
153
Und deiner Schwester Heldenmuth
154
Fein züchtig schildern möge.

155
Nur Wieland malt mit voller Kraft
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Was Junker Tithon fühlte,
157
Als das Ferment der Götterschaft
158
Sein ganzes Ich durchwühlte,
159
Und als er in dem nahen Quell
160
Sein Angesicht, so glatt, so hell,
161
So rosenroth erblickte.

162
Auch sie traut ihren Augen kaum,
163
Auch sie glaubt nicht zu wachen
164
Und läßt, was thut man nicht im Traum?
165
Ihn so viel Schwänke machen,
166
Daß, eh sie völlig zu sich kam,
167
Der neugeborne Bräutigam
168
Um fünf Jahr älter wurde.

169
Nun stößt sie zärtlich ihn zurück;
170
»ach, Freund, laß dich belehren:
171
Von nun an heißt uns das Geschick
172
Der theuren Lust entbehren.«
173
Und itzt thut sie mit leisem Mund
174
Die Worte des Orakels kund,
175
Das allzuwahr gesprochen.

176
Ihr Götter, welch ein harter Spruch!
177
Rief er mit lautem Zagen,
178
Ha, brächte mir der schwerste Fluch
179
Des Schicksals größre Plagen,
180
Als diese Wohlthat? Nein, die Pein
181
Des Tantalus muß Wollust seyn
182
Mit meinem Loos verglichen.

183
Wie, stets Gemahl des holdsten Weibs
184
Soll ich sie nie besitzen?
185
Was würde des verjüngten Leibs
186
Unsterblichkeit mich nützen?
187
O Zevs! nimm dein Geschenk zurück
188
Und gönne mir das süßre Glück
189
In ihrem Arm zu sterben.

190
Bethörter, du erschreckest mich,
191
Sprach Eos, die mit Zittern
192
Den Mund ihm zuhielt: hüte dich
193
Das Schicksal zu erbittern.
194
Ich schätze besser seine Huld,
195
Nie, nie sollst du durch meine Schuld
196
Zum andernmal veralten.

197
Die höchste Wollust bleibt uns doch,
198
Mein Tithon! unsrer Seelen
199
Umarmung. Diese können noch
200
In Liebe sich vermählen,
201
Und was uns, Freund, die Sympathie
202
Verweigert, kann die Phantasie
203
Den Sinnen leicht vergüten.

204
Es sey! kann Tithon sich dem Schluß
205
Aurorens widersetzen?
206
Nur, Kind! laß ihn mit einem Kuß
207
Von deinem Mund sich letzen.
208
Du zauderst? Himmel! Kannst du dir,
209
Grausame Gattin, kannst du mir
210
Den Abschiedskuß versagen?

211
Der Fall war kitzlich. Endlich bricht
212
Ihr zartes Herz. Sie reichet
213
Dem holden Bettler ein Gesicht,
214
Dem nichts an Reitze gleichet.
215
Er stürzt in ihren Arm und sie
216
Erhebt im Drang der Sympathie
217
Den Jüngling zu fünf Lustern.

218
Schnell fährt sie auf. Voll Zorn und Schaam
219
Schließt sie sich, trotz der Schwüre
220
Des Frevlers, ein. Am Abend kam
221
Er flehend vor die Thüre.
222
Was war zu thun? Vom Himmel fiel
223
Ein Wolkenbruch, die Nacht war kühl
224
Und Amor half ihm klopfen.

225
Ihr Gruß war eine Homilie
226
Von der Enthaltung Tugend.
227
Ah, Kind! so unterbrach er sie,
228
Mir bangt vor meiner Jugend.
229
Wie leicht kann das Verhängniß mir
230
Auch seinen Flattersinn mit ihr
231
Ins Blut gegossen haben.

232
Dann würd ich, von dem Zauberschein
233
Der Sinnenlust bethöret,
234
In fremdem Arm ein Herz entweihn,
235
Das dir allein gehöret.
236
Ach, Eos, rette, rette mich!
237
Ein Wink von dir kann mich und dich
238
Dem größten Schmerz entreissen.

239
Fünf Jahre nur, so bin ich Mann,
240
So hat er ausgesprühet
241
Der unauslöschliche Vulkan,
242
Der meine Brust durchglühet;
243
So wird ein neues Rosenband
244
Mein Herz, geheilt vom Unbestand,
245
Auf ewig an dich fesseln.

246
Vernunft, wie groß ist deine Kraft,
247
Wie werth sind deine Lehren,
248
Wenn sie der süßen Leidenschaft
249
Geheimen Wunsch gewähren!
250
Aurora horcht voll Andacht zu;
251
Bald zittert sie für Tithons Ruh
252
Und bald für seine Treue.

253
Wohlan, aus Klugheit und aus Pflicht,
254
Heil ich den armen Kranken:
255
So denkt ihr Herz und ihr Gesicht
256
Verdollmetscht den Gedanken.
257
Es zeigt bey Lunens mattem Strahl
258
Dem zärtlich lauschenden Gemahl
259
Den ganzen Himmel offen.

260
Er fliegt – doch Luna hüllt sich ein
261
Und Amor schließt die Scene.
262
Wohlan, ich will verschwiegen seyn;
263
Doch daß die kluge Schöne
264
Zum Schutz für Tithons Unbestand
265
Zehn volle Jahre nöthig fand,
266
Das darf ich nicht verhehlen.

267
O, wohl dir, trautes Paar! Nun ist
268
Dein letzter Wunsch erfüllet.
269
Ach nein, der Hunger, der sie frißt,
270
Wird nicht so schnell gestillet.
271
Gleich wie den Strom der Wetterguß,
272
So schwellt im Busen der Genuß
273
Der Wollust heissen Strudel.

274
Bald reizt der Zauber seines Flehns
275
Die Göttin zum Erbarmen;
276
Bald findet sie sich unversehns
277
Des Nachts in seinen Armen;
278
Bald sinkt sie matt in seinen Schooß
279
Von langem Ringen athemlos,
280
Mit unter auch vom Lachen.

281
Noch hält ihr Auge Cypris Sohn
282
In Rosendunst gehüllet;
283
Sie merken nicht, wie sehr sich schon
284
Des Schiksals Spruch erfüllet;
285
Herr Tithon dahlt so lang er mag
286
Und kurz ihn weckt der dritte Tag
287
Als Greis von achtzig Jahren.

288
Aurora siehts, wird roth und blaß
289
Und weint und senkt die Blicke;
290
Doch Tithon macht kein Auge naß:
291
Laß, ruft er zum Geschicke,
292
Der Jugend Lenz mir zehnmal blühn
293
Und auch zum zehnten werd ich ihn
294
An Eos Brust verscherzen.

295
Das Compliment war fein und süß;
296
Ob es der Göttin Klagen
297
Gestillet? weiß ich nicht gewiß.
298
Doch melden alte Sagen,
299
Daß sie sich einen Jockey nahm,
300
Den kleinen Zephyr, der den Gram
301
Ihr von den Wangen küßte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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