Am Fuß des Latmos wölbt sich eine tiefe Grotte

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gottlieb Konrad Pfeffel: Am Fuß des Latmos wölbt sich eine tiefe Grotte Titel entspricht 1. Vers(1764)

1
Am Fuß des Latmos wölbt sich eine tiefe Grotte,
2
Vom Finger der Natur, der Kunst Vitruvs zum Spotte,
3
In adrigten Granit mit Allkraft eingedrückt
4
Und durch ein Säulenpaar von Tropfstein ausgeschmückt.
5
In ihrem Schooß umschlang die göttliche Selene
6
Einst den Endymion. Zur Feyer dieser Szene
7
Hat Amor das Portal mit Myrthen rund umschanzt
8
Und einen Rosenhain ins nahe Thal gepflanzt,
9
Das ein gekrümmter Bach mit seiner Fluth bespület,
10
Hell wie der Morgenthau, der Florens Busen kühlet,
11
Und majestätisch still, wie die Zufriedenheit.
12
Sein flacher Boden ist mit Goldkies überstreut,
13
Den das beglückte Volk, das diese Flur besitzet,
14
Für gelben Sand nur hält und blos zum Scheuern nützet.
15
Oft wann der Flor der Nacht die bunten Auen schwärzt,
16
Kömmt Thetis Nymphenchor den Bach heraufgescherzt,
17
Denn früh verliert er sich und deckt mit seinem Schaume
18
Des Meeres grüne Fluth gleich einem Silberpflaume.
19
Schon nahte sich Apoll der Grenze seiner Bahn;
20
Schon blies ein kühler West die welken Blumen an,
21
Als Galathea, schön wie keine der Najaden,
22
Die schwüle Trift verließ, um einsam sich zu baden.
23
Sie warf sich in den Bach, der gierig sie verschlang
24
Und wollustmurmelnd sich um ihren Busen drang.
25
Die Schöne plätschert schon im flüßigen Kristalle;
26
Bald trägt sein Rücken sie gleich einem Federballe,
27
Bald tauchet sie das Haupt bis auf den Grund hinab
28
Und hebt es triefend auf aus dem zerwühlten Grab.
29
Hier sah sie Tityrus, der lieblichste der Hirten
30
Des karischen Gefilds, durch die verwachsnen Myrthen,
31
Zwo Stunden gieng er schon dem schönsten Schaafe nach,
32
Das von der Trift entlief, und naht sich nun dem Bach,
33
Wo er das Götterbild kaum in der Fluth erblicket,
34
Als er voll Ehrfurcht sich dreymal zur Erde bücket;
35
Er glaubt Dianen selbst (daß es hier oft geschehn,
36
Erzählt die ganze Flur) in vollem Reiz zu sehn.
37
Ihr Anblick schmelzt sein Herz, das laute Schläge hoben,
38
Schon will er ihr ein Lamm zum Opfer angeloben,
39
Als ihn von ungefehr des Mädchens Aug entdeckt.
40
Dem bangen Täubchen gleich, wenn es der Habicht schreckt,
41
Entschlüpft sie längs dem Schilf und fliehet in die Höhle,
42
Die ihr Gewand verwahrt, und ruft aus voller Kehle
43
Die Hülfe des Neptuns und aller Nymphen an.
44
Ihr Ruf erfüllt das Thal. Der edle Hirt Sylvan,
45
Ein Liebling des Apolls, der bey der Abendröthe
46
Am nah gelegnen Hain zu einer neuen Flöte
47
Sich einen Buxbaum hieb, vernahm ihr Angstgeschrey.
48
Von Mitleid angespornt eilt er im Flug herbey
49
Und sieht den Tityrus, der vor der Höhle wachte,
50
Bald einzudringen droht und bald des Mädchens lachte,
51
Das jezt ihm stolz befahl, jezt ihn beym großen Pan
52
Voll Huld zu weichen bat. Der Anblick des Sylvan
53
Beschämt den Tityrus, der hastig ihm erzählet,
54
Wie diesen Abend ihm sein schönstes Schaaf gefehlet,
55
Wie er es lang gesucht und hier von Amors Hand
56
Dem Bache zugeführt das schönste Mädchen fand,
57
Das er für Phöben hielt; wie es sein Wahn erschreckte
58
Und wie es mit Geschrey sich in die Kluft versteckte.
59
Hier, fuhr der Schäfer fort, hält mich die Sehnsucht fest,
60
Bis es den dunkeln Schoos des Heiligthums verläßt;
61
Dann soll es nur ein Kuß aus meinem Arme retten.
62
Nun drang die Schäferin, umschwebt von Amoretten,
63
Mit holder Majestät sich durch das Myrthenthor.
64
So hob Aurora sich, um einst dem Götterchor
65
Den Tag der Wiederkehr des Phöbus anzusagen,
66
Aus Thetis Schilfpallast auf ihren Rosenwagen.
67
Noch hängt ein lichter Thau der himmlischen Gestalt
68
Am goldgelockten Haar, das ihr vom Nacken wallt;
69
Ein weißer Leibrock deckt, von ihren eignen Händen
70
Aus zartem Flachs gewebt, den schlanken Wuchs der Lenden,
71
Die nach Cytherens Art ein breiter Gürtel schmückt,
72
Von weiß und grünem Bast mit seltner Kunst gestrickt.
73
Verstummt erkennen nun die Hirten an der Schönen
74
Die junge Galathe, die Schwester der Kamönen,
75
Die bey dem Hochzeitfest Damöts im Wettgesang
76
Den bunten Gürtel sich als einen Preis errang.
77
Sie naht sich dem Sylvan: Heil dir, o du mein Retter!
78
Sprach sie, dich sandten mir die mitleidvollen Götter
79
Als dieser böse Hirt ... Ich bin nicht böse, nein,
80
Beym Pan, das bin ich nicht, fiel Tityrus ihr ein.
81
Was that ich? als die Furcht dich in die Höhle jagte,
82
Hab' ich dich zwar verfolgt; doch ob ich es gleich sagte,
83
So drang ich nicht hinein. Was hemmte meinen Fuß
84
Als Ehrfurcht? Freylich bat ich dich um einen Kuß
85
Zum Lösegeld; allein den konnt' ich mir ja rauben.
86
Ja, Kind! so sprach Sylvan, du kannst dem Hirten glauben,
87
Ich bin dein Retter nicht, denn bieder ist sein Herz.
88
Gieb ihm den Kuß zum Lohn, was er gethan, war Scherz.
89
Doch als dein Angstgeschrey den Vater der Tritonen
90
Um seinen Beystand bat, dacht ich an Amymonen,
91
Von der mein Ahne mich ein hohes Lied gelehrt,
92
Das er als Jüngling einst auf ferner Trift gehört.
93
Noch muß ich es ihm oft mit meiner Chloe singen;
94
Dann drückt er mir die Hand; erstickte Seufzer dringen
95
Aus seiner frommen Brust. Des Mädchens Wange glüht
96
Und weinend dankt es ihm von neuem für das Lied.
97
Wirst du, so fuhr er fort, des Hirten Wunsch gewähren,
98
Dann, holde Sängerin, will ich auch dich es lehren.
99
Halb lächelnd, halb erzürnt bot Galathe den Kuß.
100
So küssen Grazien. Entzückt gab Tityrus
101
Das süße Lösegeld der Schönen zweymal wieder,
102
Dann setzten alle sich im bunten Grase nieder;
103
Der Schäfer blies das Lied auf seinem Haberrohr
104
Und sang dem stummen Paar die ernsten Worte vor:

105
Sängerin des Jammers, Philomele,
106
Hebe dich aus deiner Trauerhöhle,
107
Komm, begleite meiner Flöte Klang;
108
Fromme, gattenlose Turteltaube,
109
Komm zu mir in die Cypressenlaube,
110
Girre mit in meinen Nachtgesang.

111
Feyrt mit mir, entfernt von Phöbus Blicke,
112
Feyrt mit mir das traurige Geschicke
113
Einer Fürstin aus der alten Zeit!
114
Holder Geist der edlen Amymone,
115
Kröne mich mit deiner Todtenkrone
116
Für die Klagen, die mein Lied dir weiht.

117
Amymone, grauenvoller Name!
118
Echo, blasses Bild von meinem Grame,
119
Treues Echo, sing ihn mir nicht nach!
120
Oder tragen ihn die stillen Lüfte
121
Bis zu dir in deine schwarzen Klüfte,
122
Göttin, o so nimm auch dieses Ach!

123
Reines Opfer deiner frühen Tugend,
124
O wie schön floß deine Götterjugend!
125
Edles Kind des großen Danaus!
126
Neben ungestümmen Wasserfällen
127
Fließen so die stillen Ambraquellen
128
An des Hybla honigreichem Fuß.

129
Oftmals, wenn dein Tritt auf steilen Höhen
130
Um den stolzen Damhirsch auszuspähen,
131
Durch den Cedernhayn gewandelt ist,
132
Hat dein Antlitz und dein sichrer Bogen
133
Der Dryaden rege Schaar betrogen,
134
Und sie hat dich Cynthia gegrüßt.

135
Plötzlich schwieg der Bäche rasches Brausen,
136
Selbst der West hob sanfter an zu sausen,
137
Und die stillen Wipfel neigten sich;
138
Frischer quollen dir des Cythrus Düfte,
139
Frischer färbte sich das Blau der Lüfte,
140
Und die Grazien umtanzten dich.

141
Doch wo seyd ihr, prächtige Gefilde?
142
Ihr entweicht gleich einem Schattenbilde,
143
Gleich der Träume flatterhaftem Chor.
144
Ach, was seh' ich? Feyre diese Szene,
145
Hekate, komm, hauche Klagetöne
146
Und Verzweiflung in mein mattes Rohr.

147
Zur Versöhnung für den Gott der Meere,
148
Der mit Aeols kettenlosem Heere,
149
Argos Küsten mit Verwüstung plagt,
150
Wird vom frommen Vater ihr befohlen,
151
Opferwasser an dem Strand zu holen,
152
Dessen Fluth des Tempels Mauer nagt.

153
Froh, wie sie die Götter stets verehret,
154
Eilt sie, mit dem Marmorkrug beschweret,
155
Durch den Hayn, der Argos Ufer schließt;
156
Und sie kniet schon am beschäumten Damme,
157
Als aus einem hohlen Eichenstamme
158
Ihr ein Satyr wild entgegenschießt.

159
Ach es war von ihrem goldnen Bogen
160
Einst ein Pfeil ihm in die Brust geflogen,
161
Der ein allzuschnelles Reh verfehlt:
162
Brüllend schwur er, diesen Schimpf zu rächen,
163
Bey den schwarzen, schwefelreichen Bächen
164
Und den Furien der Unterwelt.

165
Wie der schnaubende Monarch der Winde,
166
Die der Mutterschoos entrißne Linde
167
In der ersten Blüthe niederwirft,
168
Also stürzet mit entflammtem Blicke
169
Sie der Waldgott in den Sand zurücke,
170
Der des Opfers heil'ge Ströme schlürft.

171
Ach, Neptun! ruft sie mit banger Stimme,
172
Rette mich vor dieses Frevlers Grimme,
173
Stehe der bedrängten Unschuld bey!
174
Weinend bäumt sie sich in seinen Armen,
175
Doch der Satyr kennet kein Erbarmen
176
Und verlacht ihr ängstliches Geschrey.

177
Aber schnell verdoppeln sich die Stürme,
178
Tausend Wellen ziehn, wie stolze Thürme,
179
Drohend gegen den verheerten Strand!
180
Und der Abgrund speyt mit hohlem Stöhnen
181
Den abscheulichsten von seinen Söhnen
182
Aus dem schwarzen Rachen an das Land.

183
Wildes Feuer sprüht aus seinen Blicken,
184
Wie ein Berg erhebet sich sein Rücken,
185
Den ein Felsen-Panzer überzieht;
186
Ströme sind das Spiel von seinem Hauche,
187
Tellus berstet unter seinem Bauche
188
Und der Satyr bebt und flucht und flieht.

189
Götter, steiget selbst von Euern Thronen,
190
Schützt die Tugend, rettet Amymonen!
191
Ach! schon faßt das Ungethüm sie an.
192
Ach! ... verstummt, verstummt, ihr Klagetöne!
193
Und du, stille, blutgefärbte Thräne,
194
Sage du, was ich nicht sagen kann.

195
Argos bebt! es bebten die Najaden,
196
Als mit seinem schönen Raub beladen
197
Schnell das Unthier in den Abgrund fuhr.
198
Argos klagt und in den öden Haynen
199
Hört man Philomelen lauter weinen,
200
Und der Lenz entweichet von der Flur.

201
So sang der Hirt; sein Lied begleiteten die Thränen
202
Des biedern Tityrus und der verstummten Schönen;
203
Ein sanfter Händedruck (mehr lohnt kein Lorbeerreis
204
Von Phöbus eigner Hand) war seines Sieges Preis.
205
Sie bat noch zweymal ihn mit hochgefärbten Wangen
206
Und seelenvollem Blick es wieder anzufangen,
207
Und eh noch Lunens Strahl sich an dem Latmos brach,
208
Sang sie's, wie Echos Mund einst Orpheus Klage, nach.
209
Nun deckte sich die Flur mit einer grauen Hülle
210
Und Galathea gieng in feyerlicher Stille
211
Am Arm des Tityrus durch den bethauten Wald;
212
Vor ihr flog Zypripor in Schmetterlingsgestalt.
213
Bald schmieget sie vertraut sich an des Hirten Seite,
214
Der ihre weiche Hand als eine süße Beute
215
In seine Rechte schließt und an den Busen drückt,
216
Bis sie der Mutter Dach am bunten Rain erblickt.
217
Sie naht der Thüre sich mit immer trägerm Fuße
218
Und hält ihm röthend still bey seinem Abschiedskusse.
219
Von nun an kam es oft, weil Hylax leicht entschlief,
220
Daß sich ein keckes Lamm von ihrer Trift verlief.
221
Indeß wenn Tityrus dann seine Heerde zählte,
222
Durch Amors Zauber ihm ein junger Widder fehlte;
223
Sie suchten beyderseits und fanden jedesmal
224
Den Widder und das Lamm am Bach im Myrthenthal.
225
Doch floh die Nymphe nicht, wenn schnell ihr aus dem Schilfe
226
Der Hirt entgegensprang, und schrie nicht mehr um Hilfe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gottlieb Konrad Pfeffel
(17361809)

* 28.06.1736 in Colmar, † 01.05.1809 in Colmar

männlich, geb. Pfeffel

deutscher Schriftsteller, Kriegswissenschaftler und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.