Ein ander Sendschreiben an Ihro Gnaden der Frau Oberhofmeisterin Fräulein Tochter

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Ein ander Sendschreiben an Ihro Gnaden der Frau Oberhofmeisterin Fräulein Tochter (1727)

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Gib der grossen Bitte statt,
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Daß mein Brief ein holdes Auge von Dir zu gewarten hat.
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Laß jetzt dein moralisch Buch auf dem Tische vor dir liegen;
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Laß auch dein poetisch Werk, welches dir so viel Vergnügen
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In dem innersten erwecket, unveröffnet vor dir stehn,
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Such davor mein mattes Schreiben hold und gütig anzusehn.
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Und mein Wünschen wird von dir deine Gunst zurücke bringen.
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Ja wie könt es anders kommen, da die Großmuth in dir lebt,
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Und die Tugend dich regieret, und die Klugheit dich erhebt,
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Und die Höflichkeit dich schmückt. In den angenehmen Stunden
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Die ich bey dir zugebracht/ hab ich alles dieß gefunden.

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Sonsten sagt man: Welche Seele fromm und tugenhafft will seyn,
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Soll nicht an den Höfen leben. Doch dieß trift bey dir nicht ein.
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Hat dich klug und tugendhaft, fromm und sittsam auferzogen,
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Sie hat dir durch ihr Exempel einen guten Weg gebahnt,
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Und du hast,
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Was ist das vor eine Lust, wenn die Eltern nach Bemühen,
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Und nach angewandtem Fleiß wohlgerathne Kinder ziehen;
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Wenn sie ihren Lehren folgen, und die Bahn der Weisheit gehn!
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Wer Beweiß von mir verlanget, mag
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So wird er zufrieden seyn: Und wird frölich mit mir sagen:
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Deines Namens Trefflichkeit müß man zu den Sternen tragen!
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Weil du nun so wohl gegründet und in guten fest gesetzt,
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So wird auch dein Herz nicht leichtlich von der Eitelkeit verletzt.
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Das Gestümmel dieser Welt und des Hofs kan deine Jugend
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Von der edlen Weisheits-Bahn, und den Schranken wahrer Tugend
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Nicht ableiten und verreitzen. Du bezeigst dich als ein Held,
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Der stets auf der Wache stehet, und den Feind zurücke prellt.
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Du führst mit dir selber Krieg, und bezwingest deinen Willen.
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Also gehet Salomons Wort und Meinung ins Erfüllen,
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Daß man dich als eine Heldin ihrer Regung nennen kan.
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Wer so kämpfet, wer so sieget, hat das größte Werk gethan.
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Hast
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Den Prinzeßin aufgewart't, o! so gehest du nach diesen
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Wieder in dein stilles Zimmer, und ergreifst ein schönes Buch,
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Dieses ist dein Zeitvertreiber, der belustget dich genug.
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Sitzen andre hier und dort und ergötzen sich mit Scherzen,
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Spielen, tanzen, singen sie, so verlachst du dieß im Herzen.
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Dein erleichter Geist verhöhnet diese niederträchtge Lust,
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Du vergnügest dein Gemüthe; du erquickest deine Brust
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An der Weisheit. Die Vernunft muß dir Hand und Seele führen,
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Und dein Werk, und was du thust, schön mit ihren Schätzen zieren.

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Wären alle Frauenzimmer doch von gleicher Eigenschaft,
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Weise, klug, galant und redlich, höflich, keusch und tugendhaft,
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So, wie
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Daß man so ihr Reich vermehrt. Aber nein! in allen Sachen
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Findt man gut und böse Arten, damit man den Unterschied
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Zwischen denen Laster-Kindern und den Tugend Bildern sieht.
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Schaut man dieß, so lernt man auch jene hassen und vermeiden,
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Diese ehren, auf sie sehn, und den Geist an sie zu weiden.
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Dieses muß ich auch betrachten, dieses weiß und thu ich auch,
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Ich verehr dich in der Stille, u. nicht nach der Heuchler Brauch.
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Stetig kömst du mir in Sinn, denn dein angenehm Bezeigen
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Gegen jede, die dich sehn, macht dir alle Herzen eigen.
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Als wärs nur ein viertel Stündgen, meine Zeit mit dir vollbracht!
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Klugheit, Tugend, Frömigkeit und ein hold und redlichs Wesen,
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Kan man dir an Aug und Stirn, an Gestalt und Mienen lesen.
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Stunden werden zu Minuten, wenn man bey dir sitzen kan,
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Such ich dich mir vorzustellen, so vergnüg ich mich daran.
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Holde Zeit, wenn winkst du mir, daß ich bald das Glück geniesse,
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Und
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Deine schöne Eigenschaften fesseln mich und meinen Sinn,
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Daß, wenn ich an dich gedenke, weiß ich selbst nicht, wo ich bin.
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Wallte dorten Davids Herz, wenn er Jonathan erblickte,
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Wenn er ihn aus Redlichkeit und aus Liebe an sich drückte;
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O! so spührt ich gleiche Regung, da ich deinen Kuß bekam,
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Und ich mit gebrochnen Worten gute Nacht u. Abschied nahm.
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Liebe, Freud und Traurigkeit nahmen meinen Geist gefangen,
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Fuhr mein Geist nachdem wohin, bist du allzeit mitgegangen.
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Wie verlanget mich so herzlich dich bald wiederum zu sehn,
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Und,
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Unterdessen lebe wohl! und erhalt mir deine Liebe,
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Bis der Tod zu meinem Glück seine Wuth an mir verübe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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