Ein Sendschreiben

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Ein Sendschreiben (1727)

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durch Sitten und Tugend,
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Schmückt diese die muntre und adliche Jugend,
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Gleich wie du sie trägest, so saget man frey:
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Daß dieser mit Wahrheit ein Edelmann sey.
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Ich kenne dein Wesen, drum muß ich bekennen:
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Du seyst ein Warhafter von Adel zu nennen.
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Ich heuchle mit nicht, dir ist es bewust,
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Ich liebe die Wahrheit mit innigster Lust.

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Ich habe mit Freuden im Schreiben gelesen,
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Daß viele gelehrte im Lehrsaal gewesen,
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Als du dich vor kurzen zum Redner gemacht,
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Und nunmehr die Rede zur Presse gebracht.
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Drum hoff ich mit nächsten zu meinen Vergnügen
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Das artige Werkgen verehret zu kriegen.
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Doch mach es jetzt anders als letzlich geschehn,
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Und laß mich bey Anfang ein Reimigen sehn.

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Wie kommt es
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Ob Günther, dein Landsmann ein Grabmaal soll kriegen?
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Wie treibst
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Der Dichter verdiente ja billig die Ehr.
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Wär dieses geschehen, so hätt ich gebethen,
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Du ließt mich stat deiner zur Rede auftreten,
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Vor schlesische Redner geziehmt es sich nicht,
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Daß man sich selbst lobet, und von sich selbst spricht.

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Du hast auch nicht übel in Wehlen getroffen
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Von diesen zwey Schönen ist vieles zu hoffen
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Die erste ist warlich die schönste Person,
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Du liesest von dieser wohl schwerlich davon.
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Ja, wenn du die Liebe des Nächsten bedächtest,
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Ihr andre Begriffe und Lehren beybrächtest,
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So thätst du was Gutes. Wers besser versteht,
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Der Lehre ein Mädgen das irrend rum geht.
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Die andre ist gleichfals nicht übel gesinnet,
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Dieweil ihr Vermögen dadurch nicht zerinnet.
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Vier Groschen die Woche vor alles verzehrt.
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O glücklicher Ehmann! dem diese beschert.
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Bekömst du dereinsten so eine wie jene,
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So darfst du nicht sorgen, es werde die Schöne
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Dir schnöde begegnen, sie schmeichelt dich ehr,
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Sie fraget dich freundlich und bittet dich sehr:
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Du solst ihr bald dieses, bald jenes berichten.
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Sie wird dir nichts läugnen noch etwas erdichten.
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Sie bittet mit Lächeln: Schatz! für mir die Hand,
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Und mach mir, den Namen zu schreiben, bekant.
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Wie? wird dich nicht dieses aufs höchste ergötzen!
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Was wirst du wohl diesen Vergnügen gleich schätzen!
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Erfreuet dich aber das gunstige Glück
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Mit einer Gemahlin, die alle die Stück
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Und Gaben und Tugend der letzteren träget;
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So wirst du mit keiner Xantippe beleget.
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Sie ärgert sich niemahls, verstellt das Gesicht,
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Betrübt sich sehr selten, erzörnet sich nicht.
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Ist munter und sparsam, und mehret die Güter.
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Du wehlst dir warhaftig sehr schöne Gemüther.
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Vergieb mir mein Scherzen, verzeihe dem Kiel,
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Mein Schreiben ist jetzo ein lustiges Spiel.

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Es ist nicht zu leugnen, man könte von diesen
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Ein Schauspiel erdenken und lustig beschliessen,
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Es käme viel artges zu Lachen mit für.
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Was lachen wir aber! was suchen denn wir
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Ein Schauspiel von fremden und anderen Sachen
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Die uns nicht betreffen, mit Mühe zu machen?
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Ich glaube jedwedens sein Leben und Lauf,
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Führt selbsten ein Schauspiel gar oftermahls auf.
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Freund! daß dich die Grafen vor andern verehren,
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Das wird dir dein Glücke und Ehre vermehren,
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Vergnüg dich darüber: die Lust ist vergönnt.
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Denn welcher die Grafen gesehen und kennt,
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Der muß es gestehen, Sie zieren die Erde
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Durch Stand und durch Tugend, und jedermann werde
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Zur Liebe und Ehrfurcht gereitzt und geführt.
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So bald er sie höret, erblicket und spührt.
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Saline wird herrlich durch diese geschmücket.
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Das Bildniß der Weisheit ist in sie gedrücket.
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Sie kennen das Wahre und Falsche so gleich,
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Sie lieben die Musen und mehren ihr Reich.
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Ich hab mich gewundert, daß du und mein Vetter,
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In Feindschaft gerathen. O! was vor ein Wetter
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Ist unter euch kommen? Ihr habt euch geliebt,
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Nun aber ist plötzlich die Freundschaft zerstiebt.
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Wie ändert sich alles. Wo sind wohl auf Erden
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Beständige Freunde, getreue Gefehrden
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Zu sehn und zu hören? wo findet man sie?
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Wenn blühet die Treue? ich glaube wohl nie!
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Versöhnt euch doch wieder! ich hab in eilf Wochen,
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Nichts von ihm gelesen, ihr auch nicht gesprochen.
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Ich wundre mich ziehmlich, warum er so schweigt.
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Es bleibet dir ferner mit Freundschafft geneigt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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