Ein Sendschreiben an einen andern gelehrten Freund

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Ein Sendschreiben an einen andern gelehrten Freund (1727)

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Deine Schrift ist mir angenehm gewesen,
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Und ich habe deinen Sinn und den Inhalt gerne gelesen.
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Ich gedacht, da ich sie lase: Wer schreibt oder leget mir
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In der allerersten Zuschrift, hier und dorten Regeln für?
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Nun ergreif ich auch den Kiel, und schreib jetzo, wie ichs meine.
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Bist du himmlisch; so ists gut, bleib darbey, der Nutz ist deine.
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Aber woher weißt du dieses, daß ich noch nicht himmlisch sey?
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Hast du mir ins Herz gesehen? Ist dein Urteil nicht zu frey?
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Du kennst mich durch Umgang nicht, du hast mich noch nie gesprochen,
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Gleichwohl hast du schon den Stab über mich bereits gebrochen.
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Der so Herz als Nieren prüfet, und in alle Winkel schaut,
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Weiß am besten, wer ihm dienet, und sein kleines Häuflein baut.
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Wilst du meine Frömmigkeit daraus sehen, daraus schliessen,
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Weil ich gar kein geistlich Stück ließ aus meiner Feder fliessen?
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Dieß beweist noch nicht die Sache. Mein Beruf verlangt diß nicht,
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Und zum Scheine geistlich schreiben fordert nicht der Christen Pflicht.
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Weißt du doch nicht wie ich Gott in dem Kämmerlein verehre,
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Und im Stillen durch den Kiel auch von meines Gottes Ehre,
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Und von seinen Wundern singe? Wenn es Zeit und nöthig ist,
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Schreib ich nach der Dichter Weise, und auch als ein guter Christ.
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Sieh die Feuer-Ode an, wie ich da die Hände falte,
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Wie ich bete, und zugleich Gott gelassen stille halte.
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Ließ, betracht mein Bergwerks-Carmen, o! so wirst du mir gestehn,
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Daß hier meine Christen-Pflichten Gott zum Lobe sind geschehn.
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Liebeslieder hab ich nie aufgesetzt noch abgesungen.
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Doch ist mir ein Ehren-Stück und ein Heldenlied gelungen,
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Darf ich bitten, o! so schicke mir einmahl ein solches Blat,
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Das zum Endzweck einen Helden und Regenten vor sich hat.
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Dieses weis ich allzuwohl: wenn die grossen Dichter dichten,
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Suchen sie zu ihren Ruhm sich ein Denkmaal aufzurichten,
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Und das Werk, die That, das Leben eines Helden muß der Schein
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Ihrer Ehr- und Lob-Begierde öfters, wo nicht allzeit seyn.
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Doch auf so bescheidne Art, ist die Ehrfurcht zugelassen,
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Soll das Pfund vergraben seyn? Wer wird mich deswegen hassen,
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Wenn ich damit Wucher treibe, und darbey in meinem Sinn
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Mich auf keine Art erhebe, sondern stets bescheiden bin?
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Gleichfalls bin ich überzeugt, daß Vernunft, Verstand und Gaben
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Ihren Ursprung nur von Gott, als dem milden Geber haben.
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Darum wird auch seiner Güte, seiner Huld und Wundermacht,
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Ohne Heuchlen, ohne Prahlen, Lob und Preiß von mir gebracht.
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Freylich hat uns Gottes Hand, durch kein Krieges-Heer erschrecket,
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Noch durch die geschwinde Fluth von dem süssen Schlaf erwecket,
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Unsre Felder sind gesegnet, und der Himmel giebt uns Brod;
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Ja er hilft noch über dieses uns aus mancher grossen Noth.
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Drum werd ich nebst andern auch seine Gnade, Huld n. Seegen
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Mit der größten Dankbarkeit, so viel möglich ist, erwegen.
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Führe deinen guten Wandel, und Beruf nur ferner fort.
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Lebe wohl! und sey vergnüget. Dieses schreibt zum letzten Wort.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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