Sendschreiben an eine Schlesische Dichterin

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Sendschreiben an eine Schlesische Dichterin (1727)

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O sprich nicht, daß mein Haupt
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Mit einem Lorber-Kranz bezieret und belaubt,
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Und ausgeschmücket sey? Ich kenne mein Vermögen,
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Ich muß noch stärkern Grund zu meiner Dichtkunst legen.
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Eh ich ihn würdiglich und rühmlich tragen kan.
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Man steigt mit Fleiß und Schweiß gemach den Berg hinan,
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Worauf der Musen-Fürst den Altar hat gegründet,
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Auf welchem man sein Feur und Opfer-Gaben findet.
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Ich strebe zwar darnach, daß ich mit Ehr und Ruhm,
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Und zu Minervens Lust der Musen Heiligthum
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Dereinst betreten mag; Ob aber meine Kräfte,
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Mein Wille, Müh und Fleiß dieß wichtige Geschäfte
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Zu fassen fähig sind, daß muß ich erst noch sehn.
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Ich zweifle, daß ich werd so weit zum Pindus gehn.
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Wie? solte ich der Stof von deinen Lidern heisen?
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Kan dir nichts edleres den Weg zum Dichten weisen?
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Nimm einen Held vor dich, und singe ihm zum Preiß,
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Dieß gibt dir bessern Stof; dieß wird dir deinen Fleiß
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Und angewandte Kunst mit Ehr und Lob begleiten,
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Dieß wird dir Hand und Kiel yu schönen Liedern leiten:

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Daß mancher muntre Geist zu meiner Ehre singt;
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Und mancher netter Kiel ein schön Geschenke bringt,
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Das würkt die Höflichkeit; die Großmuth will darneben/
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Ist mein Verdienst gleich schlecht, mein wenig Lob erheben.
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Nein, Wehrte Guttmanin! Mein Thon und mein Gesang,
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Mein ganzes Sayten-Spiel und meiner Harfen Klang
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Gleicht gar auf keine Art des Orpheus süssen Thönen.
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Ich glaube, du wilst mich mit diesem Gleichniß höhnen;

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Ist ja wohl werth genug, daß man ihn scharf beweint.
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Wenn ich nur seinen Tod und sein Parade-Bette,
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Nach Wunsch und Würdigkeit recht schön besungen hätte.
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So wär mein Geist vergnügt. Wie? Ist dieß nicht zu viel,
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Daß du,
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Mehr als das Schlesische in deinem Brief wilst loben?
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Du schmeichlest mir zu stark. Nein, meiner Lieder Proben
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Bezeugen, daß ich nicht die zehnde Muse bin.
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Darzu gelang ich nicht. Da denke ich nicht hin.
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Indessen dank ich dir vor dein geehrtes Schreiben,
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Es soll mir gleich wie du im Andenken bleiben.

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Ich schliesse, lebe wohl! begehe dieses Fest,
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Das uns des Menschen Sohn mit nächsten feyren läßt
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Vergnügt und höchst erfreut, und leg mit Heil und Glücke
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Das bald verstoßne Jahr nach deinem Wunsch zurücke.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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