Ein Sendschreiben

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Ein Sendschreiben (1727)

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Du denkest warlich falsch, wenn deine Seele meint,
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Ich zörnte, weil dein Brief so spät zurück gekommen,
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Und eingelaufen ist. Ich habe nun vernommen,
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Woran die Ursach liebt. Ich glaube deinem Wort,
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Die Zeit ist warlich kurz, sie eilt und flieget fort.
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Kaum eh wirs uns versehn, so sind die Tages Stunden
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Mit aller unsrer Müh und Arbeit schon verschwunden.
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Wohl dem, der seine Zeit recht einzutheilen weiß!
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Wohl dir, daß du beym Buch und Pult mit Müh und Schweiß
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Die Tage hinterlegst! Ich würde dirs verdenken,
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Wenn du mir einen Brief in Reimen würdest schenken,
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Wodurch vielleicht ein Dienst der Themis unterblieb,
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Und dein Geist nicht das Amt der Weisheit eifrig trieb.
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Wie? hängt dein Saytenspiel bestäubet an der Wand?
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Fühlt deine Brust hierdurch so starken Widerstand?
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Soll deine liebe Frau so ganz verlassen heisen?
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O. – – kanst du dich ihr wohl so scharf entreisen?
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Verzeihe meinen Scherz, der meinem Kiel entfährt.
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Wie aber werde ich aus deinem Brief belehrt,
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Daß dein bedrängter Fuß auf Dornen müsse gehen,
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Und du – – – nur Unruh müssest sehen?
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Was schreibst du? Zwar die Noth und Last ist allgemein,
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Sie schliesset niemand aus. Man bilde sich nicht ein,
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Daß jemand auf der Welt von Kreutz und bösen Tagen,
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Von Trübsal und von Angst nicht etwas könte sagen.
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So wenig als das Feld von Ungestüm befreyt,
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Und angefochten bleibt; so wenig kan die Zeit
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Die unser Fuß durchläuft, von lauter Freude wissen,
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Wir trinken unsern Trank und nehmen unsre Bissen
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Gar oft mit Thränen ein. Kein Mensch ist auf der Welt,
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Dem nicht die Allmachts-Hand den Kreutz-Kelch zugestellt.
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Doch wer ihn herzhaft trinkt, und ist getrost in allen,
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Den läßt die ewge Huld doch nie in Leiden fallen.
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Es ist ein köstlich Ding, in seiner Jugend-Zeit
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Die Trübsal, so uns drückt, das bittre Herzeleid,
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Recht standhaft auszustehn und mit Gedult zu tragen.

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Wie aber hör ich dich in deinem Schreiben klagen?
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Beweintest du mein Haus, gieng dir Sidonia
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Und wer ihr zugehört, jüngst so empfindlich nah?
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Hat dir,
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Ist wahr? daß du, wie ich, der Hände Paar gerungen,
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Und uns beklaget hast? du kanst zwar meinen Schmerz
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Und hochbetrübten Geist/ und abgemattes Herz
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Bey unsrer Feuers-Glut und Noth gar wohl erwegen.
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Jedoch, wie du schon weißt, hat uns des Höchsten Seegen
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Und Allmacht wunderbar, da wir es kaum gedacht,
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Erhalten und beschützt, und aus der Noth gebracht.
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Ach! einmahl hat uns schon das Feuer aufgerieben,
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Jetzt aber, Gott sey Lob! sind wir verschont geblieben.
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Wie du dein Vaterland jüngsthin beweinet hast;
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So hab ich gleichfals auch ein Klag-Lied abgefaßt,
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Um meine Vaterstadt auch thränend zu besingen.
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Muß dir und mir ein Lied zu unserm Schmerz gelingen?
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Dein Mitleid,
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Und danke dir davor, so rein ich immer kan.
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Dein schön und frommer Wunsch bringt gleichen Wunsch zurücke.
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Ich wünsche dir davor des Himmels Gnaden-Blicke;
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Die Allmacht schütze dich und segne Amt und Stand,
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Und bringe deinen Fuß in ein gelobtes Land.

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Noch eins,
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Wenn er dich sprechen kan, er ist ganz ausser sich,
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Wenn er an dich gedenkt, er glaubet festiglich,
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Du seyst der liebste Freund, den er nur jemahls funden;
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Dein Zuspruch und dein Gruß labt ihn zu allen Stunden.
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Hochwerther! soll ich dann in unserm Ger-Athen
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Dich nicht einmahl bey mir bewirthen oder sehn?
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Soll B – – dieses Glück so oft und viel geniessen;
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So hoff ich, wirst du auch Sidonen einst begrüssen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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