Das unter Gluth und Flammen ächzende Erfurt

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Das unter Gluth und Flammen ächzende Erfurt (1727)

1
O! Was erhebt sich vor ein Sturm!
2
Wie braußt der Wind in unsern Gassen!
3
Dort wankt ein hochgespitzter Thurm,
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Den hunderttausend Wirbel fassen.
5
Hier kracht ein schwach und mürbes Haus;
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Sein Grimm bricht Kalch und Ziegel aus;
7
Er pfeift durch Gärten und Gebäude.
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Entstünd ein Feuer ohngefehr,
9
Wo nähmen wir jetzt Rettung her;
10
Wie schlecht wär unsre Sabbaths-Freude!

11
O weh uns! kaum gedenk ich dran,
12
So hör ich Feuer! Feuer! schreyen.
13
Die Funken steigen Himmel an,
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Und scheinen uns den Tod zu dräuen.
15
Die ganze Stadt erschrickt und bebt,
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Und was in unsern Mauren lebt,
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Erzittert, läuft und eilt zum Retten.
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Der stark und ungeheure Wind
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Treibt Gluth und Flammen so geschwind,
20
Als ob sie güldne Flügel hätten.

21
Das Schrecken häuft sich, da der Knall
22
Der Stücke durch die Ohren dringet.
23
O welch ein höchst betrübter Schall!
24
Der Groß und Klein zum Seufzen zwinget.
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Hällt den ihr Donnern gar nicht ein?
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Soll dieß des Land-Volks Losung seyn?
27
Ach ja! es muß zu Hülfe eilen.
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Wie heftig steigt der Rauch empor!
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Wie grausam bricht die Gluth hervor!
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Man sieht den Schein auf viele Meilen.

31
Der Stücke Blitz; der Trommeln Klang;
32
Der Glocken fürchterliches Heulen
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Verhindert Andacht und Gesang;
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Die Noth verstattet kein Verweilen.
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Man denkt an keine Predigt mehr.
36
Die Gottes-Häuser werden leer;
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Ein jeder fürchtet Gluth und Flammen.
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Man schaut den Himmel thränend an,
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Und schlägt, weil Gott nur helfen kan,
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Die Hände Wehmuths-voll zusammen.

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Umsonst! der Höchste hört nicht drauf;
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Sein Grimm kömmt über uns gezogen.
43
Er läßt dem Feuer freyen Lauf,
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Indem sehr viel schon aufgeflogen.
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Der Wind tobt fort, und bläßt und saußt,
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Vermehrt die Flammen, stürmt und braußt,
47
Und droht ein allgemein Verderben.
48
Was Wunder, wenn wir trostloß stehn;
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Was Wunder? wenn wir traurig gehn,
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Und fast vor Furcht und Schrecken sterben.

51
Dort trägt mit Seufzen, Ach und Weh
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Ein armes Weib ein Bündel Betten,
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Und hält es zitternd in die Höh,
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Um dieß noch vor der Gluth zu retten.
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Hier läuft ein hochbetagter Mann,
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Trägt, was er sonst kaum heben kan,
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Und suchts in Sicherheit zu bringen.
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Da führt und schleift man Kaufmanns-Guth,
59
Man eilt es möchte sonst die Gluth
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Die Waaren allesamt verschlingen.

61
Reißt Frauenzimmer! reißt die Pracht
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Von Achseln, Haupt und Schlaf herunter!
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Kommt gebt auf eure Freunde acht,
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Und seyd zum Räumen frisch und munter.
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Was denkt ihr jetzt an Feyer-Kleid,
66
Jetzt da das Feuer Funken speyt,
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Und seinen rothen Rachen weiset.
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Auf! säumet nicht! helft, wo ihr könnt,
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So lang die Gluth euch Zeit vergönnt,
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Damit man eure Großmuth preiset.

71
Das ungeheure Element
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Sucht seine Flügel auszubreiten.
73
Es raßt und tobt, und frißt behend,
74
Und lodert schon auf allen Seiten,
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Der Sturm bläßt heftig in die Gluth,
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Und mehret dadurch ihre Wuth,
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Und unterhält die tollen Flammen.
78
Hier sind, wie ist mir doch so bang,
79
Zu unsers Erfurts Untergang
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Zwey Feinde unzertrennt beysammen.

81
Jetzt steigt ein Regenbogen auf;
82
O! wäre dieß ein Gnaden-Zeichen!
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Vieleicht sieht Gottes Auge drauf,
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Und läßt sein Vater-Herz erweichen.
85
Doch nein! der Sturm bläßt immer mehr;
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Er heult und brüllt und wüthet sehr,
87
Und blendet durch den Rauch die Augen.
88
Man weiß fast nicht wohin man sieht;
89
Der heise Dampf, der seitwerts zieht,
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Beißt schmerzlicher als scharfe Laugen.

91
Vor Schrecken kreyset dort ein Weib,
92
Und muß ihr Kind in Thränen baden.
93
Hier trägt man einen siechen Leib,
94
Damit ihn nicht die Flammen schaden.
95
Wenn jetzt die arme Geren-Stadt
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Den Höchsten nicht zum Helfer hat,
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So muß sie gänzlich untergehen.
98
Wofern er nicht dem Wind gebeut,
99
Dem Feuer wehrt, dem Funken dräut,
100
So bleibt kein einzig Wohnhaus stehen.

101
Der Himmel zeigt uns noch einmahl
102
Den buntgefärbten Regenbogen.
103
Allein er mindert nicht die Quaal,
104
Die Gluth kömmt stärker hergezogen.
105
Der Rauch benimmt der Sonnen-Blick,
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Die Luft wird dampfigt, schwarz und dick,
107
Dort fliegen angeflammte Kohlen;
108
Sie drehen sich mit Ungestümm,
109
O Jammer! ihr erhitzter Grimm
110
Entzündet auch die stärcksten Bohlen.

111
Hier stürzt ein lodernd Dach herab;
112
Dort knackt und prasselt ein Gebäude,
113
Und findet bald ein rothes Grab
114
Zu des Besitzers größten Leide.
115
Die Gluth verschont kein steinern Haus,
116
Sie brennt die schönsten Zimmer aus;
117
Die stärcksten Mauren müssen springen.
118
So plözlich kan die schnelle Gluth
119
Haus, Bücher, Früchte, Hab und Guth,
120
Eh man es noch vermeint, verschlingen.

121
Man sieht, wie sich die Spitzen drehn,
122
Wie scharf sie mit den Flammen fechten;
123
Sie geben zischend zu verstehn,
124
Wie gern sie uns erretten möchten.
125
Allein umsonst! mir fällt der Muth;
126
Kein Wasser tilgt die wilde Gluth.
127
O! könnt man sie mit Thränen zwingen!
128
Ich weiß, sie wär schon längst gesrillt,
129
Denn was aus unsern Augen quillt,
130
Wär stark genug sie zu verdringen.

131
Ihr Nachtbarn! die ihr jetzt den Knall
132
Der schmetternden Canonen höret,
133
Gedenkt nur nicht, daß dieser Schall
134
Ein hohes Haupt zur Lust verehret.
135
O nein! dieß brüllende Geschrey
136
Ruft euch zur Hülf und Rettung bey,
137
Indem wir mit den Flammen streiten.
138
Ach eilt! mich deucht, der bange Thon
139
Der Glocken will anjetzo schon
140
Der schönen Stadt zu Grabe läuten.

141
Das Volk läuft in der Stadt herum
142
Gleich wie die Schafe ohne Hirten.
143
Es fällt vor Mattigkeit fast um;
144
Wer will die Hungrigen bewirthen?
145
Das arme Vieh heult jämmerlich;
146
Es schmachtet wo verbirgt es sich?
147
Damit es nicht im Feuer sterbe;
148
Es schreyt und fleht den Höchsten an,
149
So, wies zu Ninive gethan,
150
Auf daß es nicht mit uns verderbe.

151
Kein Priester, ja kein Jonas mag
152
Die Herzen so zur Busse lenken;
153
Als diese Gluth am Sabbath-Tag;
154
Wer wolte nicht an Gott gedenken?
155
Jetzt bricht die Langmuth und Gedult;
156
Jetzt straft der Höchste unsre Schuld;
157
Sein Zorn entbrennt an diesem Tage;
158
Sein Arm schlägt heftig auf uns loß;
159
Die Sabbaths-Sünden sind zu groß;
160
Wie wohl verdienen wir die Plage!

161
O Vater-Auge! sieh doch drein!
162
Erbarme dich, und wehr dem Feuer!
163
Denk, daß wir dein Geschöpfe seyn!
164
Komm! dämpfe dieses Ungeheuer.
165
Das Unglück hat noch keine Ruh!
166
Mein Gott: die Gassen fallen zu,
167
Da heißt es: rettet euer Leben!
168
Laßt Eymer und auch Spritzen stehn,
169
Dort will sich schon ein Balken drehn
170
Und euch den Rest im Fallen geben.

171
Das Erzt der Glocken zischt mit Macht,
172
Es schmelzt und spritzet in die Flammen;
173
Die Thürme sincken; hört! es kracht!
174
Der Tempel fält verbrant zusammen.
175
Noch mehr: das Predger Gottes-Haus
176
Steht viel Gefahr vom Feuer aus;
177
O möcht es doch der Himmel stützen!
178
Ja! ja hier hält die Flamme still!
179
Getrost! was Gott erhalten will,
180
Das weiß er kräftig zu beschützen.

181
Was dort der muntre Handwerks-Mann
182
In weit entlegne Häuser schaffet,
183
Das greift nunmehr das Feuer an;
184
Es wird fast gänzlich weggeraffet.
185
O Schmerz! Die Flamme wüthet fort;
186
Bald brennt es hier; bald yündt es dort;
187
Man ist in keiner Strasse sicher.
188
Wie kan das Elend grösser seyn?
189
Die Gluth dringt in die Keller ein,
190
Und raubet Silber, Schmuck und Tücher.

191
Wer hilft mir? werd ich nicht erhöhrt!
192
Ihr Eltern! seht! wir sind verlohren.
193
Die Flamme, die dort aufwerts fährt,
194
Hat uns den Untergang geschworen.
195
Das Haus, so einst zur Asche ward,
196
Steht in Gefahr und leidet hart,
197
Und soll von neuen wüste werden.
198
Der Garten raucht, ach! widersteht!
199
Hier liegt das Feuer wie gesät;
200
Die Kräuter brennen auf der Erden.

201
Betrübte Mutter! weine nicht!
202
Wir wollen unserm Gott vertrauen,
203
Der uns so vieles Heyl verspricht;
204
Wir werden seine Hülfe schauen.
205
Je mehr uns die Gefahr bedroht;
206
Je mehr und grösser unsre Noth,
207
Je näher ist der Schutz von oben.
208
Wer weis, was Gott in seinem Rath
209
Noch über uns beschlossen hat?
210
Mich dünkt; der Wind hört auf zu toben.

211
Gedacht, gewünscht, gehoft, geglaubt,
212
Der Herr hat uns bereits erhöret,
213
So, daß sich nun mein Herz und Haupt
214
Mit Lob und Dank zum Himmel kehret,
215
Gleich, da fast aller Trost verschwind,
216
Gebeut der Herr dem starken Wind,
217
Und setzet ihm gemeßne Gränzen;
218
Vielleicht sieht auch die Allmacht drein.
219
Und hüllet Gluth und Flammen ein,
220
Die noch am Firmamente glänzen.

221
Der Himmel wird von Wolken dick:
222
Ach! wenn doch jetzt ein Regen käme!
223
O! wenn das Göttliche Geschick
224
Dem Feuer seine Macht benähme
225
Jedoch vergeblich hoft das Herz;
226
Die Flamme dauret wie der Schmerz;
227
Sie höret noch nicht auf zu wüthen:
228
Das Volk gießt immer sonder Ruh
229
Das Wasser auf die Dächer zu,
230
Um weiters Unglück zu verhüten.

231
Hier fällt und tödtet Kalch und Stein,
232
Und zwingt den Geist davon zu scheiden.
233
Da frißt die Flamme Fleisch und Bein:
234
So stirbt man mit dem größten Leiden!
235
Die sanfte Gere wird gestemmt;
236
Wodurch wird dann ihr Lauf gehemmt?
237
Durch Kisten, Kasten, Betten, Fässer.
238
Das, was kein Haus, kein Markt und Mann
239
Vor Gluth und Funken retten kan;
240
Das schützt noch endlich das Gewässer.

241
Die, so der Tod bereits gesucht,
242
Die müssen zu der Freude Grämen,
243
Durch Tragen ihre schnelle Flucht
244
In wohlverwahrte Keller nehmen.
245
Der Säugling fühlt der Mutter Noth,
246
So ihm bald drauf zu würgen droht,
247
Und muß mit vielem Jammer sterben.
248
Das Schrecken mehrt der Krankheit Schmerz,
249
So greift Morbona an das Herz,
250
Und weiß das Leben zu verderben.

251
Der Abend kömmt betrübt herbey;
252
Die Sonne geht ganz traurig unter,
253
Allein das Feuer herrscht noch frey;
254
Das matte Volk bleibt gleichfals munter.
255
Das Stücke wiederhohlt den Knall;
256
O mehr als fürchterlicher Schall!
257
O strenges Nacht-Lied, so wir hören.
258
Auch Schreckens-voller Morgen-Gruß,
259
Der uns zugleich erinnern muß
260
Die Augen nach dem Brand zu kehren.

261
Die Glocken und Canonen sind
262
Fast müde ihren Thon zu geben.
263
Die Nacht ist hin; allein man findt
264
Die Stadt in grosser Noth noch schweben.
265
Doch unverzagt! Die Gluth vergeht,
266
Dieweil der Höchste bey uns steht;
267
Er ruft: Es ist genug mit Schlagen!
268
Gott schonet unser, wie vor dem
269
Der grossen Stadt Jerusalem,
270
Sein Engel soll uns nicht mehr plagen.

271
Kommt! schaut die Aschen-Hauffen an,
272
Die gleich den Ziegel-Oefen rauchen.
273
Man sieht, so weit man sehen kan,
274
Die Gluth verdeckt und dampfend schmauchen.
275
O heises Grabmaal einer Stadt,
276
Die Gott so scharf gezüchtget hat!
277
Hier überfällt mich Furcht und Grauen.
278
O soll ich dich mein Ger-Athen
279
In solchem Jammer-Stande sehn!
280
Und deine Bürger weinend schauen.

281
Sucht eure Stätte nur noch nicht,
282
Nein, sondern sucht zuerst die Gassen,
283
Der Schutt betrüget das Gesicht;
284
Sie werden sich kaum finden lassen.
285
Hier ist ja lauter Wüsteney;
286
Der Berge sind so vielerley;
287
Wer will euch eure Wohnung zeigen?
288
Man geht jetzt nicht durch Strassen hin;
289
Man muß mit tiefgebeugtem Sinn
290
Nur über Feuer-Hügel steigen.

291
Der Höchste schlug; er wird sich auch
292
Der elend- und betrübten Armen
293
Nach seinem väterlichen Brauch,
294
Nach seiner Huld und Gnad erbarmen.
295
Wer aber davon hört und spricht,
296
Verdamme ja und richte nicht,
297
Und untersuche sein Gewissen.
298
Denn so ihr jetzt nicht Busse thut,
299
So werdet ihr durch Sturm und Gluth
300
Auf gleiche Art verderben müssen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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