Auf die in Amsterdam blühende Musa

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf die in Amsterdam blühende Musa (1727)

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Wach auf mein Geist! erweg und merke
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Des grossen Schöpfers Wunder-Macht,
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Und untersuche mit Bedacht
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So viel dir möglich, ihre Stärke.
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Doch sie ist unerschöpflich groß;
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Ihr Wesen ist nicht zuergründen:
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Und wer ihr Ende meint zufinden,
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Der giebt sich in der Thorheit bloß.
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Man spührt die Allmachts-Hand in Gärten und in Fluren,
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Man findet ihre Kraft in allen Creaturen.

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Da sieht das forschende Gesichte
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Wohin sich nur sein Auge fügt,
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Das, was es reitzet und vergnügt,
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Erstaunend, und im vollen Lichte.
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Was ehedessen Eden war:
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Was man von Schönheit da gefunden,
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Das sieht man noch zu diesen Stunden
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Bald hier, bald dorten offenbar.
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Laßt Eden, Eden seyn! auf andern schönen Auen;
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Kan mans in kleinen sehn, wo nicht vollkommen schauen.

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Wie? Ist nicht Tempens Lust-Gefülde
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An Früchten und Gewächsen reich?
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Wo kommt ihn leicht ein Garten gleich?
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Hier ist die Höchste Hand sehr milde!
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Dort trägt America ein Kraut,
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Das von des Schöpfers Wundern zeiget.
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Gleich wie Judäa auch nicht schweiget;
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Es weißt was Gott vor Pflantzen baut.
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Egypten, Africa und Europäens Höhen,
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Die lassen dem Gesicht die schönsten Blumen sehen.

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Wien, Franckreich, Welschland, Dreßden lehret,
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Und zeiget uns sehr reichlich an,
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Was hier die Wunderhand gethan,
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Und wie sie ihre Wercke mehret.
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Was läßt nicht Hollands Garten-Feld
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Vor Pflanzen und vor Blüthen schießen?
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Hier muß des Menschen Herze schließen?
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Groß ist der Meister dieser Welt!
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Geht nur nach Leiden hin! Ihr müsset ja gestehen,
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Daß ihr die Aloe daselbst im Flor gesehen.

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Wo sinnt ihr hin! Was vor Vergnügen
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Treft ihr bey weisen Beeten an?
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Wer denkt noch jetzo wohl daran,
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Auf Florens Schooß vergnügt zu liegen?
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Der Zephyr zürnt mit seiner Braut,
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Und sondert sich von ihren Gränzen.
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Wo will der Blumen Farbe glänzen?
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Wo blühet jetzt ein rares Kraut?
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Das Mahlwerk der Natur und was hervor gesprossen,
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Das hat ein weises Grab verdecket und verschlossen.

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Dieß ist wohl wahr; doch bleibt darneben
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Die Allmacht Gottes unverletzt;
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Sie kan dem, der sich dran ergötzt
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Beständig neue Proben geben.
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Geschicht was ausserordentlich,
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So ist das Wunder desto grösser,
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Man merkt des Schöpfers Weißheit besser,
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Und unsre Ehrfurcht mehret sich.
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Beweißt Gott seine Kraft und Wunderhand auf Erden,
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So muß wenn er nur will aus Winter Sommer werden.

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Dieß muß jetzt Amsterdam bezeugen,
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Und aller Augen auf sich ziehn;/
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Hier sieht man eine Pflanze blühn,
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Die wenig hohen Häuptern eigen.
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Der Tag der uns zwölf Monath bringt,
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War kaum mit seinem Licht gekommen,
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So hat man freudig wargenommen,
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Wiewohl des Gärtners Wunsch gelingt.
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Die Musa ein Gewächs und Pflanze seltner Schöne,
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Vergnügt das Silber-Haar, und auch die muntre Söhne.

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Ganz Holland hat in vorgen Tagen
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Kaum einmahl ihre Blum gesehn,
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Soll Deutschland ihren Flor gestehn,
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So kan es nur von zweymahl sagen.
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Europa kommt fast klagend ein,
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Und murret über das Geschicke,
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Daß ihr dieß sonderbahre Glücke
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So wenigmahl soll wissend seyn.
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Die Allmacht will im Glück bey diesen rauhen Zeiten,
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Durch dieser Pflanze Pracht vor Amsterdam bereiten.

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Ihr Augen! Was vor ein Vergnügen
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Stellt euch nicht diese Musa dar?
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Viel hundert Seelen nimmt man wahr,
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Die sich zu ihren Zweigen fügen.
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Hier steht man still; hier ruft man laut:
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Was kan wohl dieser Schönheit gleichen?
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Hier muß der größte Künstler weichen,
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So sehr er auf sein Wissen baut.
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Die Blumen, die sie trägt, sind von besondern Gaben,
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Daher sie in der Welt den grösten Vorzug haben.

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Des Salomonis Herrlichkeiten
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Erreichten nicht der Lilien Pracht,
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Die Hand die sie hervor gebracht
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Weis ihren Adel anzudeuten.
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In einen Garten können wir,
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An unsers hohen Schöpfers Werken,
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Die Grösse seiner Wunder merken.
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O! welche Weißheit gleichet dir!
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Kan eine Lilie nun dein Lob so sehr erheben;
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So muß dir Hollands Frucht noch größre Ehre geben.

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Zwar Ihr Gelehrten wolt jetzt fragen:
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Was vor ein Baum die Musa sey?
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Die Frag ist schwer und mancherley,
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Und jeder meinet recht zu sagen.
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Forscht immerhin und critisirt,
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Ihr müsset doch mit mir bekennen,
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Sie sey ein solches Werk zu nennen,
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Das uns zum Lobe Gottes führt.
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Ihr Wesen giebt die Kraft des Höchsten zu verstehen,
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Und lässet uns ein Stück von seiner Allmacht sehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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