Ode

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Ode (1727)

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Ich bin vergnügt,
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Und finde mein Vergnügen,
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Wo schöne Bücher liegen.
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Behalt o Nymphen-Chor den Thon und alles Spiel,
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Ich wehle mir den Kiel.
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Belustiget euch an allen
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Was euch nur wohlgefallen
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Und stets ergötzen mag. Mein Herze wünscht und spricht:
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Höhnt nur die Feder nicht,
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Die meinen Beyfall kriegt.
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Ich bin vergnügt.

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Ich bin vergnügt,
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Wenn ich in meinen Tagen
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Von Einsamkeit kan sagen.
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Dieweil die Welt so falsch; so wünsch ich nur allein
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In meinem Haus zu seyn.
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Ihr Gäste dieser Erden!
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Ihr müßt belehret werden:
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Was euch der Umgang hilft, was er vor Nutzen bringt.
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Mein Herz und Zunge singt:
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Ein stilles Wesen siegt.
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Ich bin vergnügt.

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Ich bin vergnügt,
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Mir mag in diesem Leben
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Der weise Schöpfer geben,
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Was er mir zugedacht, und was zu jeder Frist
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Mir dient und nützlich ist.
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Ich bin damit zufrieden,
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Was er mir hat beschieden.
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Wenn andre übers Glück und das Verhängniß schreyn;
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So kan ich mich erfreun.
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Ich ruf, weil ich gesiegt:
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Ich bin vergnügt!

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Ich bin betrübt,
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Dieweil die Menschen wollen
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Dem Aberglauben zollen.
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Die Falschheit steht im Flor; es wächset der Betrug;
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Zum Lügen ist man klug.
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Die Tugend will verschwinden;
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Das Laster läst sich finden.
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Der Hohn, die Lästerung, der Neid thut sich hervor,
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Man ziehet ihn empor,
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Wenn er die Losung giebt.
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Ich bin betrübt.

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Ich bin betrübt,
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Weil sich unschuldge Seelen
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So lange müssen quälen.
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Die Unschuld wird zur Schmach der Wahrheit unterdrückt,
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Sie wanckt und geht gebückt.
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Die Welt und Zeit wird immer,
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Von Tag zu Tage schlimmer.
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Welch Herze seufzet nicht, wann solche Boßheit blüht,
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Und wenns dieselbe sieht?
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Ach Gott was wird verübt!
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Ich bin betrübt.

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Ich bin erfreut,
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Weil mir der gütge Himmel
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In diesem Weltgetümmel
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Ein aufgemuntert Herz und auch Gesundheit schenkt,
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Mich nicht mit Schmertzen kränkt;
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Sind andre auf dem Lager
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Von Krankheit schwach und mager;
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So weis ich nichts von Last, Beschwerung oder Pein.
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Drum kan ich frölich seyn.
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Ich sing zu dieser Zeit:
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Ich bin erfreut!

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Ich bin beschützt,
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Mein Herze lebt und lachet,
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Wenn alles blizt und krachet,
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Weil mich der Himmel doch in dieser argen Welt
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Bedecket und erhält.
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Wenn Unglücks Fluthen rauschen,
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Und heimlich auf mich lauschen;
74
So weis des Höchsten Arm, wie er mich sicher deckt,
75
Die tollen Feinde, schreckt;
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Mich aber unterstützt.
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Ich bin beschützt.

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Ich bin getrost!
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Will gleich auf allen Seiten
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Das Schicksaal mich bestreiten,
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Durchwühlt es mir das Herz, und dringet bis aufs Blut:
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Behalt ich doch den Muth.
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Ein unverändert Herze,
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Besitze ich im Schmerze.
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Wenn endlich auch der Tod sich meinen Augen zeigt,
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Und mich zur Erde beugt;
87
So steh ich unerboßt,
88
Und bin getrost.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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