Ein Sendschreiben

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Ein Sendschreiben (1727)

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Du hast mir kund gemacht,
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Daß deiner Liebsten jetzt ein Kind im Schooße lacht:
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Worüber ich mich herzlich freue,
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Und wünsche, daß der Herr dem Kinde Gnad verleyhe.
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Ich will mich auch bemühen,
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Die Bücher, so du mir geliehen,
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Mit ersterer Gelegenheit,
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Nach deinen gütgen Händen
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Mit Danck zu übersenden.
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Das Eine, so du mir zum Eigenthum geweyht,
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Soll dir zu Ehren bey mir leben.
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Den Danck davor will ich auf diesem Blatte geben.
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So muß ich Dir auch etwas neues melden:
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Marinus, einer von den größten Helden,
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Und Ritterschafft der Sparsamkeit,
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Und Ehstands-Canditate,
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Der gieng, noch neulich spate,
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Und zwar ganz in dem stillen,
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Und überhäufte sich mit Grillen.
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Dieweilen ihm die Zeit
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Des Abends und des Nachts zu lange,
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Die Liebe machte ihm auch ziehmlich bange.
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Drum schmückte er sich aus,
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Und gienge recht in Schrancken,
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Mit Freyerey Gedancken
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In Liselantens Haus.
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Es musten Mienen und Geberden,
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Wie gleichsam angenagelt werden.
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Doch Liselante,
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Die seine Eigenschafften kannte:
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Indem er stets die Erbsen zehlt,
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Und nie aus Sparsamkeit die Rüben scheelt;
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Das Brod auf einer goldnen Wage wieget;
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Und sich mit Hallschen Schmalz begnüget:
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Um dessen Trank sich sieben Bauren raufen,
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Ob er dem Geren-Strom entlaufen.
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Sie sprach, mit angenehmen Mienen:
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Mich wundert sehr, daß ihr bey mir erschienen,
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Und gar um meine Liebe werbet;
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Da ich doch nicht wie ihr die Tugenden ererbet.
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Denn ihr casteyet euch mit Macht;
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Ich aber bin auf Gasterey bedacht;
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So speise ich auch gerne Fleisch,
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Denn Saltz und Brod macht mich nur heisch.
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So ist mir auch das Wasser viel zu stark,
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Indem es grosse Räder treibet.
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Ich speise mich nicht karg,
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Und trinke daß nichts übrig bleibet;
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So möchtet ihr durch mich und mein Erbarmen,
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In kurzer Zeit verarmen.
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Solt ich wohl solche Sünde auf mich laden?
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Davor bewahr mich Gott in Gnaden.
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Und so ist er vom Jungfer-Orden,
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Mit Körben reich beschencket worden;
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So, daß er wohl in manchen Jahren,
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Das Geld zum Holze kan erspahren.
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Doch liese ihm die Liebe keine Ruh,
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Drum sagte er zu sich
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Großmüthiglich:
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Ich weis wohl was ich thu.
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Ich will mich an Rosetgen machen,
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Vieleicht gerathen meine Sachen.
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Ich will sie mit der Venus-Kette,
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Ins Hochzeit und ins Wochen-Bette,
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Auf einen Tag einführen.
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Rosetgen brannte wie ein Feuer,
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Drum tanzte sie nach seiner Leyer,
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Gieng seinen Willen leichtlich ein,
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Und sang am Hochzeit-Tage
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Zu ihrer Eltern Schmerz und Plage:
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Schlaf ein, schlaf ein mein Kindelein!
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Auf solche Art
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Hat er den Mahlschatz und das Kleid erspahrt:
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Er brauchte bey dergleichen Sachen,
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Sich keine grosse Müh zu machen.
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Es wurde kein Geschenke ausgetheilt,
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Es unterblieb der Schmaus,
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Der Priester gieng mit trocknem Munde raus.
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Auf diese Weise war sein Schmerz geheilt,
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Und kunte darbey viel erspahren.
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Wohlan! ich muß nun schliessen,
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Laß dir mein Schreiben nicht verdrüssen.
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Ich wünsche; lebe wohl!
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Es kröne dich das Glück vom Sternen-Pol!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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