Auf den Namens-Tag einer ansehnlichen Matrone

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf den Namens-Tag einer ansehnlichen Matrone (1727)

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Ich weiß nicht, wie mir ist; Ich fühl in meiner Brust
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Nichts als Vergnüglichkeit und angenehme Lust;
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Das Herze freuet sich, der Mund ist voller Lachen/
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Mein Angesicht kan nichts als frohe Mienen machen.
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Woher kommt dieser Trieb? Was muß die Ursach seyn?
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Bedenk ich meinen Stand, so fällt mir plötzlich ein,
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Daß ich verwayset bin, und keinen Vater habe.
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Ich weine manchen Tag bey meines Vaters Grabe.
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Ach! dieser Waysen-Stand bringt mich zur Traurigkeit!
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Woher kommt denn die Lust und die Zufriedenheit,
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Die meine Seele fühlt? Ja! nun kan ichs verspühren,
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Woher jetzt meine Lust und Freude müsse rühren:
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Das dich der starke Gott mit Freuden sehen läßt;
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Das ist es, sage ich, was meine Brust ergötzet,
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Und mich in Frölichkeit und muntres Wesen setzet.
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Ich hab auch Recht darzu: Denn wenn mein Geist bedenkt,
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Wie sich dein Herz und Mund zu Gott im Himmel lenkt,
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Wie du die Andacht liebst, wie du bescheiden wandelst,
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Und alle Falschheit fliehst, und treu und redlich handelst;
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Mit was vor stillen Geist, Geduld und Lieb und Treu
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Stundst du dem Kranken-Bett des Ehegatten bey;
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Du hassest Stolz und Pracht, dein Reichthum und Vermögen
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Kan nicht den kleinsten Grund zum Hochmuth in dir legen.
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Du siehst der Armen Noth mit nassen Augen an,
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Du giebst, du hilfst und dienst, wo deine Hand nur kan.
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Du bist ein Tugendbild, ein Weib von frommen Gaben,
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Und deines gleichen wird die Welt nicht viele haben.
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Betracht ich dieses nun, so kans nicht anders seyn,
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Ich muß mich über dich und deinen Wohlstand freun.

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Erweg ich fernerweit, wie du mich zärtlich liebest,
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Wie du mir Herz und Hand aus wahrer Freundschaft giebest;
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Wie du mich, da du doch nicht aus der Freundschaft bist,
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Mich in dein mildes Herz nach Mutter-Weise schließt.
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Du hast mich schön beschenkt, du hast mir oft geschicket,
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Und dadurch mein Gemüth aufs innigste erquicket.
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Ich dachte oft bey mir, welch einen Mutter-Sinn
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Erblicke ich von dir. Die Freude reißt mich hin,
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Und setzt mich auser mich, wenn ich an dich gedenke,
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Und meinen Geist nach dir,

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Da nun Sanct
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Heut eingefallen ist; so kan wahrhaftig nicht.
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Mein Herze traurig seyn, noch in Betrübniß liegen;
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Du und dein Namens-Tag muß meine Brust vergnügen.
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O! wäre ich bey dir, wie wolte ich mich freun!
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Wie solte nicht mein Mund voll heiser Wünsche seyn!
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Doch da mir Weg und Ort mich dieses Glücks entziehet,
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Und jetzt nicht theilhaft macht; so bin ich doch bemühet,
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Damit von meiner Pflicht der Abtrag mög geschehn.
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Ich feyre diesen Tag mit Andacht; Wünschen, Bethen,
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Und werde vor den Herrn, vor dich,
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Nimm
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Wormit mich deine Brust, und deine Hand erfreut.
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Den Dank jetzt von mir hin. Der Herr vergelt es wieder,
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Sein Seegen fall davor gedoppelt auf dich nieder.
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Der heutge frohe Tag müß auch gesegnet seyn,
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Er müsse noch vielmahl mit seinem holden Schein
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Zu dein- und meiner Freud vom Höchsten zu dir kommen,
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Es werde, was dich drückt, von dir hinweg genommen.
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Gott leite deine Hand; er seegne deine Tritt,
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Und was man Glücke nennt, begleite deine Schritt;
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Mir aber wollest du hinfort gewogen bleiben;
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Ja nichts vermöge mich aus deiner Brust zu treiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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