Auf die Reise eines gelehrten Freundes

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf die Reise eines gelehrten Freundes (1727)

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Hat nicht der Schöpfer dieser Welt
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Den Leib zur Arbeit ausersehen?
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Worzu hat ihn der Herr bestellt?
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Er schafft und darf nicht müßig gehen.
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Inzwischen find er auch an etwas seine Lust;
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Heut will er sich an diesen Schätzen,
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Nach seines Herzens Wunsch ergötzen,
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Und morgen labt er auch an jenen seine Brust.
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Desgleichen kriegt er auch auf seiner Lebens-Reise,
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Zu seinen Unterhalt und Nahrung Trank und Speise.
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Mit solchen stärkt er sich und sieht,
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Wie liebreich ihn die Allmacht zieht.

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Die Seel hat gleiche Eigenschaft,
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Sie will und kan nicht müßig bleiben,
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Sie denkt, sie würkt, sie thut und schaft,
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Und suchet ihr Geschäft zu treiben.
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Sie sucht auch ihre Lust, Vergnügen, Glück und Freud:
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Bewirbt sich auch nach gleicher Weise,
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Um ihren Unterhalt und Speise,
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Und findt sie auch. Woran?
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Dieß ist der Seelen Lust, dieß heiset ihr Vergnügen,
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Dergleichen Schönheit kan sie reitzen und besiegen.
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Die Seele labt sich nur an ihr,
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Und zieht sie Mogols Tafel für.

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Je edler nun die Seele ist/
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Und je erleuchter sie sich zeiget;
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Je herrlicher sie ausgerüst:
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Je mehr die Lust zur Weisheit steiget;
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Je richtger denket sie; sie ist nur stets bemüht,
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Sich der Gelehrsamkeit zu weyhen,
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Und sich an diesem zu erfreuen,
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Worauf ein kluges Herz und edles Auge sieht.
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Ein solcher Geist verlacht die Tändeley der Erden:
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Was andern angenehm, will ihm zum Abscheu werden.
35
Viel edler denkt und schließt sein Sinn/
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Und wirft des Pöbels Thorheit hin.

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Ein solcher aufgeklärter Geist
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Bemühet sich das inre Wesen
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Der Weisheit, und was nach ihr heist
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Zu forschen, hören und zu lesen.
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Er will kein Stümper seyn, er forschet ganz genau;
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Er will die Weisheit recht ergründen
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Und ihre inre Schönheit finden:
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Er geht ihr eifrig nach, und wird nicht träg, noch lam.
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Er denket stets bey sich, wer etwas will studiren,
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Denselben muß der Ernst, Fleiß, Müh und Sorgfalt zieren.
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Denn die Gelehrsamkeit begehrt,
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Daß man sie unermüdt verehrt,

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Bist du von allen zu benennen,
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Die dir mit Freundschaft zugethan,
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Und die dich aus den Umgang kennen.
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Was die Philosophie vor Schätze in sich hält,
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Wie weit sie geht, das wilst du wissen,
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Du bist nur stets darauf beflissen,
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Daß ihre Würdigkeit dir in die Augen fällt.
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Du suchst die heilge Schrift nicht oben hin zu sehen,
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Du wilst auf ihren Grund und ihre Tiefe gehen.
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Was beyden ihren Flor verstärkt,
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Das wird von dir mit Fleiß bemerkt.

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Wie mancher Ort, wie manch Athen
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Hat deine Gaben schon verspühret?
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Wer hat dich nicht mit Lust gesehn,
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Wenn du den Predigstuhl berühret?
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Sophia liebet dich als ihren treuen Sohn,
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Und kan sich über dich erfreuen.
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Ja Zions Wachsthum und Gedeyen
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Wird auch durch dich vermehrt. Man siehts und merkts auch schon.
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Drum wird es dir mit Lust und ohne Wiederstreben,
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Die Kanzel und Altar nach kurzen übergeben.
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Ich weis, der Tempel wartet dein,
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Und wünscht durch dich geschmückt zu seyn.

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Doch nein, noch nicht! er dulte sich!
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Du must noch andre Städte sehen.
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Von mir, und von Salinen gehen.
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Bleib da! verziehe doch! o! reiß dich nicht von mir!
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Umsonst!
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So zieh denn hin! mit meinen Sinnen
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Folg ich dir allzeit nach, und bleibe stets bey dir.
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Fahr wohl! ein Raphael sey stets an deiner Seiten.
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Doch denke auch an mich, und schicke mir beyzeiten
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Ein Blat von deiner werthen Hand,
82
Dieß fordert unser Freundschafts-Band.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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