Auf einen in der Arzeney erhaltenen Doctor-Hut

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf einen in der Arzeney erhaltenen Doctor-Hut (1727)

1
Wie? irr ich? mag das Alterthum,
2
Und die mit Silber-Haaren prangen,
3
Die Wissenschaften und den Ruhm
4
Nur einzig und allein zum Eigenthum erlangen?
5
Soll denn Hygäens zarter Sohn
6
Die Wissenschaft nicht auch erforschen können?
7
Ist ihn nicht gleicher Rang zu gönnen?
8
So wahr
9
Und
10
So wahr muß man dieß Recht auch jungen Aerzten lassen.

11
Man saget zwar: Ein graues Haupt
12
Wächst mit den Jahren auch an Wissen,
13
Und was so mancher Sinn nicht glaubt,
14
Das zeigt sein kluger Mund in Rathen und in Schlüssen.
15
Sein Amt ziert die Bedachtsamkeit,
16
Er sorgt mit Fleiß den Schaden zu bekämpfen,
17
Zu hindern, wehren und zu dämpfen;
18
Daher so Gunst als Glück ihm stets die Hände beut;
19
Ja, man ergiebt sich ihm in allen,
20
Und läßt sich seinen Rath und Führung wohlgefallen.

21
Die Wissenschaft pflegt ordentlich
22
Den Ehren-Herold abzugeben;
23
Drum muß, (die Weisheit steigt durch sich,)
24
Ein solch erfahrnes Haupt in hohen Ansehn schweben.
25
Ein solcher schwingt sich nach und nach
26
Mit seinem Fuß auf größre Ehren Spitzen,
27
Man sieht ihn neben Fürsten sitzen;
28
So, daß er noch zuletzt das finstere Gemach
29
Mit viel und grossen Ruhm erlanget,
30
Und als ein weiser Mann auch noch im Grabe pranget.

31
Hingegen heists: hat Mevius,
32
Der noch nicht zweymahl funfzehn träget,
33
Die Kräuter, jeden Spiritus,
34
Den ganzen Krankheits-Schwarm erforscht und überleget?
35
Nein, nein, er hat noch nicht genug
36
Hygäens Reich und Schulen durchgegangen,
37
Und ihr nach Würden angehangen.
38
Wer will sich ihm vertraun? Die Welt wär ja zu klug,
39
Wenn sie sich recht mit Fleiß betröge,
40
Und einen jungen Arzt in Noth zu Rathe zöge.

41
In Bärten wird wohl ohne Streit
42
Mehr Witz und mehr Erkäntniß stecken;
43
Und folglich muß das Ehren-Kleid
44
Auch nur den kalten Leib betagter Männer decken.
45
Nur ächte Kämpfer kriegen Lohn,
46
Und Streiter, die, so stark sie nur vermochten,
47
Vor andrer Wohl und Glück gefochten,
48
Die tragen Ruhm und Lob und Würdigkeit davon.
49
So, wie ein Unterscheid in Gaben;
50
So muß das Alterthum auch einges Vorrecht haben.
51
Gemach! gemach! dieß harte Wort
52
Lauft der Erfahrung stracks zuwider.
53
Wie mancher Grau-Kopf hier und dort
54
Ist am Verstand ein Kind, und hat doch starre Glieder.
55
Dieß ist wohl wahr, das Alterthum
56
Ist oftermahls durch Ubung weit gekommen,
57
Und hat viel gutes wahrgenommen.
58
Doch daraus folget nicht, daß sich um gleichen Ruhm
59
Nicht auch ein muntrer Kopf bewürbe,
60
Und wohl so jung als klug, und auch in Ehren stürbe.

61
Das Alter wird zum Forschen schwach,
62
Zur Arbeit mat und oft verdrossen,
63
Kein frischer Saft, kein Lebens Bach
64
Kommt in den todten Geist, zur neuen Kraft geflossen.
65
Fleiß und Geschicklichkeit verfliegt,
66
Und ruft man ihn aus Noth zum Kranken-Bette;
67
So seufzt er: Wenn ich Kräfte hätte!
68
Ich kan nicht, weil mich nun die Schwachheit selbst besiegt.
69
Beschaut die abgezehrten Knochen,
70
Des Leibes fester Bau ist leider! nun zerbrochen.

71
Dergleichen kennt die Jugend nicht;
72
Die Geister sind belebt und munter;
73
Hygäens Dienst wird treu verricht;
74
Es geht an keinem Tag das grosse Welt-Licht unter:
75
Man habe denn mit Vorbedacht,
76
(wenn andre sich durch Thorheit kenntbar machen.)
77
In der Natur und andern Sachen
78
Manch neues Wunderwerk ersehn und vorgebracht.
79
Ein Jüngling hat in wenig Stunden
80
Oft mehr als mancher Greis, dieweil er lebt, erfunden.

81
Es ist dem Herrn der Creatur
82
Auch niemahls in den Sinn gekommen,
83
Daß er zu Priester der Natur
84
Der grauen Häupter Zahl nur schlechthin angenommen.
85
Nein, nein, sich läßt sein freyer Geist
86
Nicht an die Zeit und an die Jahre heften;
87
Er macht zu gleichen Amts-Geschäften
88
Das junge Blut geschickt; So, daß es stetig heist:
89
Der Herr und Geber aller Gaben,
90
Läßt nicht sein theures Pfund in junger Brust vergraben.

91
Man wendet zwar darwider ein,
92
Die Jugend ließ die Zeit verstreichen:
93
Allein, wer wird so thöricht seyn,
94
Und jedes junge Haupt der tollen Brut vergleichen?
95
Wer klug ist, der erkauft die Zeit,
96
Und hält so gar die Stunden vor verlohren,
97
Da er kein gutes Werk gebohren.
98
Durchwandert manch Athen, und fraget nah und weit,
99
Ich weiß, ihr werdt die Nachricht hören:
100
Es giebt nicht wenige, die Kunst und Weisheit ehren.

101
Deswegen krieget auch ihr Fleiß
102
Und ihr Bemühen Lorber-Kronen;
103
Die Ehre suchet ihren Schweiß,
104
So viel nur möglich ist, mit Hoheit zu belohnen.
105
Durchsucht ein Reich, beseht ein Land,
106
Ihr werdet da viel muntre Füsse sehen,
107
Die in dem Ehren-Tempel stehen.
108
Hier macht sie Thesium, dort Selemin bekannt,
109
Hier will sie Leseminum schmücken,
110
Dort sucht sie Lirium dem Kayser zuzuschicken.

111
Jedoch, was wolt ihr ferne gehn?
112
Eilt nur nach Erfurts Phöbus-Tempel;
113
Da könnt ihr heute Wunder sehn;
114
Da zeigt sich abermahls ein herrliches Exempel:
115
Daß Jugend Kunst und Weisheit schätzt.
116
Drum führet auch die grosse Meditrine
117
Ihr Kind auf diese Ehren-Bühne,
118
Dem sie den
119
Ihr zarter Kuß soll ihn bedienen.
120
So muß durch Wissenschaft und Ruhm die Jugend grünen.

121
Wo aber bleibet meine Pflicht
122
An deinem hohen
123
Der Abtrag ist schon eingericht.
124
Die Ehre führe dich beständig auf das Beste.
125
Das Glücke weiche nicht von dir;
126
Der Lebens-Fürst und Seegens-Herr der Fluren,
127
Der benedeye deine Curen,
128
Und halte dich gesund; so kanst du nach Gebühr,
129
Dein anvertrautes Amt verwalten.
130
Gott lasse dich, doch spät, in Ruh und Glück erkalten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.