Auf den Geburts-Tag einer Priester-Frau

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf den Geburts-Tag einer Priester-Frau (1727)

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Kein Mensch in dieser Welt, wer er nur immer sey,
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Ist von den Regungen und von Affecten frey.
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Bald übereilet ihn Furcht, Zorn, Neid, Hoffarth, Liebe,
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Bald Rachgier, Eifersucht, und auch des Geitzes Triebe.
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Die streiten denn in ihn: da muß er munter seyn,
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Denn sonsten büsset er gewiß im Kampfe ein:
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Und trägt den Ruhm nicht weg, den solche Streiter kriegen,
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Die ihre Regungen, und ihren Muth besiegen.
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Der weise König bringt ja selbst das Zeugniß bey:
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Daß der, der seinen Muth bezwinget, grösser sey,
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Als der, so Städte zwingt. Bald will der Zorn erwachen,
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Und den Beleidiger sogleich zu Schanden machen.
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Bald regt sich wiederum im Herzen Lust und Freud;
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Ein andermahl empfindt die Seele Traurigkeit.
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Drum merket, daß der Mensch sich wohl zu hüten habe,
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Daß er bey dem Verlust der und auch jener Gabe,
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Nicht allzu traurig wird, und aus den Schranken geht,
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Worin ein guter Christ und tapfrer Streitet steht.

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Das Leid hat seine Zeit: wenn Gott uns Plagen schicket;
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Wenn er den Hagel ruft; wenn er das Rachschwerdt zücket;
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Wofern wir wieder Gott und Nächsten mißgethan,
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Da ist es Zeit und Stund darinn man weinen kan.

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Das Lachen hat zugleich auch seine Zeit und Stunde;
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Nicht etwan, daß man sich mit Geist, mit Seel und Munde
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Erfreuet/ wenn man soll bey Tanzen, Spiel und Wein,
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Bey eitelem Geschwätz und Lust zugegen seyn;
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Nicht, wo man Narrethey auf denen Lippen heget;
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Nicht, wenn die Hand des Herrn den Nächsten drückt und schläget,
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Der uns zuwider ist; nicht, wenn wir unserm Feind,
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Freund, Nachbar, Fremdling, Gast und wen man sonst noch meint,
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An seinem Amt und Gut und Ehren schaden können;
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Nicht wenn ihn andere sein Leid und Unglück gönnen;
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Nicht wenn ein böser Rath und Anschlag uns gelingt;
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Nicht, wenn Gott unsre Feind in unsre Hände bringt.
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Nein! diese Freud ist toll, dieß Lachen heiset Sünde,
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Und hat nie seine Zeit: Denn einen Gottes Kinde
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Geziehmt sich dieses nicht. Ein andres Lachen hat
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Wohl seine Zeit und Stund: Wenn Gott uns früh und spat
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Mit Strömen seiner Güt und Seegen überschüttet,
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Und uns vor mancherley Gefahr und Noth behütet.
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Wenn Gott sein Wort uns schenkt; wenn er die Sünd vergiebt,
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Und uns in seinem Sohn treu, zärtlich, ewig liebt.
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Bey solchen Zeiten soll sich Geist und Mund erheben,
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Da soll es Frölichkeit und Jauchzen von sich geben.

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Nebst diesen giebt Gott auch zuweilen einen Tag
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An welchem man sich wohl besonders freuen mag.
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Bald lässet uns der Herr ein Freuden-Fest begehen,
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Bald soll uns eine Zeit zur Ehren-Bahn erhöhen,
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Bald läßt uns seine Güt dieselbe Stunde sehn,
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In der wir aus dem Leib der Mutter konten gehn.
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In der er uns das Licht der Erden schauen liesse,
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Und uns durchs Wasserbad zu seiner Kindschaft wiese.
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Zu einer solchen Zeit und Stund geziemt es sich,
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Und ist Gott angenehm, daß man sich sonderlich,
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Mit Herz und Mund erfreut: Da mag des Mundes Lachen
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Die Freudigkeit der Brust klar, laut und ruchbar machen.

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Nun einen solchen Tag,
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Läßt dir derselbige, der unser aller Sinn
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Erforschet und ergründt, bey allen Wohl erblicken.
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Heut ist es dir erlaubt die Freude auszudrücken
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Die deine Seel empfindt. Ich seh bereits im Geist,
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Wie du die Vaters-Hand vor solche Wohlthat preißt.
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Und ich kan ebenfals die Freude nicht verhehlen,
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Worein mich,

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Und darum hab ich auch an meine Pflicht gedacht,
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Und such dieselbige jetzunder abzutragen.
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Ich will zwar kurz und schlecht, jedoch von Herzen sagen:
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Gott sende dir bey Glück, bey Seegen, Fried und Ruh,
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Den heutgen Freuden-Tag noch oftermahlen zu:
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Es müsse seine Hand dich wieder alles schrecken,
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Und was dir schaden kan, beschützen und bedecken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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