Auf den Geburts-Tag einer guten Freundin

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf den Geburts-Tag einer guten Freundin (1727)

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Geehrtes Jungfer-Bild!
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Erlaube, daß mein Blat
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Jetzt einen holden Blick von dir zu hoffen hat.
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Nim
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An deinem
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Die Tugend, welche dir ins Herz gepräget ist,
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Die würket, daß mein Wunsch dich ganz ergebenst grüßt.

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Die Tugend an sich selbst mit allem ihren Wesen,
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Ward schon im Alterthum zum Schmucke auserlesen.
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Die edle Tugend zieht gern in die Seelen ein,
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Sie will beym männlichen und Weibs-Geschlechten seyn.
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Erwege,
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So wird desselben Wort in dir den Beyfall stiften.
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Die Väter erster Zeit, der Patriarchen Zahl,
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Die Helden, Könige, Propheten allzumahl,
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Empfanden gar zu wohl, wie nütz die Tugend wäre
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Dem, der dem Herr der Welt Gehorsam, Furcht und Ehre
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Zu leisten schuldig ist: Und wie man ohne sie
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Dem nicht gefallen kan, der Mittags, spat und früh
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Das Land mit Regen netzt, und stets nach Wohlgefallen
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Die Ströme seiner Güt läßt auf die Menschen fallen.
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Dergleichen schönen Bund gieng Sarah täglich ein,
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Rebecca, Hanna, Ruth erwehlten sie allein;
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Susanna, Judith auch. Sie kannten ihre Würde;
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Deswegen trugen sie auch ihre sanfte Bürde.
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Die Väter nicht allein, und Christen neuer Zeit,
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Die haben ihre Seel der Tugend blos geweyht,
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Und sie sehr hoch geliebt; Nein selber kluge Heyden
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Bestrebten sich mit Fleiß ihr Aug an ihr zu weyden.
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Sie wusten, daß ihr Dienst der Seelen sehr bequem,
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Und allzeit nützlich sey; den Göttern angenehm,
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Den Menschen lieb und werth, drum war es ihr Vergnügen,
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Wenn sie nur an der Brust der Tugend konten liegen.

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Ein muntrer Hercules hört zwar den Vortrag an,
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Den ihm die Wollust dort im finstern Wald gethan;
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Doch hört er auch zugleich der Tugend sanfte Stimme,
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Und trieb darauf im Zorn, mit Ernst und grossem Grimme
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Die schnöde Wollust fort, und gab den Herzens-Schrein
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Mit gutem Vorbedacht der Tugend eiligst ein.
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Dort wolt Aspasia nach Art der edlen Nymphen,
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Durch ihren Wandel nicht der Tugend Glanz beschimpfen;
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Nein, sie erwehlte sie. Auch andre Nymphen mehr,
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Die ich hier übergeh, verehrten sie gar sehr.
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O schön und edle Wahl, die Seel und Geist erfreuet,
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Und die zu keiner Zeit den Menschen-Kindern reuet.
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Wo käm die Reue her? wer sie nur recht gesehn,
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Wer ihren Trank gekost/ der wird sie nie verschmähn.

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Die höchste Majestät, der alle dienen müssen,
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Liebt, schützt und sorgt vor dem, der ihren Mund will küsen.
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Die Menschen haben den, der ihren Schmuck beehrt,
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In gutem Angedenk, und vor viel andern werth.
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Die Tugend faulet nicht, sie lebt noch nach dem Sterben,
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Und wird den schönsten Ruhm und Angedenk ererben.
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Wohl! wenn ein Jungferbild ihr Herz der Tugend giebt,
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Und sich in ihrem Glanz aufs brünstigste verliebt:
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Und ihre Lust allein in ihrem Schmucke suchet,
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So wird ihr auch so gar vom Zoil nicht gefluchet.
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Drum preißt der Weiseste der Könge ihren Pracht
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Dem Frauenzimmer an, und lehrt mit Vorbedacht,
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Daß ohne ihrem Schmuck kein Frauenzimmer schöne,
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Und liebens-würdig sey. Die aber dem Gethöne
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Und Ruf der Tugend folgt, sey Liebs- und Lobens-werth,
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Und noch viel köstlicher als Schätze dieser Erd.

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Daß sie die Heuchel-Kunst mit nichten liebgewinnen:
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Deswegen laß mir zu, daß sich an
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Die Warheit, die ich ehr, in etwas hören läßt.
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Da dich an diesem Tag Gott dieser Welt geschenket,
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Und dich schon in der Wieg mit seiner Hand gelenket,
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Der deine Seele schon mit Güte überzog,
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Als dein noch zarter Mund an seiner Mutter sog.
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Des Schöpfers Liebe wuchs bey deinen Lebens-Tagen,
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Und ließ dich damahls schon auch nach der Tugend fragen.
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Da dein Verstand zur Kraft und seiner Reife kam,
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Begab sichs, daß dein Herz die Frage vor sich nahm
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Die Hercul dort im Wald, wie vor gesagt, geführet:
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Folg ich der Tugend nach, die ewig triumphiret?
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Gedacht, gesagt, geschehn. Die Wollust ward verflucht,
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Du hast die Tugend nur und ihre Bahn gesucht:
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Und bis auf diese Stund, bey allen unterfangen
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Nur ihrer edlen Spur und Reitzung nachgegangen.
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Deswegen schreibt man dich auch unter denen ein,
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Die von dem Salomo vor schön befunden seyn.
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Ich schweig mit mehrerm Lob, ich will nichts weiter sagen,
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Denn dein bescheidnes Thun kan es nicht wohl vertragen.
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Ich sage jetzt nur das: Es ist heut meiner Brust
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Nichts als nur Munterkeit und Frölichkeit bewust.
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Warum? o frage nicht! der Tag, an dem der Himmel
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Geschickt und dargestellt, erweckt zur Munterkeit:
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Dabey gedenke ich an meine schuldge Pflichten,
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Deshalb bemüh ich mich dieselben zu entrichten:
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Und rufe jetzo aus: Willkommen holde Zeit!
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Du bringst mir viele Lust; du hast mich sehr erfreut.
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Hier will ich übers Ziel nicht wünschen, oder rufen,
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Betrit nach hundert Jahr die schwarzen Grabes-Stufen.
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Der Herr Herr, der dem Saul und auch dem Pharao
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Ein Ziel gesetzet hat, wie lang sie sollen schnauben,
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Der ordnet auch die Zeit, wenn uns der Tod soll rauben:
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Dieß Ziel kan nie ein Mensch auf Erden übergehn,
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Drum wünsch ich, daß die Zeit, die dir der Herr ersehn,
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Dereinst verstreichen mag mit völligem Vergnügen,
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Kein wiedriges Geschick müß sich zu dir verfügen.
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Es müsse dein Gemüth beständig ruhig seyn:
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Und wenn du
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Hinfort erblicken wirst; so mögs mit Lust geschehen.
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Laß mich stets in der Zahl der Freundin bey dir stehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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