Herr – – – da dein Auge heut das Neue Jahr erblickt, wird dir von bekannten Händen dieses Blätgen zugeschickt

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Herr – – – da dein Auge heut das Neue Jahr erblickt, wird dir von bekannten Händen dieses Blätgen zugeschickt (1727)

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Wie sich der Tag und Jahre-Zahl,
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In nahen und entfernten Ländern,
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Auf den gewölbten Erden-Saal
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Verkehren und gar bald verändern;
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So ändert sich der Menschen Glück;
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Bald rückt es fort, bald gehts zurück;
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Licht, Fruchtbarkeit und Finsternissen,
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Krieg, Theurung, Unglück, Friedens-Zeit,
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Und was erschrecket und erfreut,
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Wird meinen Satz bestärken müssen.

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Aurora kommt zwar oftermahl,
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Und beut uns einen güldnen Morgen;
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Allein auch mit des Seigers-Zahl
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Vermehren sich gar oft die Sorgen.
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Eh wir die Sonne recht erblickt;
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So wird der Nord-Wind abgeschickt,
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Der macht den Hoffnungs-Klee zunichte.
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Geht schon ein Freuden-Sterngen auf;
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So folgen zehn Cometen drauf,
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Und die verfinstern das Gesichte.

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Wie flüchtig und veränderlich
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Sind doch die menschlichen Gedancken?
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Kein Halm, (wer wiederleget mich?)
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Kan so geschwind und leichte wanken.
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Zwar spricht ein Großmuthsvolles Blut:
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Kein Unglück nimmt mir meinen Muth,
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Ich will bey Glück- und Unglücks-Wellen;
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Bey Sturm und Stoß; bey Sonnenschein
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Beständig, unbeweglich seyn,
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Und nie mein Angesicht verstellen.

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O wankelmüthger Geist und Sinn!
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Wo bleiben deine Helden-Kräfte?
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Der erste Anfal wirft dich hin,
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Die Furcht vertrocknet deine Säfte.
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Kaum will ein kleines Lüftgen wehn;
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So wilst du schon verzweifelt stehn.
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Wie? lässest Du bey leichtem Knallen,
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Bey einem kurzen Sturm und Stoß,
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Von deinen Muth so plötzlich loß?
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Wie? ist dein Vorsatz umgefallen?

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Du Großmuths-voller Sagarit,
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Wer will, wie du, den Muth behalten?
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Darius, wer folgt deinem Tritt?
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Wer kan wohl so beherzt erkalten?
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Pompejus hält den Unglücks-Strauß
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Standhaftig auf dem Nachen aus:
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Und Agag geht getrost zum Sterben.
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Kein Unglücks-Tag, kein Schmerzens-Jahr,
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Macht eure Kleinmuth offenbar.
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Wer wird doch eure Tugend erben?

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Man spricht, daß diese Jahres-Zeit
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Sehr viel Verändrung mit sich bringe.
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Nicht nur den Krieg, der uns schon dräut.
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Nein, noch viel andre harte Dinge.
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Der Friede würde angetast;
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Die Meinung ist bereits gefaßt,
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Das Unglück würde höher steigen.
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Es schmeichelt sich hierbey der Held,
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Und glaubt, nun würden in dem Feld
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Sich schöne Ehren-Palmen zeigen.

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Ich bin gewiß, daß dieses Jahr,
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Dir auch wird eine Aendrung bringen.
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Doch nicht zum Fall und zur Gefahr,
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Denn alles muß dir wohl gelingen.
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Mich dünckt, es ruft die Ehre schon:
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Ich baue dir den Ehren-Thron,
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Und will dich mit Vergnügen krönen.
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Die Zeit stimmt auch der Ehre bey,
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Und spricht ohn alle Heucheley:
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Man zehlt dich zu Fortunens Söhnen.

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Apollo windet schon den Kranz
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Der deine Schläfe soll bezieren.
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Selbst Meditrinens Augen-Glanz
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Will dich zum Palmen-Hügel führen,
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Damit das ehrenwürdge
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Hinfort vor deinen Namen steh.
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O Aendrung, die dich kan erfreuen!
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Ich wünsche dir zwar kurz, doch gut:
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Gott nehme dich in Schuz und Hut,
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Und lasse stets dein Werck gedeyen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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