Auf die Fratscher- und Weltzische Hochzeit

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf die Fratscher- und Weltzische Hochzeit (1727)

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Du hast bey schlechter Zeit,
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Wo hast du hingedacht? geliebet und gefreyt.
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Die Zeiten sind ja schlecht, die Sitten sind verdorben.
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Die Treu und Redlichkeit ist gänzlich ausgestorben.
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Die Heucheley florirt; weil nur Betrug und List,
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Wind, Prahlsucht, Eigennutz im größten Schwange ist.
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Dem ist der Kopf voll Dunst, der Mund voll artger Sachen,
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Der schläft sich Mittags satt, um in der Nacht zu wachen.
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Der will beym Monden-Schein Botanisiren gehn;
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Und nach der Sternen Heer bey Sonnen-Strahlen sehn.
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Wie bunt und wunderlich gehts in der Welt jetzunder!
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Man hört, und spührt, und sieht fast täglich neue Wunder.
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Betracht den Handel-Stand, den Land und See vermehrt,
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Mit was vor Sorg und Müh ist dieser nicht beschwert?
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Was vor Gefahr und Last, was vor Verdrüßlichkeiten
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Sind nicht mit ihm verknüpft, und müssen ihn begleiten;
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Wie wird die Redlichkeit mit guten Käufern rar?
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Und wer bezahlt, wie sonst, die schönen Waaren baar?
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So gehts, man borgt vielmehr. Mahnt man hernach die Schuldt
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So heists: man möchte sich in etwas noch gedulden.
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Hilft nach geraumer Zeit die Höflichkeit nicht mehr,
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Und man dringt auf das Geld; da lästert man gar sehr.
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Man leget sich auf List, und durch Betrügereyen
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Sucht man sich von der Schuld und Zahlung zu befreyen.
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Wie manche Schuld wird nicht ins Conto-Buch gebracht,
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Der Schaden ist sehr groß; der Schuldner geht und lacht.
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So klug ein Kaufmann ist, (durch Schaden wird man klüger)
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So weis er dennoch nicht von Frommen, vom Betrüger
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Den Unterschied zu sehn: Weil sich der letztre stellt,
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Er sey der Christlichste und Redlichste der Welt.
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Ach eine schlimme Zeit ist jetzt vorm Handels-Orden!
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Ich sage jetzo nicht, was dort in Süd und Norden
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Bisher die Kaufmannschaft erlitten und gesehn;
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Man frage Deutschland nur; was ist nicht jüngst geschehn?
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Wie manches schönes Glück ist durch Veränderungen
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Der Münzen hier und da der Handlung mißgelungen?
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Wie hat man sie dadurch gedrücket und beschwert?
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Hat nicht das gute Geld zugleich mit aufgehört?
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Man tröstete sich zwar, daß doch der Lage Bürde
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Sich durch die Aenderung nunmehr verlieren würde;
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Allein der Trost ist hin, es bleibt doch, wie es ist,
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Ob man gleich an Procent fast zweymahl zehn vermißt!

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Dieß ist dir,
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Und gleichwohl steckst du dich in Haus- und Wirtschafts Sorgen.
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Du weist wies jetzo geht; und du hast doch gefreyt.
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Noch mehr, ein Handels-Mann wird dadurch mehr gekränket,
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Weil manches Mädgen sich oft spröde gnug bedenket,
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Ob sie ihn nehmen will. Da heists der mich will freyn,
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Muß graduirt, galant und schön gekleidet seyn.
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O! stellt euch doch gelehrt, schneidt auf, was ihr nur könnet,
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Borgt, machts so bunt ihrs wißt, daß man euch herrlich nennet
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Und folglich glücklich liebt. Geht! zeigt euch hier und dort!
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Sucht euch Gesellschaft aus! geht an publicen Ort,
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Und schwatzt und sprecht alda von hochgelehrten Sachen,
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Sucht grosse, wichtige Processe weis zu machen.
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Zieht kluge Männer durch, verhöhnet sie, und sprecht
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Von Leuten von Verstand und Tugend schnöd und schlecht;
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So könnt ihr glücklich seyn. Seht! solche Freyer werden
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Von Mädgen auserwehlt: Ob sie schon auf der Erden
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Sich und der Republic gar wenig nützlich sind.
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So liebt man etwas Ehr und einen Mund voll Wind.
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Jedoch man findet auch noch Leute andrer Sinnen,
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Die auch den Handelstand besonders liebgewinnen,
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Sie schätzen ihn sehr hoch, und sehn den Nutzen an,
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Den Stadt und Land von ihm vortreflich haben kan.
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Wie manche hohe Macht sucht ihn vor allen Dingen
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Mit Kosten, Fleiß und Müh in vollen Flor zu bringen?
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Sie legen diesem Stand nicht wenig Ehr bey,
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Und zeigen dadurch an, wie edel dieser sey.

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Ein Halbgelehrter wußt in einem Heyraths-Schreiben
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An die vermeinte Braut ihn herrlich zu beschreiben.
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Er stellte sinnreich vor, er hab zur Handlung Lust,
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Sie sey nunmehr sein Trost und Labsaal seiner Brust.
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Er wolte seiner Braut dadurch die Zeit verbessern,
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Und um ein merkliches ihr Capital vergrössern.
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Er führte zum Beweiß, daß seine Rede wahr,
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Gar viel in Erfurt an, die jetzt ganz offenbar
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In vollem Flore stehn, und wenig Anfang hatten.
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Noch ein Exempel kam ihm dießfals wohl zu statten,
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Er schrieb von einem Mann, der mir zwar nicht bekannt,
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Wie der ein reiches Kind vom Dorf und Bauren-Stand.
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Zur Braut sich auserwehlt, und sey nun in dem Orden
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Der Kaufmannschaft, durch sie, ein grosser Kauffmann worden.

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Die Tugend, welche dich belebet und beseelt,
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Hieß dich ein
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So kan dich deine Wahl auch nimmermehr betrüben.
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So rein Dich deine Braut auch liebet und verehrt;
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So würde ihre Lust doch würklich stark vermehrt,
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Wenn sie den schönen Brief in ihre Hand bekäme,
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Und dessen Inhalt recht durchläs und selbst vernähme.

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Indessen, da dir nun das Glück
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Heut
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So geht mein Wunsch dahin:
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Führ stets die Hand des Glücks auf einer Rosen-Weyde,
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Damit das Sprichwort gilt: Wer nach der Tugend tracht,
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Derselbe wird vom Glück und Seegen reich gemacht.
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Es mög der Wind des Glücks stets eure Mühle treiben,
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So wird das Mühlwerk gut benebst dem Handel bleiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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