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Die schönste Creatur, der Mensch, der seinen Mund
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Und seine Brust dem Herrn soll opfern, schenken, leihen:
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Sucht sie vielmehr davor der Tadelsucht zu weyhen.
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Durch sie vergeht sich denn der Mensch oft, und so weit,
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Daß er den Höchsten selbst, der Tage, Jahr und Zeit
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So weislich hergestellt, und ordentlich gemachet,
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Und wundervoll erhält, stets meistert und belachet.
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Da heist es: Hätte Gott die Welt doch so gemacht;
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O! wäre dieß und jens also hervor gebracht.
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Ja! hätte ich vor Gott die Welt erschaffen sollen,
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Ich hätt es weislicher und schöner machen wollen.
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Die Tadelsucht fährt fort, und nennt was Gott noch thut,
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Amt, Werk und Regiment verkehrt, und selten gut.
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Da nun die Tadelsucht sich an dem Schöpfer waget,
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Und wieder seine Hand und seine Weisheit saget;
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Wie soll die Creatur, der Mensch, vor ihrem Schluß
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Und Urtheil sicher seyn? warhaftig diese muß
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Mit allen ihren Thun vor ihren Richtstuhl kommen,
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Da wird Amt, Stand und Witz und Tugend durchgenommen,
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Die Weisheit muß ein Spiel in dem Gehirne seyn.
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Die reine Gottesfurcht betittelt sie mit Schein,
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Betrug und Heucheley. Die Sanftmuth heist ein Wesen,
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Das kein erhabner Sinn, und kluger Geist erlesen.
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Die Keuschheit wird bey ihr zum Eigensinn gemacht,
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Wie auch zur Sprödigkeit. Wer nach der Demuth tracht,
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Den nennt sie abgeschmackt. Gerecht, warhaftig handeln
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Heist sie mit vielem Hohn, in aller Einfalt wandeln.
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Die Tugend nicht allein, wird von der Tadelsucht
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So freventlich, so kühn, so höhnisch und verrucht
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Gerichtet und verdamt; Auch die Poeten müssen
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Von ihr gerichtet seyn. Wer wird nicht dieses wissen,
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Daß ihr verwegner Mund dieß Wort oft vorgebracht,
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Schreibt ein Poet erweckt, frisch, lebhaft und vergnüget,
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Und zeigt, daß Geist und Muth in seinen Versen lieget;
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So spricht die Tadelsucht: der hat das Dichter-Pferd,
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(so heist das Trauben-Blut,) warhaftig lieb und werth.
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Sie redet fort und spricht: Die Venus hat ihn eben
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Die Sporren zu dem Pferd dem Pegaso gegeben:
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So, daß er sich damit nach Möglichkeit und Fleiß
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Jetzt auf den Helicon herum zu tummeln weis.
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Will aber ein Poet erhabne Reden brauchen,
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Und sucht er seinen Kiel in Hippocren zu tauchen,
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Und schreibt nicht so gemein; so hebt sie wieder an,
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Und spricht: Was heget der vor ganz besondern Wahn.
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Er klettert über sich, und baut in seinen Sinnen
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Den Thurm zu Babel auf: Und meinet auf die Zinnen
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Des Helicons zu gehn. Schaut doch wie dieser schreibt!
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Weil Ehrgeiz, Hochmuth, Stolz ihn bloß zum Dichten treibt.
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Ja setzet ein Poet den Freunden und Patronen,
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Sie möchten nun in Süd, Nord, Ost und Westen wohnen,
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Ein Lob-Gedichte auf, und schreibt von ihren Stand,
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Und Tugend, Würdigkeit, und ihrer holden Hand,
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Und trachtet durch den Kiel ihr Bildniß zu entwerfen:
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Wie weis die Tadelsucht nicht da den Zahn zu schärfen,
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Damit sie richten kan? Da heists: der heuchelt hier,
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Da blickt die Schmeicheley aus Vers und Reim herfür.
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Der Dichter schreibt aus Noth: Er will gewiß von Gaben,
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Von Vorspruch, Vortheil, Glück, und sonsten etwas haben.
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So machts die Tadelsucht, sie schont gewiß kein Blat,
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So viels auch Geist und Witz und Schönheit in sich hat.
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Die größten Dichter sind vor ihrem Mund nicht sicher,
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Wer wiederspricht mir dieß? es zeigens ja die Bücher.
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Wenn sich nun dann und wann ein Frauenzimmer zeigt,
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Das ihre Augen nur auf kluge Schriften neigt,
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Nach Dint und Feder greift, und dichtet, reimt und schreibet,
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Und mit Minervens Dienst die müßge Zeit vertreibet,
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Und sie vor Venus ehrt; da ist das Lästern groß;
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Da giebt die Tadelsucht sich ganz besonders bloß.
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Sie spricht: Ein Weibesbild ist nicht darzu gebohren,
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Daß sie den Federkiel oft hinter ihren Ohren
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Gleich Männern tragen soll. Sand, Dinte und Pappir
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Gehört vors Mannes-Volk. Die Künste stehen ihr
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Warhaftig gar nicht an. Sie hat genug studiret,
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Wenn ihr nur wissend ist, wie man die Wirthschaft führet;
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Wie oft die Küche raucht; wie viel man Holz verbrennt;
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Was Flachs und Wolle nützt; und wie man neht und trennt.
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Ihr ist ein Geistlich Buch, die Biebel (einger massen
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Auch noch Romanen wohl) und sonst nichts zugelassen.
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Ein Weib das dicht und schreibt heist sie (bedenkt es nur!)
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Ein schönes Ungeheur und Blendwerk der Natur.
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Das tadeln ist zu groß, das Frauenzimmer träget,
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Das sich auf Wissenschaft und auf das Dichten leget.
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Drum ach! was heb ich an? ich sinne hin und her,
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Indem der Himmel heut nicht so von ohngefehr;
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Vielmehr nach seinem Rath
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Indem du auch zugleich dein Hochzeit-
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Und nun mit Ring und Mann vor meinen Augen stehst.
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Ich kan es auch zu thun mich warlich nicht entreisen;
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Allein wie fang ichs an? Ach! meine Dichter-Kunst,
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Und Poesie zeigt nicht, daß mir die Huld und Gunst
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Der Musen eigen sey. Ich kan nicht zierlich singen,
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Noch was erhabenes in Vers und Reim zu bringen;
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Es ist auch nicht so leicht wie mancher Narr gedacht,
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Ein Reim und schöner Vers auf das Pappir gebracht.
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Schreib ich so gut ich kan; wie würde mirs ergehen?
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Kan vor der Tadelsucht das Manns-Volck nicht bestehen,
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Wie würde sie mich nicht verachten und verschmähn?
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Wer weis, wie oft es schon zu andrer Zeit geschehn?
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Wer weis, wer dieses Blat mit höhnschen Lippen lieset?
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Wer weis wen diese Schrift schon lächert und verdrieset?
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Ich weis wie mir anjetzt vor Reim und Dichten graut.
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Die Schwachheit meiner Kunst hält mir den Kiel zurücke,
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Darneben fürcht ich auch die Mißgunst-vollen Blicke,
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Die tolle Tadelsucht, wofern ich Verse schrieb,
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Weil sich ihr Frevel leicht an meinen Zeilen rieb;
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Jedoch ich kan nicht gar bey diesen Freuden schweigen,
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Drum will ich Freud und Pflicht durch einen Brief bezeugen.