Auf eben diese Leiche

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf eben diese Leiche (1727)

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Der Mensch, die zart und kleine Welt
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Woran Gott seine Kunst bezeiget,
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Ist vieler Schwachheit ausgestellt,
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Die oft das Herz zur Erde beuget.
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Nimmt er Verfolgung und Gefahr,
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Kreuz, Leiden, Noth und Krankheit wahr,
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So überfällt ihn Angst und Grauen.
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Absonderlich erschrickt sein Geist,
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Wenn ihm der Tod die Stunde weist,
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Da er sein Reich soll helfen bauen.

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Die allerkleinste Creatur
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Krümmt sich in Schmerz und Todes-Zügen.
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Es ist nicht wider die Natur
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Ein Grauen vor den Tod zu kriegen.
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Hiskias, der Gott nie vergaß,
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Rang weinend ohne Unterlaß
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Die Hände auf dem Kranken-Bette.
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Und bathe Gott, der Wunder schafft,
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Ums Leben, und um neue Kraft,
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Damit er ihn zu preisen hätte.

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Wie bitter ist es nicht, die Welt
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Und ihre Herrlichkeit zu meiden,
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Und von der Ehre, Gut und Geld,
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Macht, Ansehn, Glück und Pracht zu scheiden!
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Wie schmerzhaft ist es, wenn ein Mann,
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Der sich der Tugend rühmen kan,
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So früh und zeitig soll erblassen!
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O! ein durchdringend herber Schmerz,
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Die Eltern und sein halbes Herz,
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Die liebsten Freunde zu verlassen!

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Doch der Gerechte ist bemüht
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Sich solcher Fesseln loszureissen.
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Sein Geist, der nach dem Himmel sieht,
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Will sich getrost im Tod beweisen.
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Er weiß gewiß, daß diese Welt
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Nur Angst und Jammer in sich hält,
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Und doch zuletzt im Rauch verschwindet;
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Hingegen trift er Canaan
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Und Gosen nach den Sterben an,
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Allwo er recht Vergnügen findet.

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Dieß Himmels Glück erblickst du nun
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Erblaßt und hochgeliebte Seele!
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Dein Geist kan nun in Frieden ruhn,
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Und lacht zu Kedars Mörder-Höhle.
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Dich hat zwar auch die Grabes-Nacht
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Nach der Natur zur Furcht gebracht,
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Und manchen Seufzer ausgetrieben.
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Allein wer ist, der dirs verdenkt,
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Daß sich der frühe Tod gekränkt,
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Da dich die Krankheit aufgerieben.

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Dein Ehgemahl, das kurze Zeit
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Dein treu und zärtlich Herz genossen,
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Bracht Dich zur größten Traurigkeit,
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Da Thränen aus den Augen schossen.
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Ach! Dein Gemahl, das Du geliebt
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Und nur durch deinen Tod betrübt,
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Lag dir ja freylich an dem Herzen.
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Der liebsten Eltern Klag-Geschrey;
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Der ganzen Freundschaft Lieb und Treu,
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Erweckte billig herbe Schmerzen.

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Jedoch du hast dich als ein Christ
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Bey deinem Todes-Kampf bezeuget,
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Mit Gott hast du dich ausgerüst:
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Und Andachtsvoll dein Haupt geneiget.
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Du überliessest deine Seel
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Dem starken Fürst von Israel.
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Und die, so dir an Herzen lagen:
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Die übergabst du seiner Güt.
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Und also hast du dich bemüht,
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Gelassen gute Nacht zu sagen.

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Du warst in deinem Geist gewiß
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Sie nicht auf ewig zu verlieren,
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Gott würde sie im Paradieß
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Dir wieder wissen zuzuführen.
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Du dachtest an die Herrlichkeit
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So dir dort oben ist bereit,
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Und wie dein Kranz da würde grünen.
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Du dachtest: O! was nehm ich wahr:
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Den Umgang mit der Menschen-Schaar
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Vertausch ich mit den Seraphinen.

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So wurde deine Todes-Pein
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In ein gewünschtes Glück verwandelt,
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Du schliefst in Jesus Armen ein.
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So wohl hat Gott mit dir gehandelt!
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Er machte durch des Sohnes Blut,
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Dein Scheiden, Tod und Sterben gut,
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Und hat dich zu sich aufgenommen.
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Du bist nun, wie Elias dort,
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An dem verlangten Freuden-Ort
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Mit Roß und Wagen angekommen.

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Ihr Eltern! die ihr neben mir
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Des liebsten Sohnes Tod beklaget,
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Und mit der sehnlichsten Begier
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In eurem Schmerz nach Balsam fraget.
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Wer richt euch auf? Wer tröstet mich?
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Dieß kan kein Mensch! warhaftiglich,
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Nur Gott muß Trost ins Herze geben.
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Er wirds auch thun, er steht uns bey,
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Denn wir vertrauen seiner Treu,
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Wir wollen ihn nicht wiederstreben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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