Als

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Als (1727)

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Kaum hatte Evens Blick den Baum mit Lust gesehn;
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Kaum war der Apfel-Biß von beyder Mund geschehn;
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So rief die Gottheit aus; Was habt ihr jetzt verbrochen;
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Die Sünde war vollbracht, die Strafe folgte gleich;
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Ein Engel jagte sie von Lust und Glück und Reich;
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Ja noch ein härter Wort ward über sie gesprochen:
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Es hieß: weil ihr gefehlt, und wieder mich gethan,
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So solt ihr kräncklich seyn: Ihr werdet sterben müssen.
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Dieß scharfe Wort geht nun auch alle Menschen an,
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Und dieser alte Bund vermag nichts auszuschliessen.

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Ja dieser Bund besteht, so lang der Erden-Kreiß,
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Von Menschen, Gras und Laub und Creaturen weis,
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Und das gewölbte Rund um seine Achsen gehet.
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Nun hat die höchste Kraft mit Fleiß und Vorbedacht,
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Dem Leben Stund und Zeit, und Ziel und Maß gemacht,
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So, daß der Schluß so fest, als wie der Bund bestehet.
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Dort setzt der Wächter-Rath das Ziel nicht überein.
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Der zahlet seine Schuld bey Silbergrauen Haaren,
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Dort muß ein kleines Kind ein Raub des Todes seyn,
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Oft stirbt ein Jüngling auch in seinen besten Jahren.

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Dem aber ohngeacht versuchet doch und sinnt
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Ein aufgeweckter Geist, und kluges Menschen-Kind,
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Der starken Todes-Hand mit Macht zu wiederstreben.
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Es forschet alles aus, was nur die Erde trägt,
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Und was so Feld als Wald vor Seltenheiten hegt,
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Das muß ihm Stärk und Kraft nach seiner Absicht geben.
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Die Wünsche treffen zu, die theure Arzeney
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Schlägt in der Krankheit an, die Macht des Todes weichet.
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Kommt aber nun das Ziel und unser End herbey;
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So ist die Kunst umsonst, man stirbet und erbleichet.

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Nur schade daß der Tod ohn allen Unterschied
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Und Ansehn der Person die Cörper zu sich zieht,
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Und weder Wissenschaft, noch Stand, noch Tugend scheuet.
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Erblaßt ein frommer Fürst; so lebet der Tyrann;
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Hier herrscht der Aberwitz; dort stirbt ein Weiser Mann;
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Hier weinet, heult und klagt, ächzt, winselt, seufzt und schreyet
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Ein hart geplagter Mann nach seiner Grabes-Thür;
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Allein an seiner statt geht eine Schönheit unter.
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Dort sinkt ein Tugend-Bild: der Böse grünt herfür;
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Ein Jonathan fällt um; ein Judas bleibet munter.

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So gar die Priesterschaft Hygäens schont er nicht,
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So weißlich man ihm auch durch Mittel wiederspricht;
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So viel Geschicklichkeit man auch dargegen setzet.
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Des Todes strenger Blick verhöhnt die Arzeney,
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So künstlich, so berühmt, so kräftig sie nur sey:
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Hygäens ächter Sohn wird doch von ihm verletzet.
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Vor ihm sinckt Aesculap, Hippocrates, Galen,
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Ein weiser Theophrast muß gleichfals mit den andern,
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Die oben in der Zahl der klügsten Aerzte stehn,
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In die bemooßte Gruft zu ihren Vätern wandern.

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Jedoch was schweif ich aus? was führ ich Fremde an?
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Da doch das Pleiß-Athen den Satz bestärken kan?
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Dieß zeiget, wie der Tod nach Aerzten gleichfals greifet.
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Dich legt die Todes-Faust nun auf die Leichen-Bahr,
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Eh noch der Mandel-Baum der späten Jahre reifet.
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Weil
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So sucht er sich davor aufs härteste zu rächen:
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Und darzu dienet ihm der allgemeine Bund,
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Drum muß sein Lebens-Schiff zerschellen und zerbrechen.

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Ich kan kein Stoicus bey
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Die Thränen mischen sich bey meiner Dinte ein.
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Wie? solt ich deinen Tod
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Ach! ein berühmter Arzt; ein kluger Doctor stirbt;
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Ein dreysigjährger Baum von guter Art verdirbt;
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Ein Bild der Gottesfurcht wird in die Gruft getragen;
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Der Tugend Ebenbild; ein Freund der Redlichkeit;
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Ein junger Bräutigam, den kaum der Ring gebunden,
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Liegt jetzt erblaßt und kalt, geht in die Ewigkeit,
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Und wird, nur allzufrüh! bey Sterbenden gefunden.

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Jetzt, da dein Tugend-Licht am allerschönsten brennt,
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Und man dich klug, berühmt und zeitlich glücklich nennt;
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Da muß dein Lebens-Licht verlöschen und vergehen.
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Dir schickt der
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Die Tugend klagt um dich, um Meditrine ruft:
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Wie wird es nun um mich und um die Kranken stehen!
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Ach! daß der Tod so hart und unerbitlich ist,
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Auf keine Trähnen sieht, und auf kein Bitten achtet,
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Und uns das Lebens-Ziel so kurz und wenig mißt,
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Und unser Klag-Geschrey auf keine Art betrachtet!

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Jedoch was klage ich die Hand des Todes an?
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Die Gottheit hat den Riß nach ihrem Rath gethan.
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Du must, weil du gefehlt, wie alle Menschen sterben.
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Doch wer, wie du gelebt, wer sich wie du bezeigt,
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Der stirbt nicht, wenn er schon sein Haupt zum Grabe neigt.
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Dein Name grünt und blüht, dein Ruhm kan nicht verderben.
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Du hast der Welt genützt, der Tugend nachgestrebt,
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Und gehest nun mit Ruhm nach Salems schönen Auen,
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Allwo dein Geist bey Gott in Ruh und Freude lebt;
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Wir aber müssen noch den Dornen-Acker bauen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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