Auf das Absterben Ihro Hochwürden Hn. Doctor Reinhards

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Auf das Absterben Ihro Hochwürden Hn. Doctor Reinhards (1727)

1
O wunderbarer Gott! und wunderbar im Rathen!
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O! wer erkennt doch wohl dein Wort und dein Gebot?
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Wer merket und erwegt die wundervollen Thaten?
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Wer schauet auf dein Thun, o! wunderbarer Gott?

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Welch ein betrübter Fall zeigt sich am Neuen Jahre!
6
Des
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Man setzet ihn, o Schmerz! auf eine Todten-Bahre,
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Man sagt: Er ist entseelt. Welch ein betrübter Fall!

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Und sich um Frölichkeit und Herzens-Lust bewirbt;
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Ihn aber sucht der Tod, der kurze Arbeit machet.
11
Ach! schaut ihr Bürger! schaut!

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Ist das nicht wunderbar, die Canzel wird das Bette,
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Da sich die Seele trennt, und von der Engel Schaar
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Zu Gott gehohlet wird, als ob sie Flügel hätte?
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Die Kirche ward sein Grab? Ist das nicht wunderbar?

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Verschliesset seinen Mund, und sieht die Erde an,
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Er wird zum Neuen Jahr dem Leibe nach begraben.
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Ach Schmerz! es stirbet heut

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O wunderbarer, Schluß! der muß das Grab begrüssen;
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Der manches freches Herz vom ewigen Verdruß
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Durch Gottes Wort befreyt, die traurigen Gewissen
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Getröstet und gestärkt. O wunderbarer Schluß!

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O wunderbarer Rath, den Gott hierbey geschlossen!
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Zeigt sich bey diesem Fall auch wohl des Höchsten Gnad?
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Wie? kömmt etwa sein Zorn gleich einem Strom geschossen?
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Ich denke, dieses ist ein wunderbarer Rath.

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Doch rede nicht zu viel, und straf nicht Gottes Wege,
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Setz niemahls die Vernunft schlechthin zu deinem Ziel:
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Gott ist gerecht und fromm, gerecht sind seine Stege,
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Er weis wohl, was er thut, drum rede nicht zu viel.

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Und scheints gleich wunderbar, daß dieser Rath geschehen;
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So macht doch Gott zugleich auch die Verheissung wahr:
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Daß man die Herrlichheit aufs beste kan ersehen;
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Es dient zum ewgen Heil; ist es gleich wunderbar.

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Ein Tag der Freude war, da man das Heil beschnitten.
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Warum? sein Ober-Hirt führt ihn in seine Hütten.
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Nun saget, ob dieß nicht ein Tag der Freude war?

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Er stirbet ohne Pein, ohn Schmerzen/ Weh und Jammer,
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Kein Grau und keine Quaal nimmt seinen Cörper ein;
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Geht ohne Todes-Angst in seine Ruhe-Kammer;
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Wird gleichsam eingewiegt, und stirbet ohne Pein.

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Er war zum Tod bereit: Er sprach zu jeden Stunden;
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Des Geistes Muth und Kraft trotzt Agags Tapferkeit.
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Ja wohl! hat Ihn der Tod nicht ungeschickt gefunden,
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Er starbe Glaubens-voll; Er war zum Todt bereit.

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Er stirbt in seinem Amt als ein getreuer Lehrer,
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Ist bis zur letzten Stund von Lehren angeflammt:
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Er war in Christi Reich ein eifriger Vermehrer,
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Er kämpfte ohne Ruh, und starb in seinem Amt.

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O sonderbare Gnad, so wengen wiederfähret!
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O rare Gütigkeit! und hochgepriesne That!
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Der unvergleichlich heist. O sonderbare Gnad!

53
Er geht aus dieser Quaal, aus Unruh, Müh und Plagen,
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Aus Armuth, Sterblichkeit zum schönen Himmels-Saal:
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Er kan nunmehr von Glück, von Ruh und Reichthum sagen,
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Bekömmt die Seeligkeit vor dieser Erden Quaal.

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Er geht zu Jesu Christ, und allen heilgen Engeln,
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Zur auserwehlten Zahl, die ihn ganz freundlich küßt;
59
Sein Haupt umgiebt ein Kranz von reinen Liljen-Stängeln,
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Er eilet aus der Welt, und geht zu Jesu Christ.

61
Er feuret heut vergnügt das Neue Jahr dort oben,
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Wo Lazarus im Schooß des Patriarchen liegt,
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Und höret da das Lamm von denen Aelsten loben,
64
Nun feyret Er mit Recht das Neue Jahr vergnügt.

65
Zum Neuenjahrs-Geschenk kriegt er die Himmels-Gaben.
66
(ich werde ganz entzückt, wenn ich daran gedenk.)
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Er wird zur Herrlichkeit auf einem Stuhl erhaben,
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Bekommt den Gnaden-Lohn zum Neuenjahrs-Geschenk.

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Der Leib eilt nun zur Ruh, Gott heist ihn schlafen gehen,
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Deswegen deckt ihn auch die Gruft so lange zu,
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Bis daß ihn Jesus einst vom Toden auferstehen,
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Und zu sich kommen läst. Jetzt eilt sein Leib zur Ruh.

73
Nun schaut! ist Gottes Rath nicht herrlich ausgeführet?
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Hat unser Sieges-Fürst die vorgefallne That
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Nicht mit besondrer Lust und Wundern ausgezieret?
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Wer merket nicht hierbey des weisen Gottes Rath?

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Ja wohl in Uberfluß ist dieser zu erkennen,
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Und wer den Herren fürcht, der sage zum Beschluß:
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Man muß den Wunder-Rath wohl ausgeführet nennen.

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Schlaf sanft,
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Die dich nicht ewig deckt, noch stets verbergen kan.
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Dein Leib vereinget sich dereinsten mit der Seele,
83
Indessen aber ruh, und schlaf,

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Dann ruf Victoria! und geh mit reinen Gliedern,
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Und ganz verklärt und schön zu Gott, empfange da
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Den aufgehobnen Pracht, mit deinen frommen Brüdern,
87
Halt da das Neue Jahr, und ruf Victoria!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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