Heilige Weynachts-Feyer

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Heilige Weynachts-Feyer (1727)

1
Wie munter, frisch und emsig sind
2
Die Dichter, wenn allhier auf Erden
3
Ein Prinz und grosses Fürsten-Kind
4
Soll auf die Welt gebohren werden?
5
Man ruft um Geist und Kraft die holden Musen an,
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Daß sie den Dichtern Feuer schenken,
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Und ihre Sinne kräftig lenken,
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Damit ihr Saytenspiel den Hof vergnügen kan.
9
Der Vorsatz ist gerecht. Vor solcher Prinzen Wiegen/
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Muß sich die Dichterkunst mit Ehrfurcht niederbiegen.
11
Sie ist auch selbst bey solcher Zeit,
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Zum Abtrag ihrer Pflicht bereit.

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Drum auf! beliebte Poesie!
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Und laß dem höchsten Prinz zu Ehren,
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Ein Lied, mit tiefgebeugtem Knie,
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Bey seiner frohen Ankunft hören.
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Wer aber steht mir bey? Wer flößt mir Worte ein?
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Die Musen können mich nicht schützen,
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Noch meine Feder unterstützen;
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Hier muß der Geist der Kraft, der Höhe bey mir seyn,
21
Ja! ja ich fühle schon, daß er mein Herz regieret,
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Und meinen schwachen Kiel zu meinem Troste führet.
23
So sing ich denn nach meiner Schuld,
24
Von dir, und deines Vaters Huld.

25
So sehr hat Gott die Welt geliebt,
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Daß er zum Heil der Menschen-Kinder
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Den Höchsten Sohn vom Himmel giebt.
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O süsser Trost vor alle Sünder;
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Der Herr der Herrlichkeit verläßt den Himmels-Saal
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Und setzt die Majestät beyseite;
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Die Liebe führt und bringt ihn heute,
32
In menschlicher Gestalt auf dieses Jammerthal.
33
Er kömmt nicht als ein Prinz auf diese Erde nieder;
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Kein Purpur decket ihn und seine zarte Glieder;
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Er meidet allen Glanz und Schein,
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Und kehrt in Armuth bey uns ein.

37
So bald ein Prinz die Welt erblickt,
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So wird das Land mit Lust erfüllet;
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Der Unterthan steht ganz entzückt;
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Weil Gott sein heiß Verlangen stillet;
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Das Volk ruft jauchzend aus: Willkommen Fürsten-Kind!
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Willkommen Trost der Unterthanen!
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Du kanst uns solche Wege bahnen,
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Auf welchen unser Fuß die Seegens-Spuhren findt.
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Man giebt sich billig Müh, durch Kunst und schöne Sachen,
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Die Freude unsrer Brust bekannt und reg zu machen.
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Man schmücket Hof und Stadt und Haus,
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Bey seinem Wiegen-Feste aus.

49
Herr! deine Ankunft in die Zeit
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Vermelden uns die Seraphienen.
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Wie? sollen wir nicht auch mit Freud
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Dich nach der Prinzen Art bedienen?
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In Fluren Bethlehems erschallt ein süsser Thon.
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Die Engel lassen dir zu Ehren
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Ein angenehmes Jauchzen hören;
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Sie loben insgesammt dich, als des Höchsten Sohn.
57
Was bringt uns Christus mit? Glück, Gnade, Fried und Seegen,
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Trost, Beystand, Hülf und Rath und Schutz auf unsern Wegen.
59
Des Heylands Ankunft in die Welt
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Hat uns den Himmel dargestellt!

61
O! was erblickt die Hirten-Zunft!
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Was ists, das sie in Lüften hören?
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Wie sehr erstaunet die Vernunft!
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Sie weis sich nirgends hinzukehren!
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Seyd Hirten, seyd getrost! erschreckt jetzunder nicht,
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Denn euch verkündigen die Engel,
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Wodurch nun eure Sünden-Mängel
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Geheilet worden sind, und was euch Trost verspricht.
69
Es heist: Der Heyland ist zu Bethlehem gebohren,
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Und hat sich einen Stall zur Wohnung auserkohren.
71
Geht hin zum Stall und sehet an,
72
Was unser Mund euch kund gethan.

73
Wie freudig ist der Hirten Brust
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Da sie dergleichen Nachricht hören?
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Sie eilen mit gereitzter Lust
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Zum Stall, das Kindlein zu verehren.
77
Hier finden sie das Wort der Engel wohl erfüllt.
78
Hier schauen sie mit viel Vergnügen
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Das Heil in einer Krippe liegen,
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Das sich in Dürftigkeit und Windeln eingehüllt.
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Mich dünkt, ich sehe jetzt die Schaar der Hirten singen,
82
Und diesem zarten Kind ein Hosianna bringen.
83
Sie loben mit entzückter Seel
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Den theuresten Immanuel.

85
Was soll ich machen? merk ich nicht
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Wie stark die Engel sich bemühen,
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Mein Herz zum Abtrag seiner Pflicht,
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Zu gleichen Hirten-Dienst zu ziehen?
89
Ja, ja, ich fühle schon, wie sich mein Herze regt;
90
Wie stark es mir in Ohren klinget,
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Daß Gott den Sohn vom Himmel bringet,
92
Wie er ihn in den Stall zu Bethlehem gelegt.
93
Der Hirten Freudigkeit ist auch in mir zu spühren,
94
Indem die Engel mich so wohl als jene rühren.
95
Mein Jauchzen und mein Freuden-Lied
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Ist bloß zu seinen Ruhm bemüht.

97
Auf meine Seele! richte dich
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Nach Bethlehem, dort ruht dein Leben.
99
Der Höchste hat sehr gnädiglich
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Den Sohn vor dich ins Fleisch gegeben.
101
Schau, was dir Gott im Stall und in der Krippe weißt,
102
Hier läßt das zarte Lamm sich finden,
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Das uns, durch sich, aus unsern Sünden,
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Und aus der Finsterniß und grossen Nöthen reißt.
105
Das uns vom Fluch und Tod, vom Jammer, Band und Ketten,
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Durch seine Heiligkeit und Leiden will erretten.
107
Auf dem die Sünden-Strafe liegt,
108
Ja, das uns ewiglich vergnügt.

109
O Jesu! höchster Königs-Sohn,
110
Wie kanst du deine Hoheit hassen,
111
Und dich von deinem Himmels-Thron
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So tief auf Erden niederlassen?
113
Du kommst arm, nackt und bloß zu uns auf diese Welt,
114
Statt einer ausgeschmückten Wiegen
115
Sieht man dich in der Krippe liegen/
116
Wobey dir Heu und Stroh dein Ruhe-Bett bestellt.
117
Wo ist das Fürsten-Schloß, das du dir auserkohren?
118
Du wirst nicht im Pallast; du wirst im Stall gebohren.
119
Wer sind die Mächter deiner Ruh?
120
Ein Ochs und Esel sieht dir zu.

121
Willkommen, zartes Jesulein!
122
Willkommen, o du Prinz der Ehren!
123
Du wilst nunmehr mein Bruder seyn,
124
Und meine Freud und Lust vermehren.
125
Willkommen, kleiner Gast! du Herr von grosser Macht!
126
Wer kan sich deiner Kraft vergleichen?
127
Dir müssen alle Fürsten weichen,
128
Du hast zu jeder Zeit die Stolzen umgebracht.
129
O Herrscher dieser Welt! vor dem sich alles schmieget,
130
Du bists, der in dem Schooß der reinen Jungfrau lieget.
131
Der, da er Wind und Wellen lenkt,
132
Sich jetzt aus zarten Brüsten tränkt.

133
Was weinst du in der Mutter Schooß?
134
Was läßt du heise Thränen schauen?
135
Du giebst den Jammer zeitig bloß;
136
Du must schon früh dieß Elend bauen.
137
In Windeln stellt sich schon die Trübsal bey dir ein.
138
Die Armuth kan dich kaum bekleiden;
139
Frost, Noth, Verfolgung must du leiden;
140
Du must so gar darzu ein armer Flüchtling seyn.
141
Du weinest, daß die Welt so sehr im Argen lieget,
142
Und daß sie nur die Lust der Eitelkeit vergnüget.
143
Du weinest auch zu meiner Freud,
144
Aus Liebe und aus Zärtlichkeit.

145
O angenehm und frohe Nacht,
146
Die uns den Heyland dieser Erden
147
Vom Himmels Thron herab gebracht!
148
Wie könnten wir vergnügter werden!
149
Dieß ist die frohe Nacht, nach welcher schon so oft
150
Die heilgen Alten sich gesehnet,
151
(wovon die Schrift gar oft erwehnet.)
152
Auf welche sie so lang gewartet und gehoft;
153
Und gleichwohl haben sie das Glück nicht finden können;
154
Uns aber will es Gott aus Huld und Liebe gönnen.
155
Was jene nur im Geist gesehn,
156
Daß muß uns in der That geschehn,

157
Da uns der Herr aus Eden stieß,
158
So war der Eingang auch verriegelt;
159
Die Nacht hat uns das Paradieß,
160
Und dessen Thür nunmehr entsiegelt.
161
Der Cherub und sein Schwerd, so uns bisher gedräut,
162
Kan uns hinfort nicht mehr erschrecken;
163
Er muß sich vor die Nacht verstecken,
164
In der ein zartes Kind, in einer Krippe schreyt.
165
Das Paradieß ist auf! der Cherub ist verschwunden,
166
Es darf sein blitzend Schwerd uns nun nicht mehr verwunden.
167
Die Nacht, und auch der Engel Stimm
168
Schwächt Mosis Donnern, Fluch und Grimm.

169
Die Finsterniß und Dunkelheit
170
Muß sich in dieser Nacht verliehren.
171
In dieser Schattenvollen Zeit,
172
Ist nichts als Glanz und Licht zu spühren.
173
Der Engel Klarheit macht die Nacht zu Sonnenschein
174
In Bethlehems beglückten Gränzen,
175
Darf weder Mond noch Sterne glänzen,
176
Hier wird kein ander Licht noch Strahl vonnöthen seyn.
177
Kaum hat wohl Israel bey seiner Feuersäule
178
So vieles Licht gehabt; als jetzt in dieser Weile
179
Das kleine Bethlehem erblickt,
180
Da es der Engel Klarheit schmückt?

181
Ihr Hirten! warum zittert ihr?
182
Ey! warum wolt ihr doch verzagen?
183
Vernehmt mit herzlicher Begier,
184
Was sich vor Wunder zugetragen.
185
Auf! freuet euch vielmehr, daß Gott euch so geliebt,
186
Und euch aus seinem starken Munde,
187
Von seines Sohnes Lebens-Stunde,
188
Und Ankunft in die Welt zu erst die Nachricht giebt.
189
Was denen Mächtigen und Klugen dieser Erden
190
Ein groß Geheimniß ist, das muß euch wissend werden.
191
Erwegt, wie eure Niedrigkeit,
192
Die höchste Macht so hoch erfreut.

193
Ja, ja ihr Hirten, eure Brust
194
Ist jetzt in Frölichkeit gesetzet,
195
Ihr fühlet eine solche Lust,
196
Die euer innerstes ergötzet.
197
Ja, ihr erkennt wie hoch der Herr euch angesehn,
198
Deswegen kommt ihr auch mit haufen
199
Vergnügt nach Bethlehem gelaufen,
200
Um dieses Freuden Fest nach Würden zubegehn.
201
Ja, ihr besingt mit Geist und Andachtsvollen Lippen,
202
Den angekommnen Gast, den Heyland in der Krippen.
203
Ihr lobt im Stall zu Bethlehem,
204
Den König von Jerusalem.

205
Hier will sich die Unendlichkeit
206
In einen kleinen Raum verschliessen.
207
Gott will uns, welche Seltenheit!
208
In unserm Fleisch und Blut begrüssen.
209
Hier will die Majestät ein Knecht der Knechte seyn.
210
Du must mein Gott! an statt der Wiegen
211
Auf harten Stroh im Finstern liegen.
212
Man schliesset dich im Stall bey Ochs und Eseln ein.
213
Ist Heu und Stroh der Schmuck, der deine Glieder zieret?
214
Erwärmet dich der Hauch der Thiere, wenn dich frieret?
215
Der, so die Wärme selbst gemacht,
216
Fühlt Frost und Kälte Tag und Nacht.

217
Der, so die Lust der Engel ist,
218
Muß jetzt viel Noth und Jammer sehen;
219
Wie kanst du dich, Herr Jesu Christ!
220
Zu solcher Niedrigkeit verstehen?
221
Hier wird die Ewigkeit der Zeit ihr Unterthan.
222
Gott will an Mienen und Geberden
223
Ein wahrer Mensch, mir ähnlich werden;
224
Doch zieht er nicht wie ich zugleich die Sünde an.
225
Die Menschheit hast du zwar mein Jesu angenommen,
226
Und bist in solchem Stand zu uns hernieder kommen,
227
Doch bleibst du nach wie vor ein Gott,
228
Mein Heil! mein Schutz, Herr Zebaoth!

229
O Wunder! das ein Wunder heist!
230
Hier muß sich die Vernunft verstecken.
231
Dieß weiß der allerklügste Geist
232
Auf keine Weise zu entdecken.
233
Hier schweigt ein Philosoph, die Weisheit dieser Welt
234
Kan dieses Wunder nicht ergründen,
235
Noch dessen End und Anfang finden,
236
Zumahl da Gott es selbst den Engeln vorenthält.
237
Der Glaube muß allhier den Witz gefangen nehmen;
238
Die klügelnde Vernunft muß sich hier billig schämen.
239
Sie fällt nur blos dem Worte bey,
240
Daß Gott kein Werk ohnmöglich sey.

241
Behalt, o Welt! nur immerhin
242
All deine Ehr und Herrlichkeiten;
243
Dieß ist mein Ruhm, daß ich den Sinn
244
Nach Bethlehem kan kräftig leiten
245
Behalte nur dein Gold und deinen Schatz vor dich;
246
Die Armuth, die im Stalle lieget,
247
Dieß ist der Schatz, der mich vergnüget;
248
Der macht mich reich genug; der bleibt mir ewiglich.
249
Behalte deinen Witz, ich kan nicht klüger werden,
250
Als wenn ich sagen darf: Der Schöpfer dieser Erden,
251
Der ist mein Vater, der mich kennt;
252
Der mich sein Kind und Erben nennt.

253
Ihr Stolzen, kommt! schaut Jesum an!
254
Sucht seine Demuth abzulernen;
255
Ihr, die ihr böses habt gethan,
256
Ihr dörft euch nicht vom Stall entfernen.
257
Seht hier, wie Jesus liegt, und auf euch Sünder wartt,
258
Um, euch ein Beyspiel, recht zu leben,
259
In seiner Krippe schon zu geben,
260
Damit ihr länger nicht in eurer Sünd verharrt.
261
Ihr Sünder, die ihr sonst die Lust der Welt geliebet,
262
Und euch deßwegen jetzt bekümmert und betrübet:
263
Eilt nach des Heylands Krippen zu,
264
So findt ihr Labsal, Trost und Ruh.

265
Die Welt sucht nur zu dieser Zeit
266
Durch Hoffarth, Wollust, Tanz und Springen,
267
Und andrer schnöden Eitelkeit,
268
Die heilgen Tage zuzubringen.
269
Behalte deine Lust und deinen Sünden-Schwall;
270
Nur Bethlehem kan mich ergötzen,
271
Und meine Brust in Freude setzen.
272
Das, was mein Herz vergnügt, das liegt im dunkeln Stall.
273
Betracht ich meinen Freund und Heyland in der Krippen,
274
So freut sich meine Seel; so singen meine Lippen.
275
Dieß ist die schönste Lust der Welt,
276
Die ewig, ewig Dauer hält.

277
Im finstern Stall zu Bethlehem
278
Schläft meiner Seelen Licht und Sonne.
279
Hier liegt der, so mir angenehm;
280
Hier schlummert meine Freud und Wonne.
281
Willkommen auf die Welt! willkommen liebster Freund!
282
Ich will dich in die Arme fassen,
283
Und dich, mein Heil! daraus nicht lassen,
284
Als bis du dich mit mir verbunden und vereint.
285
Denn warum wärest du auf diese Welt gekommen,
286
Weßwegen hättest du mein Fleisch an dich genommen:
287
Wenn du nicht woltest bey mir seyn?
288
Drum kehr mein Heyland bey mir ein.

289
Was liegst du hier auf hartem Stroh?
290
Komm, liebster Jesu! in mein Herze,
291
Mach es durch deinen Einspruch froh,
292
Sonst sterbe ich gewiß vor Schmerze.
293
Bereite du mein Herz zu deiner Wohnung zu.
294
Mein Heil! laß Stall und Krippe stehen.
295
Und suche in mir einzugehen,
296
Und halt in meiner Seel auf ewig deine Ruh.
297
So werd ich von der Welt nicht listiglich betrogen;
298
Und Gott der Vater bleibt mir ewig wohl gewogen.
299
Ich werde nicht nur jetzt allein,
300
Nein, sondern ewig heilig seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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