Andächtige Betrachtung über den am Kreuz sterbenden Jesus

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Andächtige Betrachtung über den am Kreuz sterbenden Jesus (1727)

1
Was? seh ich hier auf Golgatha
2
Mein liebstes Heil am Kreuze schweben?
3
Ich zittre; denn ich schaue da
4
Wie Hände, Füß und Haupt viel Ströme von sich geben.
5
Ist das mein Seelen-Bräutigam?
6
Ist dieß der Schönste unter allen?
7
Ja Seele! dieß ist Gottes Lamm.
8
Ey solt mir dieses nicht in seinem Blut gefallen?
9
Ja! ja! Mein Schönster! weis und roth!
10
Ich liebte dich in Freuden;
11
Ich küßte dich in Leiden,
12
Und jetzo labt mich auch dein bittrer Kreuzes-Tod.

13
Dein Blut, daß ströhmend von dir fällt,
14
Netzt Golgatha und seine Ritzen.
15
Wie? soll der Schweiß von meinem Held,
16
Dieß Kleinod, dieser Saft dem starren Felsen nützen?
17
Ich halte meine Hände auf.
18
Um diesen Purpur aufzufassen.
19
Ich wasche mich: was folgt hierauf?
20
Ich kan in solchem Schmuck vor Gott mich blicken lassen.
21
Hier ist mein Herz; es soll dieß Blut
22
Zur Gabe überkriegen:
23
Damit will ich besiegen
24
Den Teufel und mein Fleisch, und auch der Höllen-Wuth.

25
Dort ist der Kampf-Platz, wo der Fürst
26
Des Himmels mit der Schlangen kämpfet.
27
Und ob sie schon die Zähne knirst;
28
So wird doch ihre Macht getilget und gedämpfet.
29
Hier stirbet zwar Immanuel,
30
Es kostet unserm Held das Leben;
31
Doch dieß kan seinem Israel
32
Geist, Stärke, Muth und Kraft, ja gar das Leben geben.
33
O Wahlstatt! welcher keine gleicht!
34
Wo ist ein Held gestorben,
35
Der solchen Ruhm erworben?
36
Vor eines Helden Tod die ganze Hölle weicht.

37
Allein mein Held! wo bleibt die Pracht?
38
Wo ist denn dein Parade-Bette:
39
Ach! ist ein Pfahl dir zugedacht?
40
Soll der die Bahre seyn? Ist dieß die Ruhe-Stätte?
41
Du stirbst, O Jesu Gottes Sohn!
42
Am Kreuz mit grossen Schmerzen,
43
Durch deine Wunden, Schmach und Hohn,
44
Begnadgest du dein Volk, und heilst der Sünder Herzen.
45
Der Herr stirbt vor die Creatur,
46
Der heilge und Gerechte
47
Vor Sünder und vor Knechte;
48
Erwege was Gott thut! bedenke dieses nur!

49
Komm Israel! kommt! die der Biß
50
Der Feuer-Schlangen scharf gestochen;
51
Komt her! allhier wird ganz gewiß
52
Der bittre Schmerz gestillt, der Krankheit Joch zerbrochen.
53
Kommt! blickt die ehrne Schlange an,
54
Die Gott hier schmerzlich aufgehangen.
55
Wer diese glaubig sieht, der kan
56
Heil, Leben, frische Kraft, Gesundheit, Stärk erlangen.
57
O Wort voll Trost! ja! ja! die Kraft
58
Hab ich bereits empfunden:
59
Es heilen meine Wunden:
60
Ich fühle neue Stärk und frischen Lebens-Saft.

61
Wie wohl und sanfte ist es mir,
62
An dieser blutgen Brust zu liegen!
63
Nun kan kein Feind, kein höllisch Thier,
64
Die Welt und auch mein Fleisch mich warlich nicht besiegen.
65
Nunmehr darf ich mit Freudigkeit,
66
Zum Thron des Grossen Vaters treten;
67
Ich kan nun mit Zufriedenheit,
68
Und voller Zuversicht, das Abba Vater! beten.
69
Mein Schuld-Buch wird mit Jesu Blut/
70
Und Schweiße unterstrichen,
71
Ich werd mit Gott verglichen,
72
Und wieder ausgesöhnt. Er wird mir wieder gut.

73
Geh Welt, du falsche Delila!
74
Von dir mag ich durchaus nichts hören;
75
Ich will mich nur nach Golgatha
76
Mit sehnlicher Begier zu meinen Jesum kehren.
77
Dein Mund ist zwar voll Süssigkeit,
78
Er schmeichelt, küßt und scherzet;
79
Allein nach einer kurzen Zeit
80
Stößt er die Schalkheit aus, die uns nicht wenig schmerzet.
81
Du bist des Joabs Ebenbild;
82
Drum geh! mir soll vor allen
83
Nur Jesus wohlgefallen,
84
Und was am Kreuzesstamm aus seinen Wunden quillt.

85
Zwar fühl ich wohl den Streit in mir,
86
Den Fleisch und Blut hierbey erreget;
87
Doch Christus stärkt mich für und für,
88
Der meiner Feinde Pfeil mit Macht zurücke schläget.
89
Betracht ich, wie hier Jesus kämpft,
90
Und wie er schmerzlich vor mich leidet;
91
So wird die Lust der Welt gedämpft:
92
Der Geist sich warlich nicht an Wollusts-Rosen weidet.
93
Wenn Gott am Kreuze schmachtend schreyt:
94
Wie hat mich Gott verlassen!
95
Wer solte sich nicht fassen,
96
Daß er der Welt abstirbt, und sie vermaledeyt?

97
Geh Welt und Sattan! mit der Macht
98
Des Heylands will ich dich bezwingen.
99
All deine Wollust, Ehr und Pracht
100
Soll meine Seele nicht zu deiner Liebe bringen.
101
Ja, treibst du mich zur Sünde an;
102
So schau ich auf dem Schädel-Hügel,
103
Ich merke, was hier Gott gethan;
104
Dein Liebreitz raubt mir nicht das güldne Glaubens-Siegel.
105
Herr Jesu! deine Todes-Pein,
106
Und was du hast gelitten,
107
Da du vor mich gestritten,
108
Soll meine Ehr und Schmuck, Lust und Vergnügen seyn.

109
Du hast, mein Seelen-Bräutigam!
110
Dein schweres Kreuz sehr gern getragen.
111
Du ließt dich als ein stilles Lamm
112
Der Welt, und mir zu gut an solches willig schlagen.
113
Wohlan! so will ich auch mein Theil
114
Des Leidens, ohne sündlich Grämen,
115
Und ohne Murren, wie mein Heil
116
In meiner Lebens-Zeit auch auf die Schultern nehmen.
117
Zudem trägt auch mein Jesus mit,
118
Zieht selbst den Rücken unter,
119
Und macht mich frisch und munter,
120
Und bricht zuerst die Bahn. Ich folge seinem Schritt.

121
Herr! deinen Gang nach Golgatha
122
Vollführst du zwar mit heisen Zähren;
123
Der Schmerz geht dir empfindlich nah;
124
Man will dir nicht einmahl den Labsals-Trank gewehren.
125
Dein Thränen-Guß wird mir zum Wein,
126
Dein Augen Salz zum Gift der Sünden;
127
So kan ich ja in aller Pein,
128
Und tiefster Traurigkeit, das süßte Labsal finden.
129
Ihr Jüden speyt nur immer drauf,
130
Und lachet seiner Striemen,
131
Ich will mich ihrer rühmen,
132
Wißt aber, Gottes Zorn wacht euch zum Falle auf.

133
Gott hat den Jüden manche Stadt
134
Zur Freystadt gnädiglich geschenket.
135
Viel besser ists, wer Sorgen hat,
136
Wenn er an Golgatha und Christi Creuz gedenket.
137
Hier ist die Freystadt vor den Fluch,
138
Vor Gottes Zorn, der Höllen Schrecken,
139
Und vor das grosse Schulden-Buch,
140
Das unsre Strafe wird am Jüngsten Tag entdecken.
141
Ihr Ubelthäter eilt herzu!
142
Ihr Sünder, kommt mit Haufen
143
Nach Golgatha gelaufen!
144
Hier könt ihr sicher seyn; hier findt ihr sanfte Ruh.

145
O! blick auf diesen Berg hinauf!
146
Bleib hier mit Andacht stille stehen.
147
Hier ist der Blut-Altar, worauf,
148
Worauf du Gottes-Lamm kanst schmerzlich opfern sehen.
149
Bedenk, was Sohn und Vater thut:
150
Des Sohnes heise Liebes-Flammen,
151
Des Vaters starker Zorn und Glut,
152
Die schlagen auf einmahl mit starker Macht zusammen.
153
So muß das Unschulds-volle Lamm
154
Vor unsre schnöde Sünden,
155
Das Opfer-Schwerd empfinden
156
So wäschet uns sein Blut von unserm Sünden-Schlamm.

157
Den, welcher Gott und Schöpfer ist,
158
Muß ein Geschöpf, ein Engel stärken.
159
Dieß ist noch nicht genug, Herr Christ!
160
Du must noch größre Schmach erdulten, sehn und merken.
161
Ein Eßig-Schwam, ein Gallen-Saft
162
Muß dich, O Geber aller Gaben!
163
In deiner bittern Leidenschaft,
164
In deinem heisen Durst und grosser Schwachheit laben.
165
Du must ein Spott der Leute seyn,
166
Du must dich auf der Erden
167
Als wie ein Wurm gebehrden;
168
Der Jüd und Heyde sucht dich schimpflich anzuspeyn.

169
Komm Zion! schau den König an!
170
Komm! siehe ihn in seinem Blute!
171
Hat dieß sein eignes Volk gethan?
172
Wie ist dir Israel bey deinem Held zu muthe?
173
Seht welch ein Mensch! so ruft man laut.
174
Was kan wohl diesem Elend gleichen?
175
Ihr Engel kommt zum Kreuz und schaut,
176
Ob dieß der Herzog sey, vor welchem alle weichen?
177
Ist dieß der Trost Immanuel,
178
Dem ihr zu Ehren singet,
179
Und heilig, heilig bringet?
180
Ist dieses Gottes Sohn? der Fürst von Israel?

181
Der Mund voll Trost und Süßigkeit
182
Muß jetzo schmachten und erblassen;
183
Die Hände fühlen Kampf und Streit,
184
Und müssen sich am Kreuz so scharf durchbohren lassen.
185
Das heilge Haupt ist aufgeritzt;
186
Die Brust ist mörderlich durchstochen.
187
Der ganze Leib von Blute schwitzt,
188
Die Augen schliessen sich, das Herz ist schon gebrochen.
189
Der Herr schreyt laut und stirbet nun.
190
Kommt, kommt ihr frommen Kinder!
191
Kommt aber auch ihr Sünder,
192
Und schlagt an eure Brust, und lernet Busse thun.

193
Den Menschen kränkt nicht deine Noth;
194
Den Elementen schmerzt dein Leiden.
195
Die Sonne klagt bey diesem Tod,
196
Und zieht den Glanz zurück, sie scheinet zu verscheiden.
197
Es klagen Himmel, Erd und Stein,
198
Dieweil ihr Felß und Schöpfer stirbet.
199
Die Erde bebt vor Angst und Pein;
200
Die Gräber öfnen sich, der Vorhang reißt, verdirbet.
201
Der Himmel zeigt am Tage Nacht,
202
Und suchet mit zu trauren.
203
Wen solte denn nicht dauren,
204
Daß man den Lebens-Fürst so schmählich umgebracht.

205
Ach! da mein Seelen-Freund erblaßt,
206
So eckelt mir auch vor dem Leben!
207
Die Welt ist mir nunmehr verhaßt,
208
Ich wünsche meinen Geist mit seinem aufzugeben.
209
Wie? solte mich die schnöde Welt
210
Des Heylands Mörderin ergötzen?
211
Daß, was sie nur vor kostbar hält,
212
Soll meine Seele nicht in Lust und Freude setzen.
213
Ich kenne ihre Schätze schon,
214
Ich kenne ihre Stricke,
215
Ich weiß auch ihre Tücke;
216
Drum geh du Mörderin von Jesu Gottes Sohn!

217
Allein was klag ich dich nur an!
218
Was such ich dir die Schuld zu geben!
219
Ich habe selbst den Mord gethan!
220
Ich schluge Gott ans Kreuz; ich brachte ihn ums Leben!
221
Ach! meine Sünden haben dir
222
Das Blut am Oelberg abgedrungen.
223
Mein böser Wille und Begier
224
Sind schuld, daß du mit Gott, mit Höll und Tod gerungen.
225
Ich selbst bin Judas, welcher dich
226
Durch ungerechte Thaten
227
So frech und schnöd verrathen.
228
Ich gabe dir Herr Christ! den größten Versen-Stich.

229
Mein hart und ungehorsam Herz
230
Hat dir die Bande angeleget.
231
Mein leichter Sinn und eilter Scherz,
232
Hat dir in dem Verhör viel Angst und Noth erreget.
233
Ich brachte dich am Geisel-Pfahl;
234
Ich gab dir Schläge, Striem und Wunden,
235
Du hast durch mich die Todes-Quaal,
236
Der Dornen herben Schmerz, die Nägelmal empfunden.
237
Vor meine Sünden groß und klein
238
Läßt du den Purpur fliessen;
239
Du must erschröcklich büssen;
240
Wie könt ich grausamer und wohl verruchter seyn?

241
Ach weh! wo soll die Sünderin
242
Sich vor der Missethat verstecken?
243
Ach grosser Gott! wo flieh ich hin?
244
O! möchten mich doch jetzt die Berge nur bedecken!
245
Ach! mein Gewissen klagt mich an,
246
Der Himmel will mich überzeugen;
247
Gott rufet: Was hast du gethan?
248
Die Erde will zugleich um Straf und Rache schreyen.
249
Die Hölle sperrt den Rachen auf,
250
Und sucht mich umzubringen,
251
Und plötzlich zu verschlingen;
252
Ich bin der Höllen Raub, der Sattan wart schon drauf.

253
Doch nein! schweig Hölle! Teufel weich!
254
Du solst kein Theil an mir mehr finden.
255
Gewissen, Erde, Himmelreich
256
Und was mich sonst verklagt, soll mich nicht überwinden.
257
Der Sattan ist ja selbst verdammt,
258
Was will er mich denn plagen?
259
Es lief auch wider Gottes Amt,
260
Gnad und Barmherzigkeit, wenn er mich ließ verzagen.
261
Nein, wer mit Andacht, Buß und Reu,
262
Zur Schädelstätte fliehet,
263
Und nur auf Jesum siehet,
264
Ey! den verstößt Gott nicht, er spricht ihn wieder frey.

265
Ich kan ja nicht verlohren seyn,
266
Sonst wäre Christus nicht gestorben;
267
Durch eben diese Todes-Pein
268
Die ich ihm zugebracht, hat er mir guts erworben.
269
Durch seinen Tod macht er den Fluch
270
Und Gottes strengen Zorn zunichte.
271
Sein Blut vertilgt mein Schulden-Buch,
272
Und rettet mich vom Tod und ewigem Gerichte.
273
O heise Liebe! holde Güt!
274
Die Sünderin soll leben;
275
Die dir den Tod gegeben:
276
Sie ist es, die dein Arm aus dem Verderben zieht.

277
Wie solt ich dir die Liebes-Glut
278
Und seltne Treu verdanken können!
279
Nimm hin den Geist, nimm hin mein Blut,
280
Nimm hin mein Herz, es soll von deiner Liebe brennen.
281
Geist, Seele, Zunge, Ohr und Hand
282
Will ich dir gänzlich übergeben.
283
Ich will in diesem Sünden-Land,
284
Auf meiner Wanderschaft nur dir zu Ehren leben.
285
Dein Leiden soll mein Spiegel seyn,
286
Wie auch mein Trost und Freude,
287
Und meiner Seelen Weide.
288
Du gehst doch diesen Bund, mein Jesu! mit mir ein?

289
Ja, wie du dort so mildiglich
290
Vor deine Feinde hast gebethen,
291
So bitte auch bey Gott vor mich,
292
Daß ich nicht unerhört zurücke dörffe treten.
293
Dein Kreuz gieb mir zum Wander-Stock,
294
Damit ich nicht im Gehen gleite.
295
Dein Purpur-Mantel sey mein Rock,
296
Die Labung meiner Brust das Blut aus deiner Seite.
297
Und endlich nach vollbrachtem Lauf,
298
Nach Streiten und Ermüden,
299
So hohle mich in Frieden
300
Nach Salems güldner Stadt, ins Paradieß hinauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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