O Mensch! an dem die Allmachts-Hand

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Sidonia Hedwig Zäunemann: O Mensch! an dem die Allmachts-Hand (1727)

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O Mensch! an dem die Allmachts-Hand
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Die Grösse ihrer Kunst bewiesen,
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Und dessen Wesen, Art und Stand
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Sie stets vor andern hoch gepriesen.
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Nun sage schönste Creatur!
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Worzu bist du so schön bereitet?
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Bloß darzu, daß dein Wesen nur,
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Dich zu des Schöpfers Lobe leitet.
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So werde denn mit Geist und Zungen
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Des grossen Meisters Lob besungen.

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Worzu hat sonst der Schöpfer dir
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Verstand, Vernunft und Mund gegeben,
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Als daß du damit für und für,
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Sein Lob und Namen solst erheben?
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Vor allen hat die höchste Macht
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Uns darzu eine Seel geschenket,
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Daß man mit Andacht und Bedacht,
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Die Grösse seiner Huld bedenket.
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Wohlan! so suche auch vor allen,
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Durchs Lob dem Schöpfer zu gefallen.

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Geh nur ins heilge Buch hinein,
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Und ließ es; so wirst du erblicken,
23
Daß deine Schuldigkeit wird seyn,
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Ein Lob-Lied in die Höh zu schicken.
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Geh weiter fort, und sieh nur an,
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Wie sich die werthen frommen Alten,
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So viel man ihrer finden kan,
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In diesem Dienste stets verhalten?
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Betracht es nur, so wirst du lesen,
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Wie munter sie zum Lob gewesen.

31
Dort lobt ein Jacob seinen Gott,
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Und Israel singt Freuden-Lieder.
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Auch Mirjam gieng Gott Zebaoth
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Zu Ehren jauchzend hin und wieder.
35
Ein David nahm sein Harfen-Spiel
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Und sunge seinem Gott zu Ehren.
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Mein Herz, erwege doch, wie viel
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Er Freuden-Psalmen liesse hören.
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Hat Judith nicht mit froher Zungen,
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Des Schöpfers Gütigkeit besungen.

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Lobst du die Hand des Höchsten nicht,
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So bist du in dem Christen-Orden,
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Ein finstres und verlöschtes Licht,
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Ein faul und todtes Glied geworden.
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Du wärst nicht werth, daß dich ein Mund
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Ein göttliches Geschöpfe nennte,
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Wenn nicht dein Herz zu aller Stund
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Vom Lobe deines Gottes brennte.
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Du must dich dankbarlich erweisen,
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Und Gott vor seine Liebe preisen.

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Laß deine Seel und deine Brust
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Von heisen Andachts-Flammen glühen,
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So kanst du dich dadurch mit Lust
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Zu deinem Glück zum Himmel ziehen.
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Dein Herz stell' einen Altar für,
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Worauf die Opfer-Gaben liegen,
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Die Gott, der Seelen schönste Zier,
58
Gefällig seyn, und ihn vergnügen,
59
Besing mit frölichem Gemüthe,
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Des hohen Schöpfers Gnad und Güte.

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Auf! lobe täglich den, der dich
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Aus Nichts gemachet und bereitet,
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Und welcher dich so väterlich
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In Seilen seiner Liebe leitet.
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Die Meinung Gottes ist zwar nicht,
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Stets laut und öffentlich zu singen.
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Ist nun dein Herz so eingericht,
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Den Dank mit Seufzern darzubringen;
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So darfst du dich darum nicht grämen,
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Gott wird ihn warlich gerne nehmen.

71
Dein Amt und dein Beruf kan dir
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Nicht die geringste Hindrung geben,
73
Du kanst mit sehnlicher Begier
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Dein Herz zu Gott im Himmel heben.
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Die Seufzer unter deinem Schweiß
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Und Arbeit hört der Höchste gerne,
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Er höret seines Namens Preiß,
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So in der Näh, als in der Ferne.
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Laß nur dein Herz auf dieser Erden,
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Von Lob und Dank nicht müde werden.

81
Frag nicht, warum du deinen Gott
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Solst ohne Ziel und Mase loben?
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Dir giebt der Herr Gott Zebaoth
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Ja täglich neue Liebes-Proben.
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Geh in dein Herz, durchsuche nur
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Die kleinste Zeit von deinen Jahren,
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So wirst du mehr als eine Spuhr
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Von seiner Gnaden-Hand erfahren.
89
Leib, Leben, Seele und Gemüthe,
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Erfüllet Gott mit seiner Güte.

91
Ey! hebe deine Augen auf,
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Und sieh dich um, so wirst du finden,
93
Daß Gott der Herr in seinem Lauf
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Und Wundern gar nicht zu ergründen.
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Sieh dich nur um, so wirst du schon
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Gnug Anlaß Gott zu preisen haben:
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Gott giebt dir ja von seinem Thron
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Fast stündlich neue Gnaden-Gaben.
99
Gott ist ein Brunn, der immer quillet;
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Und uns mit seinem Gut erfüllet.

101
Auf! schaue deine Seele an,
102
So must du wohl mit Freuden sagen:
103
Der Herr hat viel an ihr gethan,
104
Er hat sie in der Hand getragen.
105
Wie manche sündliche Gefahr,
106
Wie manche Noth hat er verhütet;
107
Er machte die Verheisung wahr,
108
Daß er die Seinen wohl behütet.
109
Wie reichlich labt er deine Seele,
110
Mit seinem heilgen Freuden-Oele?

111
Drum lobe den, der dich gemacht;
112
Der dich mit seinem Wort erquicket;
113
Der dir die Kindschaft zugedacht,
114
Und dich mit weisen Kleidern schmücket.
115
Auf! lobe den, der dich erlößt,
116
Und dir sein Fleisch und Blut gegeben;
117
Der dich durch seine Wunden tröst,
118
Damit du ewig köntest leben.
119
Auf! lobe den, der dich regieret,
120
Und dich zur rechten Weisheit führet.

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Erwege und betrachte auch,
122
Wie sehr dich Gott der Herr geliebet,
123
Da er durch Trübsal, Dampf und Rauch
124
Dich nicht erschrecket noch betrübet.
125
Bedenke, wie er dich ernehrt,
126
Versorgt, beschützet und bekleidet;
127
Betrachte, was er dir beschert,
128
Und wie er dich auf Rosen weidet.
129
Erwegst du diß; so wirst du sagen:
130
Gelobt sey Gott, der mich getragen!

131
Wie sorgt Gott nicht so väterlich
132
Vor die Erhaltung deiner Glieder;
133
Kein Schmerzen übereilet dich,
134
Du wandelst munter hin und wieder.
135
Die Glieder thun ja insgesamt,
136
Die Werke, die sie leisten sollen.
137
Ein jeder Sinn verricht sein Amt,
138
Worzu ihn Gott verordnen wollen.
139
Ist dieß nicht gnug, die vielen Proben,
140
Des grossen Schöpfers hochzuloben?

141
Heb deine Augen über dich,
142
Und schaue den gewölbten Bogen;
143
Ich weiß, du wirst gewaltiglich
144
Zu Gottes Lob und Preiß bewogen.
145
Sieh nur das grosse Welt-Licht an,
146
Wie es die Erde fruchtbar machet.
147
Wie sicher jeder wandeln kan,
148
Indem es gleichsam uns bewachet.
149
Wer dieß erwegt, der muß bekennen:
150
Es sey ein Wunderwerk zu nennen.

151
Der Mond ist auch darzu bestimmt
152
Daß er des Schöpfers Allmacht lehret;
153
Sein Schein die Finsterniß benimmt,
154
Die sich am Abend zu uns kehret.
155
Die Sterne an dem Firmament
156
Bezeugen gleichfals Gottes Güte,
157
Ihr Licht, das uns zum Dienste brennt,
158
Ergötzt so Augen als Gemüthe.
159
Wer solte nicht bey solchen Dingen
160
Dem Schöpfer Lob und Ehre bringen?

161
Bald muß der Sonnen Glanz und Schein
162
Die Felder bauen und beleuchten;
163
Bald stellet sich ein Regen ein,
164
Der muß das dürre Land befeuchten.
165
Des Himmels Thau benetzt das Feld,
166
Und läßt auf Saat und Feld und Wiesen,
167
Und was der Garten in sich hält,
168
Sein Perlen-Naß zum Wachsthum fliessen.
169
Wie? soll nicht auch vor diese Gaben,
170
Der Höchste Freuden-Lieder haben?

171
Wohin ich nur mein Augen dreh,
172
Da weiß ich mir die Seegens-Quellen,
173
Bald in dem Thal, bald auf der Höh
174
Der höchsten Allmacht vorzustellen.
175
Ja was ich seh, woran ich denk,
176
Das dienet mir zu meinen Leben:
177
Wohin ich nur die Sinnen lenck,
178
Das muß mir Nutz und Nahrung geben.
179
Erwegst du dieß, so laß vor allen,
180
Auch deinen Dank davor erschallen.

181
Wie manches Kraut beschützet dich
182
Vor Schwachheit und vor Krankheits-Fällen.
183
Der Höchste weiß gar väterlich
184
Dadurch dein Leben herzustellen.
185
Selbst das Gewürme, das die Hand
186
Der Aerzte künstlich zubereitet,
187
Thut deiner Schwachheit Wiederstand,
188
Indem es mit der Krankheit streitet.
189
Auch das geringste dieser Erden
190
Läßt Gott zu deinem Nutzen werden.

191
Du kanst dem Schöpfer warlich nicht
192
Ein lieblicher Gethöne bringen,
193
Als wenn dein Herz mit Freuden spricht:
194
Auf! laß mich meinen Gott besingen!
195
Gott hört uns mit Vergnügen zu,
196
Wenn wir von seinem Lobe lallen,
197
Drum wohl mir, wenn ich dieses thu;
198
Mein Dank-Lied wird ihm wohlgefallen;
199
Ich lasse meinem Gott zu Ehren
200
Wie David muntre Psalmen hören!

201
Gott loben, ist ein solches Amt,
202
Das auch die Engel selbst verrichten.
203
Die Himmels-Fürsten insgesammt,
204
Dieß Opfer ihrem Gott entrichten.
205
Du bist so schön als sie gemacht,
206
Drum suche doch vor allen Dingen
207
Dem, der dich also hoch geacht,
208
Auch einen gleichen Dienst zu bringen.
209
Bestrebe dich dadurch auf Erden
210
Den edlen Geistern gleich zu werden.

211
Wer, wie die Engel gerne singt,
212
Den haben sie auch desto lieber;
213
Ihr Schutz den Feind zu weichen zwingt;
214
So gehet manche Noth vorüber.
215
Wir sollen dort an Glanz und Pracht
216
Den Seraphinen ähnlich heisen,
217
Drum, sollen wir uns auch mit Macht
218
Dergleichen nachzuthun befleisen.
219
Wer ihnen hier nicht gleich geworden,
220
Der bleibt auch dort aus ihrem Orden.

221
Dieß ist des Vaters strenges Wort,
222
Daß wir in Werken und Geberden
223
Dem Felß des Heils, dem Gnaden-Hort
224
Im Leben sollen ähnlich werden.
225
Wie nun der Sohn nichts liebers that,
226
Als daß er mit erfreuter Zungen
227
Vor seinen lieben Vater trat:
228
Wie schön hat er sein Lob besungen!
229
So must du gleichfals dich bestreben,
230
Dem Theuren Heyland nachzuleben.

231
Gott hört sein Lob zwar gerne an;
232
Allein er wird dadurch nicht grösser:
233
Wir aber nehmen Theil daran,
234
Wir werden dadurch immer besser.
235
Wir machen uns bey ihm beliebt;
236
Sein Herz wird recht zu uns gezogen,
237
Daß er uns größre Wohlthat giebt;
238
Er wird dadurch zur Huld bewogen.
239
Das Lob, das wir dem Höchsten geben,
240
Ist unsre Festung, Kraft und Leben.

241
Durchs Lob des Schöpfers können wir
242
Die Seelen-Feinde überwinden.
243
Viel Trübsaal weicht von unsrer Thür,
244
Und darf sich nicht mit uns verbinden.
245
Ein jedes Lob und Ehren-Lied,
246
Bringt eine Wohlthat mit zurücke.
247
So hold ist der, der alles sieht!
248
So gnadenvoll sind seine Blicke!
249
Drum auf! und singet Gott zu Ehren!
250
So wird er unser Glück vermehren.

251
Das Lob des Höchsten heist mit Recht,
252
Ein starker Vorschmack jenes Lebens.
253
O Würde! die gewiß nicht schlecht!
254
O Hoffnung! welche nicht vergebens!
255
So laßt uns denn bemühet seyn,
256
Dergleichen Himmels-Süßigkeiten,
257
Noch jetzt in dieser Sünden-Pein
258
Durch Gottes Lob uns zubereiten.
259
Kommt! laßt uns unsern Schöpfer loben,
260
So leben wir, als wie dort oben!

261
Die Tempel sind darzu erbaut,
262
Daß man dem Schöpfer aller Dinge,
263
Dem, der auf unsre Werke schaut,
264
Ein Opfer-Lied darinnen bringe.
265
Nun sind ja unsre Herzen auch
266
Zu Gottes Tempeln ausersehen,
267
Von diesem Altar muß ein Rauch,
268
Zu Gott durch Luft und Wolken gehen.
269
In diesen heilgen Gottes-Häusern,
270
Muß Gottes Lob sich stätig äusern,

271
Du kanst nie größre Lieblichkeit,
272
Nie größre Lust und Ruh ergründen,
273
Als die du wirst zu aller Zeit
274
In deines Vaters Lobe finden.
275
Und weil der Herr in jeder Stund
276
Dir viele Huld und Gaben schenket;
277
So ist es billig, daß dein Mund
278
Auch stündlich an sein Lob gedenket.
279
Drum lob' den Herren meine Seele,
280
Und seine Gütigkeit erzehle.

281
Doch aber soll ein Christen-Herz
282
Nicht nur in guten Tagen singen;
283
Es soll auch Gott in Noth und Schmerz
284
Ein süsses Ehr- und Dank-Lied bringen.
285
Denn wenn er uns ein Kreutze schickt,
286
So stärket er auch unsern Rücken,
287
Daß uns dasselbe nicht erdrückt;
288
Er will uns auch mit Trost erquicken.
289
So kanst du auch in bösen Tagen,
290
Von deines Gottes Liebe sagen.

291
Die Wege Gottes sind stets gut,
292
Wer wird sie jemahls tadeln können?
293
Die Ruthe die empfindlich thut,
294
Ist eine Balsam-Frucht zu nennen.
295
Sein Schlag macht unsre Herzen klein,
296
Und lehret uns aufs Wort zu merken.
297
So kan es ja nicht anders seyn,
298
Das Kreuz muß unsern Glauben stärken.
299
Hier muß man auf den Höchsten hören,
300
Und sich an die Vernunft nicht kehren.

301
Ist man im Creuz mit Gott vergnügt,
302
Und lobt man ihn in seinem Leiden;
303
So wird das Ungemach besiegt
304
Und Gott verwandelt es in Freuden.
305
Ein frölich Herz ist in der Noth
306
Der Vorschmack, daß uns Gott vom Bösen,
307
Das uns so hart zu schaden droht,
308
In einer Kürze werd erlösen.
309
Ein singend Herz in Unglücks-Fällen
310
Weis uns die Hülfe vorzustellen.

311
Zwar weis uns unser Fleisch und Blut
312
Zum Lobe Gottes nicht zu führen,
313
Sein Geist es nur alleine thut,
314
Der muß das Herz darzu regieren.
315
Derselbe treibt und zündt es an;
316
Nur dieser muß es feurig machen;
317
Der ist der Matten Helfers-Mann;
318
Der ist der Stärker derer Schwachen.
319
Drum gieb mir deinen Geist von oben,
320
So kan ich dich mit Andacht loben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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