Andächtige Betrachtung

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Sidonia Hedwig Zäunemann: Andächtige Betrachtung (1727)

1
Gott, den jede Creatur Schöpfer und Erhalter nennet,
2
Dessen Herz von Lieb und Huld gegen seine Kinder brennet,
3
Setzet unsern Lebens-Tagen, eh wir noch gebohren sind,
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Ihr gewisses Ziel und Mase: Und bevor wir noch ein Kind
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Auf dem Kreys der Erde sind, so bestimt er schon das Sterben,
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Und beschließet, auf was Art unsre Hütte soll verderben.
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Ja! der Mensch eilt alle Stunden nach der Erd, davon er kam.
8
Von dem Tage, da er Athem/ Luft und Leben zu sich nahm,
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Fängt er schon zu sterben an, dieses heist zum Grabe eilen;
10
Hier läßt Anfang und das End sich nicht voneinander theilen.
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Gott giebt Leben, Gnad und Seegen, Stärk und Kraft der Creatur,
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Aber Maaß und Ziel darneben: Drum ihr Menschen glaubet nur,
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Niemand kan das Ziel, das Gott uns gesetzet, überschreiten.
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Reich und Arme, Fromm und Böß müssen nach vollbrachten Zeiten
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Aus der Welt, wie sie gekommen. Und wer bey sich selber spricht:
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Ich bin jung, gesund und munter, darum sterb ich jetzt noch nicht,
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Den erschleicht der Tod noch ehr, als ers wohl gemeinet hätte,
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Er besteiget oft die Gruft vor sein Schlaf und Wochen-Bette.
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Dieses macht, gerechter Schöpfer! Adams schnöder Apfel-Biß,
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Und die angeerbte Sünde; denn die Strafe kömmt gewiß.
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Ach! das ungeheure Gift der vermaledeyten Sünde
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Wohnt und frißt in unserm Fleisch: darum müssen wir geschwinde!
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Und so plötzlich von der Erde. Gottes Diener ist der Tod,
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Der uns auf den Wink des Höchsten mit der düstern Bahre droht.
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Einer wie der andre muß nach vollbrachtem Lauf erblassen,
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Und den Reichthum, den er hat, einem andern überlassen.
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Denn das Leben ist mitnichten uns geschenket; nur geliehn,
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Und so bald der Höchste rufet, müssen wir von dannen ziehn.
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Niemand kan vor ganz gewiß, wenn ein Weib gebiehret, sagen.
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Dieses Kind wird in der Welt Purpur, Samt und Perlen tragen;
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Oder aber: es empfänget Weisheit, Kunst, Verstand und Witz;
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Oder: Hier in dieser Seele hat die Thorheit ihren Sitz.
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Dieses aber saget man ganz gewiß: Es wird das Leben
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Nach vollbrachtem kurzen Lauf wieder von sich müssen geben.
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Ferner, mercket und betrachtet den besondern Unterschied
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Derer, so die Hand des Würgers zur Verwesung nach sich zieht!
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Der Gerechte zittert nicht, wenn der Tod ihn heisset ziehen;
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Aber der Verruchte bebt und wünscht ihme zu entfliehen.
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Ja! der Fromme schließt und glaubet, daß er gleichsam durch den Tod
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Wieder neu gebohren werde. Denn gleich wie es keine Noth
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Mit dem Weitzen-Korne hat, das man in den Acker streuet!
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Weil es nicht die Krafft verliehret, sondern sich vielmehr verneuet:
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Daß es wieder von der Erde auferstehet, wächst und grünt,
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Und der Menschen-Zunft zur Speise und zur größten Labung dient.
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Also ist es mit dem Tod des Gerechten; sein Verwesen
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Gehet alsdenn allererst in das rechte wahre Wesen.
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Er verschläft nur seinen Jammer; sein Gebeine ruhet aus,
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Und an jenem grossen Tage komt er neu verklärt heraus.
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Aber ein verruchter Mensch fährt mit Ach und Weh von hinnen;
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Denn er weiß, daß seine That, seine Werke und Beginnen
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Den gerechten Lohn empfangen, dort, wo Jammer, Quaal und Pein
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Bey dem Fürst des finstern Reiches ewig, ewig um ihn seyn.
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Der Gerechte singt im Tod wie dort Simeon gesungen:
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Herr, dein Knecht hat sich in Fried zu dir in die Höh geschwungen,
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Meine beyde Augen haben dich im Glauben schon gesehn,
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Drum will ich mit tausend Freuden und getrost zum Grabe gehn
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Aber der Verdammte ruft: Möchten mich doch vor dem Schrecken,
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Vor der Furcht der Ewigkeit Klüfte, Berg und Hügel decken!
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Mit der Frommen Tod und Sterben höret ihr Betrübniß auf;
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Aber des Verruchten Plage kömmt alsdann mit vollem Lauf:
61
Dem Gerechten steht die Thür nach dem Tod zum Himmel offen;
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Doch der Böse hat sonst nichts, als der Höllen-Qual zu hoffen.
63
Ja der Fromme schläft nicht anders als ein Kind im Schoose ein,
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Und schmeckt, wie uns Christus saget, weder Tod noch Todes-Pein,
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Denn sein Tod ist gar kein Tod, sondern nur ein sanfter Schlummer,
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Und ein angenehmer Schlaf. Hier verschläft man allen Kummer,
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Wie auch unser Heyland lehret: Unser liebster Lazarus,
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Schläft und ruht. Was bringt das Sterben denen Frommen vor Genuß.
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Ist nicht dieser kurze Gang eine Reise nach den Himmel?
70
Kömmt man nicht in Fried und Ruh aus dem bösen Weltgetümmel?
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Dort sind der Gerechten Seelen in des Allerhöchsten Hand;
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Dort berühret sie kein Leiden, da ist keine Quaal bekant.
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Mancher Thor vermeinet zwar, daß der Tod nichts anders wäre,
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Als ein würklich herber Tod; doch ein Kluger faßt die Lehre,
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Daß der Tod das Leben heise; gleich so, wie er glaubt und denkt:
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Daß die Trübsal und das Leiden lauter Freud und Nutzen schenkt.
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Dieser Glaube dringt hindurch und verlacht des Todes Grauen,
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Denn der Herr, der ihn geliebt, mußte auch denselben schauen.
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Ja! der Tod ist ein Geschenke, welches nicht geringe heist:
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Denn, wenn unser Lebens-Faden nicht veraltet und zerreist,
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O! so müssen wir die Noth dieses Lebens ewig tragen,
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Und wir können nichts von Ruh und von jener Freude sagen,
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In der letzten Todes Stunde rufet das gerechte Blut,
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Sey zufrieden liebe Seele, weil der Herr dir gutes thut.
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Vater! heiset das nicht Huld, daß du uns die Zeit verkürzest,
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Und die Kost uns nicht zu lang, mit dem Salz der Thränen würzest?
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Doch die Zeit ist ohne dieses kurz genug, wie David spricht:
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Meine Tage sind vergangen wie ein Rauch und schwaches Licht.
89
Unser Leben gleicht dem Garn und dem leichten Weberfaden,
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Welcher, eh mans merckt, zerreist; Unser Leben gleicht dem Laden,
91
Den man Morgens früh eröfnet, aber Abends wieder schließt.
92
Wenig, böß, ist unsre Wahlfahrt, wie man dieß vom Jacob ließt.
93
Schauen wir das Gras nur an, o! so müssen wir gestehen,
94
Daß wir eben also schnell welken, sinken und vergehen.
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Hiob spricht: Ach! meine Tage heisen schneller denn ein Mann,
96
Den man mit Verstand der Warheit einen Läufer nennen kan.
97
Sie sind wie ein schnelles Schiff eiligst vor mir übergangen,
98
Und es scheint, als hätten sie Adlers-Flügel gar empfangen.
99
Da nun unsre Lebens-Tage also kurz und wenig sind,
100
Warum sind denn unsre Augen so verfinstert und so blind,
101
Daß wir diese kleine Zeit also schlecht verstreichen lassen,
102
Und so schnöd und liederlich unsre eigne Wohlfahrt hassen?
103
Sagt, wie wird die Zeit vollzogen? meistens ruhn und schaffen wir,
104
Wie viel andre lange Stunden wenden wir zur Ungebühr,
105
Und zum eitelen Geschwätz, Müßigang und schnöden Dingen,
106
Und zur Speiß und Trinken an. Solt es uns einmahl gelingen,
107
Unsre Zeit zu überrechnen, die wir ohne Sorg vollbracht,
108
Und in welcher wir vornehmlich nach der Seeligkeit getracht,
109
Da wir das, was recht und gut, und vernünftig, vorgenommen:
110
O! wie eine kurze Zeit würd aus dieser Rechnung kommen.
111
Alle Zeit die schnöd verstrichen, ist kein Leben; die allein,
112
Die wir unserm Gott geweyhet, kan darzu gerechnet seyn.
113
Siehest du mein lieber Christ einen Strom mit leichten Wellen
114
O! so dencke/ dieser Fluß scheint mein Leben vorzustellen,
115
Welches eben so verschwindet. Unser Leben ist ein Laub,
116
Grünt es heute, wird es morgen unverhoft des Windes Raub.
117
Es vergleicht sich einer Blum, welche schön und Herrlich blühet;
118
Morgen aber schon verwelkt; so, daß man sie nicht mehr siehet.
119
Ja! es ist als ein Geschwätze, und verschwindet wie ein Wort.
120
Heute sind wir frisch und munter; morgen an der Todes-Pfort.
121
Unsre Zeit ist nicht allein klein und kurz: auch Gott verkürzet
122
Denen Bösen ihre Zeit, die er früh in Abgrund stürzet.
123
Denn so oft sie eine Sünde gröblich und mit Fleiß begehn;
124
So ists um ein Theil der Tage ihres Lebens auch geschehn.
125
Nehmt ein Gleichniß von dem Baum, welcher ordentlicher Weise
126
Funfzig Jahre könte stehn: Aber wenn ein böß Geschmeise,
127
Und ein Wurm ihn stark vergiftet; so verdirbt er vor der Zeit.
128
Also, wenn der Wurm der Sünden in den Menschen sich so weit
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Und so tief ins Herze gräbt; so verkürzet er das Leben,
130
Und der Mensch muß solches noch vor der Zeit zurücke geben.
131
Ach! der Tod liegt in den Sünden wie ein Kern in einer Frucht.
132
Wer die heilge Schrift mit Ernste und bedenklich untersucht,
133
Kan an Davids Beyspiel sehn, daß dieß längstens eingetroffen:
134
David wolte vielen Ruhm von des Volkes Zehlung hoffen;
135
Aber diese Hochmuths-Sünde rief die Pestilenz herab,
136
Also gieng um Davids Fehler vor der Zeit viel Volk ins Grab.
137
Auch die Bösen kommen oft mitten in dem größten Lachen,
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Mitten in der Frölichkeit, wenn sie sich recht lustig machen,
139
Eh sie sichs vermuthen können, in den kalten Todes-Schweiß,
140
Weil der Tod von keinem Eyde und von keinem Bunde weiß.
141
Darum, wenn sie sicher sind, und in ihrer Frechheit wallen,
142
Sucht er sie als wie ein Dieb bald und schnell zu überfallen:
143
Wo sie gehen, wo sie stehen, kömmt der Tod auch neben ein,
144
Putzt euch, schmückt euch, wie ihr wollet, alles wird vergebens seyn:
145
Denn der Tod belauscht euch doch. Einer stirbt bey Spiel und Singen;
146
Einen andern will der Tod bey dem Wein zum Sterben zwingen.
147
Zwar die Frommen und Gerechten gehn auch auf des Höchsten Wort
148
Oefters in der schönsten Blüthe ihrer Lebens-Jahre fort.
149
Aber merkt den Unterschied! Gott zerschneidet ihren Faden
150
Aus besondrer Gütigkeit, aus Erbarmen, Lieb und Gnaden.
151
Mancherley kan sich ereignen, daß ein Frommer zeitlich stirbt,
152
Und das freudenreiche Leben statt der Eitelkeit erwirbt.
153
Denn sie lästert, schmäht und flucht immer auf die frommen Schafe,
154
Als die Seelen der Gerechten. Doch die Welt ist ihrer nicht
155
Werth und würdig, wie Sanct Paulus in der heilgen Bibel spricht.
156
Ach! wenn ein Gerechter stirbt, o! so fällt die größte Stütze,
157
Und die schönste Säule weg: o! wie manche Trübsals Hitze
158
Uberzieht alsdann die Länder. Gleich da Noa aus der Welt
159
In den grossen Kasten eilte, war ihr Untergang bestellt.
160
Sodom fiel, so bald sich Loth ihren Gränzen nur entrissen.
161
Und wer wird nicht von dem Heer des Egyptschen Königs wissen,
162
Das mit Pharao im Meere untergieng, als Israel
163
Aus dem Land hinweg gezogen? O bedenke liebste Seel!
164
Ward nicht selbst Jerusalem auch in Asch und Staub verkehret,
165
Als kein Jünger Jesu mehr in derselbigen gelehret?
166
Ach! der Frommen ihre Seufzer und die heise Andachts-Glut
167
Schafft, und würket, daß der Höchste einer Stadt viel Gutes thut.
168
Vor der Zeit sich in die Gruft und zu ihren Vätern legen,
169
Und vor ihre Missethaten hier noch büssen, daß sie dort
170
Nicht darum gestrafet werden. Moses, der des Herren Wort
171
Selbst aus seinem Munde nahm, und sein Knecht und Diener hiese,
172
Da er einen harten Fehl durch die Zweifelung bewiese,
173
Muste bald die Ruthe fühlen, denn die grosse Wunder-Hand
174
Ließ ihn sterben, und er kame nicht in das gelobte Land.
175
Auch Hiskias hätte dort seine Augen plötzlich schliessen,
176
Und den andern Menschen gleich wegen Hochmuth sterben müssen,
177
Wenn er nicht vorher ums Leben so geweinet und geklagt,
178
Das ihm Gott aus lauter Gnaden auch noch endlich zugesagt.
179
Und die Seele in Gefahr sündlicher Verführung setze.
180
Ist der Geist vollkommen worden, ist die Brust nur Gott geweyht,
181
O! so denkt die ewge Liebe: Treues Kind, die Eitelkeit
182
Soll dein Herz und deine Brust nicht berücken, deine Seele
183
Ist mir lieb, drum hohl ich sie aus der morschen Leibes-Höhle.
184
Daß die Seele bald im Himmel in der ewgen Freude sey.
185
Jesus das erwürgte Lamm will, es sollen auch die Seinen
186
In dem güldnen Paradieß, als in ihrem Haus erscheinen,
187
Und die Ehren-Krone tragen, die er ihnen da erwarb,
188
Als er an dem Kreuzes-Holze mit viel Schmerzen vor sie starb.
189
Endlich ist etwan von Noth und von harten Trübsals-Banden,
190
Welche Gott vorher bestimmt, die gesetzte Zeit vorhanden,
191
So nimmt sie der Herr von hinnen, daß sie nicht das Unglück sehn,
192
Das nun über Städt und Länder und die Völker soll ergehn.
193
Gleich wie nun ein früher Tod eine Gnade Gottes bleibet:
194
So ists gleichfals eine Huld, wenn sein heilger Finger schreibet:
195
Deine Jahre sollen wachsen, dieses geb und schenk ich dir.
196
David wünschte solche Gnade, darum bath er mit Begier:
197
Herr mein Gott! nimm mich nicht weg in der Helfte meiner Tage.
198
Manchem Lande bringt der Tod eines Frommen schwere Plage,
199
Denn sein Mund, sein Amt und Wandel, lehret, bauet, straft und schützt;
200
Beydes Policey und Kirche wird aufs beste unterstützt:
201
Darum läßt ihn Gott zum Trost eines Volkes lange leben.
202
Manchem Frommen hat der Herr ein besonders Pfund gegeben,
203
Und ihn, wenn zugleich was grosses auf der Erde soll geschehn,
204
Vor viel andern auserwehlet, und zum Werkzeug ausersehn.
205
Dieserwegen muß er spät und bey silberfarbnen Haaren
206
Als ein treuer Knecht des Herrn, sanft zu seinen Vätern fahren.
207
Joseph starb nicht in der Grube, auch nicht in Gefängniß Noth;
208
Nein, er ward ein Ländes-Vater, und gab in der Theurung Brod.
209
Moses, da er einen schlug, und aus Furcht von dannen gienge,
210
Blieb im Leben, denn der Herr ließ sehr grosse Wunder-Dinge
211
Durch desselben Arm geschehen. David starb nicht von der Hand
212
Des Verfolgers Sauls; er muste erstlich des gelobte Land
213
Als ein König, Fürst und Held klüglich, fromm und wohl regieren
214
Und des Höchsten Wunder-Hand und verborgne Weisheit spühren.
215
Auch Elias/ Gottes Diener, starb nicht vor der Jesabel;
216
Nein, es muste Gottes Lehre durch Eliam rein und hell
217
Nach der Wahrheit ausgesagt, und mit Macht verkündget werden,
218
Viel und grosse Wunderwerk musten erstlich auf der Erden,
219
Sich durch diesen Seher zeigen; und nach einer langen Zeit
220
Fuhr er auf dem Himmels-Waagen in das Schloß der Ewigkeit.
221
Gleichermasen durfte auch Jonas nicht im Walfisch sterben;
222
Denn er muste Ninive erst vom Unglück und Verderben
223
Durch des höchsten Wort erretten. Also sieht man offenbar,
224
Daß das Alter dieser Frommen eine Wohlthat Gottes war.
225
Gott, wie groß ist deine Gnad bey dem Sterbe-Bett der Frommen!
226
In der letzten Todes-Noth will dein Trost zu ihnen kommen.
227
Deine Thronen, deine Starken lagern sich um ihre Statt,
228
Daß der Höllen-Wolf an ihnen keinen weitern Antheil hat.
229
Will er gleich das Schulden-Buch mit dem Schuld-Register zeigen,
230
So tritt Christus neben sie, und spricht, Sattan, du solst schweigen.
231
Sey getrost, geliebte Seele! darum ließ ich meinen Thron,
232
Und erlitte auf der Erden Bande, Geisel, Schmach und Hohn,
233
Und bestieg den Kreuzes-Phal, ließ mir Hand und Fuß durchgraben,
234
Daß du möchtest Gnad und Huld wegen deiner Sünden haben.
235
Ja der heilge Geist ihr Tröster, spricht zugleich bey ihnen ein,
236
Und so kan das Herz voll Seufzer und voll Andachts-Flammen seyn.
237
Christus der getreue Hirt nimt die Schäflein an dem Ende
238
Und in ihrer Todes-Angst, gleich wie sonst, in seine Hände:
239
O er weis sie wohl zu schützen, daß der Höllen List und Macht
240
Sie mit nichten kan verletzen; ja er wird vielmehr verlacht.
241
Deine Hand, Herr Jesu Christ, kan die Macht der Höllen binden,
242
Also kan ein ruhig Herz auch noch sterbend überwinden.
243
Du giebst denen, die verscheiden, deines Geistes Kraft und Muth,
244
Und versüssest ihren Jammer, liebster Freund! mit deinem Blut.
245
Deine heisse Liebes-Glut zeigst du nicht allein der Seele;
246
Sondern auch zugleich dem Leib als derselben Sitz und Höhle:
247
Denn du wartest mit Verlangen, bis der Lebens-Faden reist,
248
Da man ihn zur Erde bringet, die das Haus der Ruhe heist.
249
O! was ist das nicht vor Huld, daß die Seele, wenn sie stirbet,
250
Ihre sichre Hoffnung weiß, die nicht mit der Welt verdirbet.
251
Der Verdammte schließt die Augen, und erzittert, weint und schreyt,
252
Und ruft brüllend: Ach! ihr Berge deckt mich vor der Ewigkeit!
253
Sey getrost, gepreßtes Herz! rufe mit erfreutem Munde:
254
Wie vergnügt, wie labet mich meine letzte Todes-Stunde!
255
Durch den Tod fall ich recht sanfte in die Arme Jesus Christ,
256
Der mich dort vor allen Engeln als sein Kind sehr liebreich küßt.
257
Von den Augen sucht der Tod alle Thränen abzuwischen,
258
Und mich mit der Freuden-Quell meines Jesus zu erfrischen.
259
O! was soll ich bey dem Sterben um den Leichnam traurig seyn?
260
Legt der Herr doch meine Glieder selber in die Gruft hinein,
261
Und bewahrt sie, daß davon keines nicht zerbrochen werde.
262
Wenn einst die Posaune schallt, wenn der Himmel und die Erde,
263
Wird zerfallen und vergehen, ruft er mich aus meinem Grab,
264
Und nimmt allen Staub und Moder, und die Fäulung gänzlich ab;
265
Er verkläret meinen Leib, die Gebeine kommen wieder,
266
Und mein Mund singt ewiglich tausend Lob- und Ehren-Lieder.
267
Drum, ihr Frommen und Gerechten, schätzt und haltet euren Tod,
268
Vor die Endschaft eurer Sünden, vor den Tilger eurer Noth.
269
Durch denselben gehet ihr aus der Unruh in den Frieden,
270
Ihr erlangt die süsse Ruh, nichts wird euren Leib ermüden.
271
Ihr bekommt die höchste Klarheit, und der Sonnen güldnen Glanz,
272
Euer Haupt schmückt statt der Dornen ein vollkommner Ehren-Kranz.
273
Aus der falschen Menschen-Zunft kommt ihr zu den Seraphinen,
274
Da wird euer wahres Glück ewig ohne Ende grünen.
275
Freut sich nicht ein müder Wandrer, wenn die Abend-Röthe prangt?
276
Weil er nun den Ort erreichet, den er Sehnsuchts-voll verlangt.
277
Darum jauchzet in dem Tod; darum lachet bey dem Scheiden;
278
Denn vor euren Sünden-Rock wird euch reine Seide kleiden.
279
Vor die morsche Leibes-Hütte kriegt ihr die Unsterblichkeit,
280
Vor die Sünde, vor das Leiden, ewge Wonne, Lust und Freud.
281
Darum sage frommer Christ, bey dem Ausgang aus dem Leben,
282
Vater, deine Lieb ist groß, du wilst mir was bessers geben!
283
Etwas ist noch zu bedenken. Sind wir gleich des Tods gewiß,
284
Bleibt uns doch die Zeit verborgen. Diese macht uns Kümmerniß.
285
Wer entdeckt uns, wenn der Tod, und sein Arm uns will berücken?
286
Ja wer sagt uns, durch was Art er uns wird zur Grube schicken?
287
Drum laßt uns darauf gedenken, daß wir allzeit wachend seyn,
288
Denn so gehn wir wohl bereitet aus der Welt zum Himmel ein.
289
Wachet, bethet, kämpft mit Fleiß und bewahret euren Glauben,
290
So kan euch der Sattan nicht eure Himmels-Krone rauben.
291
Füllet mit den klugen Jungfern eure Lampen stetig an,
292
Daß, wenn euch der Bräutgam rufet, jede mit ihm gehen kan.
293
Wilst du nun zu deinem Tod, liebste Seele! dich bereiten,
294
O! so setz sein Angedenk und Betrachtung nicht beyseiten;
295
Denke täglich an das Sterben, denke stündlich an den Tag,
296
Der dich vor des Herrn Gerichte und zur Rechnung fordern mag.
297
Such, der Welt und ihrer Lust zeitlich gute Nacht zu geben,
298
Lerne stets der Heiligung und dem Heyland nachzuleben;
299
Glaube nicht viel Mitteldinge; Habe deine Lust am Herrn,
300
Denn wer ihn von Herzen liebet, dem ist seine Huld nicht fern.
301
Such wie David deine Seel immer in der Hand zu tragen,
302
Und von Herzen stets das Wort jenes Zöllners nachzusagen.
303
Hast du täglich dieß im Sinne; so vergehet dir die Lust
304
Nach dem Lauf der Welt zu wandeln, und in deiner Seel und Brust
305
Wird die Liebe Jesu seyn: Du wirst ohne alles Grauen,
306
Deine letzte Lebens-Zeit, und die Hand des Todes schauen.
307
Nun wohlan, ihr frommen Herzen! glaubet sicher, euer Tod,
308
Wird nach eures Jesus Winke; nach dem Willen und Gebot
309
Eures Gottes schon geschehn. Seine Huld hat ihm befohlen,
310
Euch als seine liebste Braut zu der Hochzeit abzuhohlen.
311
Nun mein Heyland! bleibt nicht lange! laß mich deine Liebe sehn!
312
Laß mich bald ins Reich der Freuden aus dem Jammerthale gehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Sidonia Hedwig Zäunemann
(17111740)

* 15.01.1711 in Erfurt, † 11.12.1740 in Plaue

weiblich

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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