Romanze vom Elfenbrunnen

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Emanuel Geibel: Romanze vom Elfenbrunnen (1833)

1
»wiss' es, Blanka, meine Tochter,
2
Weil du sünd'ger Liebe Sproß,
3
Hab' ich früh schon in der Wiege
4
Dich dem Heiland anverlobt.
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Morgen reiten wir selbander
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Nach Sankt Annas Klosterhof,
7
Daß du dort ein Nönnlein werdest,
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Dir zum Heil und mir zum Trost.« –

9
»mag kein Nönnlein werden, Vater,
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Denn mein Herz ist jung und froh;
11
Tanz und Jagd gefällt mir besser,
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Als zu singen auf dem Chor;
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Schad' auch wär's um meine Locken,
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Sie zu kürzen schonungslos,
15
Schad' um meine weißen Füße,
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Die nur seidne Schuh gewohnt.« –

17
»mach dich fertig, meine Tochter,
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Besser weiß ich, was dir frommt.
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Morgen ziehn wir früh vor Tage
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Nach Sankt Annas Klosterhof.« –
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Als die Jungfrau das vernommen,
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Zäumte sie ihr milchweiß Roß,
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Zäumt' es unter bittern Tränen,
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Ritt hinab zum wilden Forst.
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Ganz in ihren Gram versunken
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Sah sie nicht, wohin sie zog,
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Kam zur tiefsten Waldestiefe,
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Als das Spätrot schon verglomm,
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Kam zuletzt zur alten Linde,
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Wo der Elfenbrunnen quoll.
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Aufgeweckt vom Wasserrauschen
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Ihren Blick erhub sie dort,
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Sieh, da ritt ein schöner Knabe
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Neben ihr auf schwarzem Roß,
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Trug im Haare Lindenblüte,
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Trug am Gurt ein silbern Horn
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Und begann so süß zu blasen,
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Daß ihr Gram davor zerschmolz
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Und ihr Herz von heißer Sehnsucht
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Nach dem schönen Fremdling schwoll.
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Als sie endlich ganz bezaubert
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Sich zu ihm hinüberbog,
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Hielt mit Blasen ein der Knabe,
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Hub im Sattel sich empor
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Und umfing sie, wie sie ritten,
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Mit den Armen liebevoll.
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Langsam, in den Blumen weidend,
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Schritten ihre Zelter fort,
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Schritten sacht hinein ins Dunkel,
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Wo sich jeder Pfad verlor.
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In den Lüften ging ein Singen,
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Durch die Wipfel schien der Mond.

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Andern Morgens leer am Schloßtor
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Stand der Jungfrau milchweiß Roß,
55
Doch sie selber blieb verschollen
56
Für und für im wilden Forst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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