Die Goldgräber

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Emanuel Geibel: Die Goldgräber (1833)

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Sie waren gezogen über das Meer,
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Nach Glück und Gold stand ihr Begehr,
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Drei wilde Gesellen, vom Wetter gebräunt,
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Und kannten sich wohl und waren sich freund.

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Sie hatten gegraben Tag und Nacht,
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Am Flusse die Grube, im Berge den Schacht,
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In Sonnengluten und Regengebraus
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Bei Durst und Hunger hielten sie aus.

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Und endlich, endlich, nach Monden voll Schweiß,
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Da sahn aus der Tiefe sie winken den Preis,
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Da glüht es sie an durch das Dunkel so hold,
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Mit Blicken der Schlange, das feurige Gold.

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Sie brachen es los aus dem finsteren Raum,
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Und als sie's faßten, sie hoben es kaum,
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Und als sie's wogen, sie jauchzten zugleich:
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»nun sind wir geborgen, nun sind wir reich!«

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Sie lachten und kreischten mit jubelndem Schall,
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Sie tanzten im Kreis um das blanke Metall,
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Und hätte der Stolz nicht bezähmt ihr Gelüst,
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Sie hätten's mit brünstiger Lippe geküßt.

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Sprach Tom, der Jäger: »Nun laßt uns ruhn!
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Zeit ist's, auf das Mühsal uns gütlich zu tun.
23
Geh, Sam, und hol' uns Speisen und Wein,
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Ein lustiges Fest muß gefeiert sein.«

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Wie trunken schlenderte Sam dahin
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Zum Flecken hinab mit verzaubertem Sinn;
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Sein Haupt umnebelnd beschlichen ihn sacht
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Gedanken, wie er sie nimmer gedacht.

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Die andern saßen am Bergeshang,
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Sie prüften das Erz, und es blitzt' und es klang.
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Sprach Will, der Rote: »Das Gold ist fein;
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Nur schade, daß wir es teilen zu drein!«

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»du meinst?« – »Je nun, ich meine nur so.
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Zwei würden des Schatzes besser froh« –
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»doch wenn –« – »Wenn was?« – »Nun, nehmen wir an,
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Sam wäre nicht da« – »Ja, freilich, dann – –«

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Sie schwiegen lang; die Sonne glomm
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Und gleißt' um das Gold; da murmelte Tom:
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»siehst du die Schlucht dort unten?« – »Warum?« –
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»ihr Schatten ist tief, und die Felsen sind stumm.« –

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»versteh' ich dich recht?« – »Was fragst du noch viel!
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Wir dachten es beide und führen's ans Ziel.
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Ein tüchtiger Stoß und ein Grab im Gestein,
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So ist es getan, und wir teilen allein.«

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Sie schwiegen aufs neu'. Es verglühte der Tag,
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Wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag;
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Da kam er zurück, ihr junger Genoß,
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Von bleicher Stirne der Schweiß ihm floß.

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»nun her mit dem Korb und dem bauchigen Krug!«
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Und sie aßen und tranken mit tiefem Zug.
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»hei lustig, Bruder! Dein Wein ist stark;
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Er rollt wie Feuer durch Bein und Mark.

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Komm, tu uns Bescheid!« – »Ich trank schon vorher;
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Nun sind vom Schlafe die Augen mir schwer.
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Ich streck' ins Geklüft mich.« – »Nun, gute Ruh'!
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Und nimm den Stoß und den dazu!«

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Sie trafen ihn mit den Messern gut;
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Er schwankt' und glitt im rauchenden Blut.
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Noch einmal hub er sein blaß Gesicht:
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»herr Gott im Himmel, du hältst Gericht!

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Wohl um das Gold erschluget ihr mich;
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Weh euch! Ihr seid verloren wie ich.
63
Auch ich, ich wollte den Schatz allein
64
Und mischt' euch tödliches Gift an den Wein.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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