Am Hünengrabe

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Emanuel Geibel: Am Hünengrabe (1833)

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So wölbst du wieder über mir
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Dein Schattenzelt von Ast zu Ast?
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Willkommen, trautes Waldrevier,
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Du Stätte meiner Jugendrast!
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Dahingerauscht sind zwanzig Jahr',
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Seit ich bei dir zu Gaste war.

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Die Sonne scheint herab auf euch,
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Ihr Buchen, wie sie weiland schien,
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Es singt im blühnden Dorngesträuch
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Der Fink die alten Melodien;
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Das Bächlein rauscht am alten Ort,
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Und wie im Traume wandl' ich fort.

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Doch plötzlich hier zum Meer hinab
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Vertauscht erscheint mir rings die Welt;
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Im Walde lag das Hünengrab,
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Nun liegt es auf dem freien Feld,
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Und wo der Jüngling einst dem Horn
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Des Jägers lauschte, wogt das Korn.

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Gesegnet sei dem Bauersmann
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Des treu bestellten Ackers Frucht!
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Doch tiefe Wehmut fällt mich an,
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Gedenk' ich an der Dinge Flucht.
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Ach, wie das Grün des Waldes schwand
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Die Blüte, drin mein Leben stand.

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Wo sind die Tage klar und reich,
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Da ich im laub'gen Junimond
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Der sommerfrohen Schwalbe gleich
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Im alten Forsthaus dort gewohnt,
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Da jedes Frührot, jede Nacht
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Beglückend mir ein Lied gebracht?

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Wo sind die Freunde, die mir dort
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Den Becher gastlich eingeschenkt,
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Der starke Bruder, dessen Wort
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Begeisternd uns wie Wein getränkt?
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Ach, hingesunken, Haupt an Haupt,
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Den Wipfeln gleich, die hier gelaubt.

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Genug des Harms! Empor, mein Herz,
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Und halt im Wechsel mutig Stand!
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Zu tragen lerne großen Schmerz,
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Wer große Freuden einst gekannt,
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Und wer im Eignen Schiffbruch litt,
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Der leb' im Ganzen doppelt mit.

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Der Rasen deckt mein bestes Glück,
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Und schleichend Siechtum blies mich an;
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Doch preis' ich dankbar mein Geschick,
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Das mir bis heut den Faden spann:
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Ich sah's noch, wie mein Vaterland
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Zu jungen Ehren auferstand.

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Und ob der Rost der Jahre mir
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Gemach den Ton der Harfe dämpft,
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Noch flattert meines Lieds Panier,
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Wo man für Reich und Kaiser kämpft,
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Und mahnt, wo zwischen Gau und Gau
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Der Main sich wälzt, zum Brückenbau.

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Getrost denn, einsam Herz! Es zieht
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Hell vor dir her wie Frührotschein;
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Du darfst vielleicht dein letztes Lied
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Dem Tag noch aller Deutschen weihn,
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Dem Tag des Heils, von dem du kühn
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Hier einst geträumt im Waldesgrün.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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