Der Nil

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Emanuel Geibel: Der Nil (1833)

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Aus dem Verborgenen quillt das Heilige. Keiner ist jemals
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Seinem Brunnen genaht, noch kennt er die Rätsel des Ursprungs,
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Welchen die Sage verhüllt in goldene Wundergewölke;
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Aber es strömt Jahrtausende durch und erquickt die Geschlechter.
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Also, mächtiger Nil, umwallt vom Dufte der Fabel,
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Steigst auch du zu den Völkern herab und bewahrst das Geheimnis
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Deiner Geburt in verschlossener Brust. Wir fragen vergebens,
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Ob du gigantischen Seen dicht unter der Sonne des Gleichers
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Selbst ein Gigant entstiegst, ob tausend hüpfende Quellen
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Dir, von Güssen geschwellt, vielarmig die Wiege bereitet.
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Schweigsam wandelst du her durch Urwaldnacht, in das Brausen
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Riesiger Wipfel vertieft und das Lied weissagender Vögel,
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Mit breitblättriger Blumen Geflecht schwermütig dich kränzend.
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Aber es wirft sich dir jetzt vom Aufgang kommend der wilde
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Zwillingsbruder ans Herz, und froh der Vereinigung flügelst
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Du den gemessenen Schritt und bezwingst nicht länger die Sehnsucht,
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Die allmächtig den Jüngling ergreift, in die Ferne zu schweifen.
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Ob ins untere Tal des Gebirgs Felsriegel die Pforte
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Dir zu sperren versucht, du zersprengst ihn jauchzend und ruhst nicht,
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Bis du den Arm um Meroë schlingst, wie ein fürstlicher Sieger
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Um die gewonnene Braut, die hold ihm lächelt, zu weilen.
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Doch sie lächelt umsonst; du entreißest dich ihr, und beharrlich
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Über der Klippen Gestuf durch unendlicher Strudel und Fälle
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Mühsal schreitest du fort, der erhabneren Pflichten gedenkend.
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Denn schon wartet das Tiefland dein, und verschwenderisch sollst du
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Über das weite Gebiet bis hinunter ans Meer, wie ein König,
27
Deine Gaben verstreun und das Horn ausschütten des Segens. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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