Deprekation

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Emanuel Geibel: Deprekation (1833)

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Stets von allem Geschäft in der Welt das verhaßteste war mir,
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Briefe zu schreiben. So leicht mir das Wort in lebendiger Rede
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Fließt, wenn die Sache mich reizt, so schwer entströmt es der Feder,
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Langsam, brüchig und kalt, als ob auf dem längeren Umweg
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Aus dem Herzen aufs Blatt mir Gefühl und Gedanke gefrören.
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Kaum, daß ich munter begann, gleich blickt die verwünschte Kritik mir
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Über die Schulter herein, und den Ausdruck allzu bedenklich
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Wägend verpfusch' ich ihn leicht zu farblos steifer Korrektheit,
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Statt im behaglichen Fluß frischweg von der Leber zu plaudern
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Ganz, wie der Schnabel mir wuchs. Zum Teil wohl hab' ich's vom Vater,
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Der, ob Meister des Worts, sich besann, zwei Zeilen der Post nur
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Anzuvertraun, und, an Freundschaft reich, nie Briefe gewechselt.
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Drum dafern ihr im Ernst, wie ihr sagt, mir freundlich gesinnt seid,
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Drängt unnötig mich nicht zum Schreiben und fordert insonders
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Antwort nicht auf jedes Gefühl. Gern send' ich euch Auskunft,
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Bündige, gilt's ein Geschäft, doch zu brieflicher Herzensergießung
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Fehlt mir fürwahr das Geschick und fehlt vor allem die Neigung.

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– »Aber es glückte dir doch manch Lied; wie darfst du behaupten,
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Daß dir die kleinere Mühe zu viel?« – Nun, jeglicher hat ja
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Seine Begabung für sich, und der schnell hinschießende Habicht
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Ist schwerfällig zu Fuß. Niemals auch hab' ich am Schreibtisch
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Mühsam, was ich gesungen, erdacht. Stets kam es von selbst mir,
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Draußen im Freien, auf schweifendem Gang, wenn der Odem des Frühlings
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Leis hinzog durch den Wald, mich bezaubernd, oder zur Herbstzeit,
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Wenn von den Wipfeln das Laub sacht rieselte, goldenen Tränen
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Ähnlich, und tief im Gemüt die entschlummerte Schwermut weckte.
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Oder im Bette, des Nachts, aufdämmert' es mir, und am Morgen
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War es zu Rhythmen erblüht, und fertig schrieb ich es nieder.
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Freilich ändert' ich wohl mit Bedacht, und die Feile des Künstlers
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Braucht' ich mit Fleiß, doch zuvor in geheimnisvoller Empfängnis
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Ward mir immer das Beste zuteil als himmlische Gabe.

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Nie willkürlich darum, wenn die innere Nötigung ausblieb,
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Hab' ich zu dichten gewußt, auf Begehr, wie der Meister des Handwerks
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Rasch das Verlangte beschafft, zu Geburtstagsfeier und Hochzeit
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Oder zum Neujahrsgruß. Und versucht' ich es dennoch, der Bitte
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Weichend, so ward es darnach: ein zusammengestoppeltes Machwerk
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Statt des lebendigen Lieds. Nur wenn in beglückender Stunde,
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Wie sie dem Alternden, ach, nur noch selten erscheint und im Fluge,
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Mir freiwillig die Muse genaht, da vermocht' ich zu schaffen,
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Was mich selber erfreut' und vielleicht auch anderen echt schien.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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