Aus Travemünde

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Emanuel Geibel: Aus Travemünde (1833)

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Liebster, du sendest mir freundlichen Gruß und fragst mich mit Anteil,
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Wie mir die Stille behagt, seitdem am Ufer der Ostsee
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Auszuruhen der Arzt mir gebot, und was ich beginne?
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Wenig genug in der Tat, doch das Wenige gänzlich nach eignem
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Wohlgefallen einmal und befreit von mancherlei Plage,
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Die mich zu Hause verfolgt. Hier drängt kein fader Besucher,
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Um von Literatur, Jesuiten und Aktienschwindel
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Gleich Geistloses zu schwatzen, sich auf, kein klimpernder Nachbar
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Scheucht mir die Muse hinweg mit nie abreißendem Walzer,
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Kein langweilig Geschäft, das anspruchsvoll an die Tür pocht,
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Hält mich plötzlich zurück, wenn die sonnige Frische des Morgens
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Dringend ins Freie mich lockt. Und köstliche Juniustage,
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Golden und blau, stets wieder erfrischt in leichten Gewittern,
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Gönnt uns der Himmel bis heut. Auch fand ich ein wohnlich Quartier aus,
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Wie's dem Poeten gefällt, nicht schmuckvoll, aber behaglich,
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Ostwärts schauend, mit breitem Altan, an der Mündung des Hafens,
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Nahe den Gärten des Bads und dem schlank aufsteigenden Leuchtturm.

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Süß ist's, müßig zu gehn nach dem Drang anstrengender Wochen.
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Morgens ein Buch des Homer, aus Shakespeare abends ein Aufzug
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Weiht und beschließt mir würdig den Tag. Im übrigen halt' ich,
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Nur mit Wetter und Wind, mit Sonn' und Wasser verkehrend,
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Alles Gedruckte mir fern; kaum daß nach Tisch ich die Zeitung
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Rasch durchfliege, zu sehn, ob Bismarck etwa, des Reichstags
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Donnerer, wieder einmal die olympischen Locken geschüttelt
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(zwar drei Haare nur sind's, wie es heißt, doch sie wirken das Gleiche),
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Was in Paris durch die Gassen man schreit, was heimlich in Rom spinnt,
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Oder – es bleibt ja zuletzt sich selbst doch jeder der Nächste –
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Ob im Theater ein Stück mir durchfiel oder beklatscht ward.
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Aber der Seewind weht und verweht Politik und Kritik mir.
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Prächtig entfaltet das Meer im Juwelengeschmeide des Mittags
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Ringsher seinen unsterblichen Reiz, und willig gefesselt
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Leb' ich in süßem Vergessen dahin und genieße der Stunde.

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Bald in den sonnigen Tang am flacheren Strande gebettet
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Saug' ich den Atem der Flut und vertiefe mich still in den Zauber
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Ihres Farbengewogs, wie sie leis aufrauschend heranschwillt,
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Vorn wie Opal, malachitgleich dann, dann tiefer smaragdgrün,
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Bis sie zuletzt unermeßlich sich dehnt in dunkelnder Ferne
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Blau wie gediegener Stahl. Bald wandr' ich am Fuße des schroffern,
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Felsgleich starrenden Ufers entlang, im schlüpfrigen Meersand
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Zwischen Quallen und Kies nach Bernstein suchend und Muscheln
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Sammelnd, wie ich als Knabe getan (es ergötzt mich noch heute),
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Oder vom weitvorspringenden Damm, wo stärker die Woge
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Am Gequader sich bricht, und über der rollenden Brandung
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Weißaufspritzendem Gischt mit Gekreisch hinflattert die Möwe,
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Blick' ich hinaus in die offene Bucht und sehe die Schiffe
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Wechselnd kommen und gehn, schwangleich mit schimmernden Segeln
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Diese, die andern mit Rädergebraus und keuchendem Schlote,
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Draus das Gekräusel des Rauchs aufstrebt wie ein schwankender Helmbusch.
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Majestätisch ziehn sie dahin, mit der wimpelnden Flagge
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Prunkend, wie sie der Stolz seemächtiger Völker und jetzt auch
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Wieder des unsrigen ist, die gehügelte Flut aufpflügend,
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Daß sie in Furchen von Schaum breit nachwallt. Aber dazwischen
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Tanzt manch ruderndes Boot, und die hurtigen Barken der Fischer,
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Braunbeschwingt wie die Schwalben der See, schrägstehenden Mastes,
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Schießen vorüber im Flug. Doch wenn dann frischer am Abend
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Aus Nordosten der Wind herbläst, und die Stimme der Brandung
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Dumpfer ertönt, da besteig' ich zur Fahrt wohl selbst mit dem alten
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Norwegsteurer den Kahn, und im Spätrot, über der Tiefe
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Kreuzend, wiegen wir uns, von der schluchzenden Welle geschaukelt,
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Bis im Duft uns die Küste verschwimmt und in purpurner Dämmrung.
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Rings dann Himmel und Flut und feierlich Brausen, da schwillt mir
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Weit vom mächtigen Hauche die Brust, das Unendliche schauert
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Dunkel empfunden mich an und erquickt aufatmet die Seele.
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Dann aus Nebeln des Meers auftauchend grüßt mich die Muse
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Wohl mit verheißendem Blick, und wie ferne Musik auf der Nachtluft
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Fittichen schwebt, undeutlichen Klangs, so regt sich die Ahnung
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Künftiger Lieder in mir, noch wortlos. Aber indessen
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Hat mein Lotse das Segel gewandt, aus Lämmergewölken
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Steigt ins Blaue der Mond, und das glühende Auge des Leuchtturms
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Streift mit zitterndem Glanz das Gewog' und leitet uns heimwärts.

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Sieh, so rollen die Stunden dahin in steter Verwandlung,
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Aber sich gleich an Reiz, und rasch vollendet der Tag sich;
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Einsam zwar, doch bescheid' ich mich gern. In gesammelter Stille
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Fühlt' ich mich glücklicher stets als im summenden Schwarm der Gesellschaft,
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Der zum Ernste zu träg und zu steif für den Scherz; es genügt mir,
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Wenn mich bisweilen ein Freund heimsucht, beim Becher zu plaudern.
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Laß mich denn immer der stärkenden Rast fortschweigend genießen,
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Löst sich der Druck doch schon der erschütterten Nerven, und freier
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Täglich erheb' ich das Haupt; vielleicht auch glückt mir im Schweifen
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Zwischen Wellen und Wind ein Gesang noch, der dich erfreun mag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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