Aus meines Krankenzimmers Haft, wo böse Sicht

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Emanuel Geibel: Aus meines Krankenzimmers Haft, wo böse Sicht Titel entspricht 1. Vers(1833)

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Aus meines Krankenzimmers Haft, wo böse Sicht
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Den einst so rüst'gen luftgewohnten Wandersmann
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Aufs Lager hinwarf, send' ich meinen Gruß dir heut,
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Zwar kein Tyrtäus, wenn ich gleich zur Dänenfahrt
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Beharrlich aufrief, aber ganz so lahm, wie er.
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Und während draußen über Strom und Hügel nun
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Und durch den herbstlich bunten Wald im Sonnenduft
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Die Tage wandeln, deren frischer Hauch mir sonst
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So manches Lied im Busen weckte, schmacht' ich hier
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In dumpfen Wänden zu verstummter Rast verdammt,
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Dem flügelwunden Kranich ähnlich, der mit Harm
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Den hellen Ruf des Bruderschwarms von fern vernimmt.

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Im weitern freilich, wenn nicht eben allzu arg
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Das Übel wütet, oder das erhitzte Blut
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Bei Nacht den Schlummerlosen ängstet, fühl' ich mich
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So elend nicht, dem liebevoll manch treu Gemüt
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Die trübe Zeit teilnehmend zu erheitern strebt.
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Bald kommt ein Freund und sagt mir, was die Welt bewegt,
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Und breitet willig vor dem vielfach Fragenden
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Die Schätze neuen Wissens aus, bald füllt ein Strauß
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Von späten Rosen, den der Wirtin Güte band,
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Den Raum mit Wohlgerüchen, bald, nach Schwalbenart
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Mein Bett umflatternd, schwebt mein blühend Töchterchen
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Leichtfüßig, jedes Winks gewärtig, aus und ein
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Und scheucht mit heitrem Plaudern mir die Grillen fort.
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Dazwischen greif' ich, weil ein ernster Tagewerk
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Der Arzt verbot, nach alten Büchern, wie sie just
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Zur Hand mir liegen. Tiecks zerlesnen Phantasus
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Durchblättr' ich wieder, kühl umweht vom Dämmerlicht
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Des Märchenwaldes, oder Fouqués Zauberring,
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Der einst des Knaben fabelhaft Entzücken war,
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Als zwischen hohen Dächern kauernd, heimlich er,
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An Stirn und Wangen glühend, Blatt um Blatt verschlang,
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Und der noch heute durch des Planes kühnen Wurf
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Und bunte Fülle mein erinnernd Herz ergötzt.

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Auch läßt der Herbst, als wollt' er seinem Freunde nicht
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Ganz treulos werden, dann und wann ein Lächeln mir
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Aufs Lager fallen. Von der Erde seh' ich zwar
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Nichts, als den Wipfel eines großen Apfelbaums
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Und durchs Gezweig mit seiner Türme Zwillingsbau
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Den alten Dom, der mir am Sonntag Orgelton
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Herübersendet und gedämpften Chorgesang;
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Doch drüber weithin breitet sich der Himmel aus
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Und zeigt bei Tag auf leuchtend blauem Grunde mir
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Den Zug der Wolken; aber, wenn der Abend sinkt,
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Zum Feuermeere wird er, drin phantastische
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Gebirge schwimmen, Gärten, die von Purpur blühn,
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Und goldne Schlösser, bis das prächt'ge Farbenspiel,
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Nachdem es aller Edelsteine Glut durchlief
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Vom Licht des Saphirs zum geschmolznen Blutrubin,
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Gemach erlischt, und silbern, einer Fackel gleich,
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Der Abendstern aus dämmergrünen Lüften taucht.

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Das ist die Stunde, da im Buch vergangner Zeit
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Erinnrung bildert. Weithinaus, wohin die Fahrt
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Des Lebens einst den nimmermüden Pilger trug,
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Schweift, wachen Traums, in fessellosem Flug der Sinn
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Und sucht die Stätten seiner alten Freuden auf.
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Aus Sonnennebeln hell mit ihren Tempeln steigt
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Die Burg Athens; das alte Schloß im Habichtswald,
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Das forstumrauschte, wo der Dichter still gereift,
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Taucht grüßend auf, am Lurleifelsen braust der Rhein,
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Ein Echo weckend ungestümer Jugendlust,
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Und fern, vom weißen Säntisgipfel überragt,
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Azurnen Schimmers, wie ein Stück vom Himmel, blaut
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Der See von Lindau, dessen üppig Rebgestad'
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Den schönsten meiner Herbste sah. – Wo sind sie hin,
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Die goldnen Tage? Wo die Treuen, die mit mir
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Den Segen ihres Strahls geteilt? Ach, fröstelnd rinnt
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Durch meine Brust der Schauer der Vergänglichkeit,
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Und tiefe Wehmut fällt mich an –

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Doch plötzlich rauscht
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Der Pforte Vorhang; leise mit der Kerze tritt
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Mein Kind herein, ein lieblich Bild der Gegenwart,
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Und wie es sorgsam mit beschwingter Hand mir nun
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Die Kissen ordnet und sich zärtlich an mich schmiegt:
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Da weicht der Schatten, der mein bangend Herz beschlich,
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Und dankbar fühl' ich, ausgesöhnt mit meinem Los,
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Wie reich ich noch gesegnet bin, und lebe gern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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