König Abels Ende

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Emanuel Geibel: König Abels Ende (1833)

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König Abel hatt' einen schweren Traum,
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Nicht länger läßt's ihn schlafen,
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Er springt vom Bett und tritt hinaus
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Zum Söller überm Hafen.

5
Es scheint der Mond, es rauscht die Schlei
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Mit dumpfem Wellenschlage;
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Der König starrt hinab, er denkt
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Der Schuld vergangner Tage.

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Und wie es Eins vom Dome schlägt,
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Kommt unten auf den Wogen
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Gespenstisch aus dem Nebelduft
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Ein stummer Kahn gezogen.

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Er schwebt heran im weißen Licht,
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Unhörbar geht das Ruder –
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»hilf Gott! Der dort am Steuer sitzt,
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Das ist mein toter Bruder!

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Langsam an seinem Halse quillt
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Das Blut aus breiter Wunde,
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In seinem Haar noch klebt das Schilf,
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Der Schlamm vom Stromesgrunde.

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Er stiert mich an mit glas'gem Blick,
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Mein Blut gerinnt vor Grauen;
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Er hebt den Arm und winkt und winkt –
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Weh mir, ich kann's nicht schauen!«

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Herr Abel stürzt zurück ins Schloß:
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»laßt mir den Bischof wecken!«
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Er keucht's und birgt sein fiebernd Haupt
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In seines Lagers Decken.

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»fluch dir, Fluch dir, unselig Gold,
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Du Königskron' im Norden!
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Wohl heiß ich Abel, doch um dich
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Zum Kain bin ich worden.

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Fluch, Purpur, dir! Du gleißtest mir
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So zaubrisch vor den Sinnen;
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Nun sengst du mich wie Feuersglut,
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In Qual muß ich von hinnen.«

37
Was pocht und hämmert in der Wand?
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Das kommt vom Totenwurme.
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Was klirrt und klingt? Das Fenster springt
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Weitklaffend auf im Sturme.

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Und sieh, zwei schwarze Raben ziehn
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Herein mit heiserem Schreien,
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Sie flattern kreischend um das Bett
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Und fliegen hinaus zu dreien.

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Der Bischof kommt, er schlägt ein Kreuz,
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Die Raben sieht er fliegen,
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Er sieht den König starr und tot
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Auf seinem Purpur liegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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