Wittenborg

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Emanuel Geibel: Wittenborg (1833)

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Das war Johannes Wittenborg,
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Der Admiral vom Bunde,
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Er nahm Bornholm, das feste Schloß,
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Und fuhr hinab zum Sunde.

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Und wo er traf ein Dänenschiff,
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Das stolz die Segel blähte,
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Verbrannt' er's oder führt' es mit
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Als Beute für die Städte.

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Und als er kam vor Helsingör,
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Das Volk ergriff ein Zagen,
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Dem König deuchte plötzlich schwül
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Die Luft zu Kopenhagen.

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Er sandte Brief und Boten aus,
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Den Admiral zu grüßen:
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»laß ab vom Kampf und komm ans Land,
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Wir wollen Frieden schließen.

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Und bis vollführt das Sühnungswerk
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Dem Bund und uns zum Frommen,
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Im alten Schloß von Helsingör
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Sei mir als Gast willkommen!« –

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Im alten Schloß zu Helsingör,
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Da schallen Pauken und Zinken,
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Die Diener rennen aus und ein,
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Die güldnen Becher blinken.

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Bei Tafel sitzt Hans Wittenborg
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Gewappnet wie zum Streite,
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Die Königstochter aus Dänemark,
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Die sitzt an seiner Seite.

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Die Königstochter aus Dänemark,
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Die weiß so süß zu blicken,
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Ein Goldnetz ist ihr wellig Haar,
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Um Herzen zu bestricken.

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Sie lacht und schwatzt und läßt sich hold
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Sein zaudernd Wort gefallen,
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Sie schenkt ihm ein und trinkt ihm zu,
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Sein Blut beginnt zu wallen.

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Schön Sigbrit hebt die Tafel auf,
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Da rufen lauter die Geigen. –
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»legt ab den Panzer, Admiral,
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Nun geht's zum Fackelreigen.«

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Und als er tanzt mit ihr im Saal,
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Da schwindeln ihm die Sinne,
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Ihm ist's, als ob aus ihrer Hand
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Ein Strom von Flammen rinne.

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Sie merkt es wohl und schaut ihn an
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Und flötet leis im Tanze:
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»gib uns Bornholm, und dir gehört
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Die Ros' aus meinem Kranze.«

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»die Ros' aus Eurem Kranz ist schön,
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Rubin erbleicht daneben;
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Mit Freuden gäb' ich drum mein Blut,
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Bornholm kann ich nicht geben.«

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»gib uns Bornholm, das feste Schloß,
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Und nimm dafür zur Stunde,
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Nimm hin dafür, du stolzer Mann,
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Den Kuß von meinem Munde.« –

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Sie flüstert's leis, ihr Aug' ist heiß,
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So wonnereich ihr Flehen,
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Sie zieht ihn sacht zum Schloßaltan,
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Da ist's um ihn geschehen.

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Er hat verraten Schloß Bornholm,
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Um seine Lust zu büßen –
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Vom Himmel schoß ein Stern herab
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Ins Meer zu seinen Füßen.

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Weh dir, Johannes Wittenborg!
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Weh dir um diese Stunde!
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Du hast geminnt des Dänen Kind,
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Was bleibst du nicht am Sunde?

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Was segelst du zur Heimat keck,
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Der du die Treu' gebrochen?
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Zu Lübeck in der alten Stadt
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Wird scharfes Recht gesprochen.

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Zu Lübeck in der alten Stadt
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Am Mittwoch nach dem Fasten,
75
Da schallt vom Turme dumpf Geläut,
76
Da flaggen schwarz die Masten.

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Zum Markte wallt ein Trauerzug
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Aus Sankt Mariens Türen,
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Das ist Johannes Wittenborg,
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Den sie zum Tode führen.

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Bekümmert steht das Volk umher,
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Es weinen laut die Frauen;
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Dem jungen Admiral nur spielt
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Ein Lächeln um die Brauen.

85
Er schreitet hohen Haupts zum Block,
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Als ging's zum Fackelreigen:
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»und muß ich sterben um Bornholm,
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So warst du doch mein eigen!«

89
Ein Röslein nimmt er aus der Brust,
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Das wuchs an Seelands Strande,
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Er drückt's noch einmal an den Mund,
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Dann kniet er hin im Sande.

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Die Glocke dröhnt, das Richtbeil fällt,
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Sein Haupt rollt hin am Grunde;
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Er hat bezahlt mit seinem Blut
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Den Kuß von Sigbrits Munde.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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