Der Tod des Perikles

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Emanuel Geibel: Der Tod des Perikles (1833)

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Führt mich hinaus! Versinkend blickt der Tag
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Aus goldnen Wimpern über Salamis,
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Und kühler vom Piräus weht's herauf.
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Mein Auge will noch einmal, eh' es sich
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Auf immer zuschließt, ruhn auf dieser Stadt;
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Denn über alles hab' ich sie geliebt
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Und liebe sie noch heut in ihrer Not,
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Wiewohl sie mein vergaß.

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O mein Athen,
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Juwel von Hellas, stolze Herrscherin
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Des Meers und aller Götter Liebling einst,
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Könnt' ich dich, Kodrus gleich, durch meinen Tod
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Vom Fluch erretten, der im fahlen Qualm
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Dumpfbrütend über deinen Zinnen hängt,
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Wie freudig stürb' ich! Doch es ward mir nicht
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So schön vergönnt; die bleiche Stirne soll
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Kein Kranz mir schmücken. Lautlos hingerafft,
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Wie eine dunkle Well' im dunkeln Strom,
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Versink' ich mit im allgemeinen Leid.

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Weint nicht, ihr Treuen! Immer war's mein Stolz,
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Daß keines Bürgers Träne jemals floß
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Um meinetwillen; laßt mich diesen Ruhm
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Bewahren bis ans Ende! Klagt auch nicht,
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Daß dies gestählte Herz, bevor es brach,
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Noch so viel Leid erfuhr. Es trifft der Gott
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Mit schärfstem Pfeile, wen er einst erhöht.
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Und wenn mein Phidias im Kerker starb,
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Wenn, der mit Milch der Weisheit mich genährt,
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Geächtet floh, wenn kleiner Haß sich frech
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An sie gewagt, die meine Muse war,
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So wißt: ich nehm' es hin als meines Glücks
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Ausgleichung, und dafern ich allzu kühn,
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Verführt vom Reize des Gelingens, je
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Mich überhob, als Buße meiner Schuld.

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Durch meine Seele dunkel mahnend tönt
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Das Lied der Eumeniden, das ich nie
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Vergessen konnte. Zürnend sang es mir,
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Zum Wanderstab schon greifend, Äschylus,
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Als ich die Pfleger fromm erstarrten Brauchs,
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Die Alten, von den Richterstühlen warf.
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Vielleicht, wenn damals ich mein Herz bezähmt,
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Hinausgeschoben hätt' ich diesen Tag
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Und seine Not, vielleicht – vielleicht auch nicht!
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Denn viel ist Schicksal, was als Tat erscheint,
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Und wie der Apfel, wenn kein Wind vom Ast
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Ihn schüttelt oder keine Hand ihn pflückt,
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Unwiderruflich grünt und reift und – fault,
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So grünt und reift und fault die Kraft des Volks,
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Im Anfang herbe, dann vom milden Saft
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Der Freiheit schwellend, der sie Tag für Tag
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In reichrer Füll' und Zierde prangen macht,
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Bis endlich dieser Saft, wenn er das Werk
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Der Zeitigung vollbracht, zum Gärungsstoff
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Ausartend, langsam alles Feste löst.
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Wir aber sind zumal in dies Gesetz
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Mit eingeschlossen, eine stille Macht
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Trägt wie ein Strom uns; alles können wir,
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Mit ihr verbündet, ihr zuwider nichts.
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Wer sie begreift, ist weise, wer sie nutzt,
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Ist stark, und wer mit reinem Herzen ihr
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Zu dienen weiß, ist glücklich. War ich's doch,
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Und alles fiel mir zu, was herrlich heißt,
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So lang ich steuern durfte mit der Flut!
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Doch als ich wider ihren Schwall den Kiel
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Gerichtet, ward ich machtlos fortgespült.
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Denn wer bezwingt das Unabwendliche!
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Der Tag der Überreife kam, es fällt
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Die Pest die Geister wie die Leiber an;
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Wir sind am Faulen, und das Glück ist hin.

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Doch ziemt mir's nicht zu klagen. Eine Welt
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Von Schönheit, aufgeblüht in Stein und Erz
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Und goldner Rede, bleibt als Zeugin stehn,
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Was diese Stadt vermocht, und wer ich war.
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Denn hätt' ich nicht die flücht'ge Stunde kühn
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Am Haar ergriffen, nicht das Farbenspiel
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Der jungen Lebenssonne Strahl um Strahl
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Versammelt wie in eines Spiegels Rund
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Und jeder Kraft ihr höchstes Ziel enthüllt,
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Wer weiß, sie hätt' in reichem Stückwerk sich
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Umsonst zersplittert, und um einen Kranz
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Wär' Hellas ärmer, wie zum zweitenmal
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Kein Gott ihn beut. Ich hab', als ich ihn wand,
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Im Augenblick Unsterblichkeit gelebt,
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Und willig steig' ich drum hinab. Lebt wohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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