Als Odysseus fortgezogen

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Emanuel Geibel: Als Odysseus fortgezogen Titel entspricht 1. Vers(1833)

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Als Odysseus fortgezogen
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Heimwärts vom Phäakenstrand,
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Und sein Schiff am Saum der Wogen
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Fern im Abendrot verschwand,
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Zu des heil'gen Felsens Zinne
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Schritt empor Nausikaa,
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Die mit kummerschwerem Sinne
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Ihren Gastfreund scheiden sah.

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Und wo schwarz die Fichten standen
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Um Poseidons Säulenhaus,
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In des Meeres dumpfes Branden
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Lauschte bangend sie hinaus;
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In geballten Wolken schwebend
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Dräut' ein Wetter dort heran,
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Und, die Arme fromm erhebend,
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Hub sie so zu flehen an:

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»der du auf kristallnen Stufen
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Thronst in heil'ger Finsternis,
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Gott des Meers, vernimm mein Rufen
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Und des alten Grolls vergiß!
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Laß den Helden Rast gewinnen,
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Der so glorreich kämpft' und litt!
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Ach, mein Denken und mein Sinnen,
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Meine Seele nimmt er mit.

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Nie vergess' ich jener Stunde,
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Da der sturmverschlagne Mann
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Dort am Strand im Pappelgrunde
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Gleich mein ganzes Herz gewann,
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Da ich zu des Vaters Schwelle
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Froh den hohen Gast geführt,
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Ahnungslos, daß mich der schnelle
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Pfeil des Gottes schon berührt.

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Ach, und als zu Nacht am Feuer
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Seiner Rede Wohllaut floß,
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Märchenhafter Abenteuer
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Fremde Welt vor uns erschloß,
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Wie berauscht an seinen Lippen
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Hing mein Ohr, und froh und bang
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Folgt' ich ihm durch Schlacht und Klippen,
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Sturmgeheul und Nixensang.

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Tage dann in sel'gem Schweigen
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Lebt' ich, wie die Blume lebt,
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Die dem Helios zu eigen
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Nur zu ihm den Blick erhebt.
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Wenn sein Lächeln mich getroffen,
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Blühte stillbeglückt mein Sinn,
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Und in heimlich süßem Hoffen
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Schritt ich wie auf Wolken hin.

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Schöner Traum, der leichtgewoben
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Mich umspielt wie Frühlingswehn,
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Nur zu spät, als du zerstoben,
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Sollt' ich deinen Ernst verstehn!
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Ach, schon unauslöschlich brannte
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Mir das Herz in süßer Qual,
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Als er sich Odysseus nannte
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Und Penelopes Gemahl.

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Wohl der Sehnsucht irres Feuer
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Barg ich da in tiefster Brust,
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Doch er ward mir doppelt teuer,
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Seit mir sein Geschick bewußt.
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Selbst des Götterzornes Lohen,
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Wie sie zückten um sein Haupt,
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Zeigten mir die Stirn des Hohen
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Reicher nur vom Kranz umlaubt.

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Einsam, wenn die Sterne schienen,
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Rang ich oft mit meinem Schmerz,
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Doch die Kraft, dem Freund zu dienen,
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Strömte Balsam in mein Herz.
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Ihm die Heimkehr zu erringen
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Zu des teuren Eilands Bucht,
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Wob ich, ach, des Segels Schwingen
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Für des eignen Glückes Flucht.

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Aber nun er fortgezogen,
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Schreckt mich, was ich selbst getan;
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Wieder seh' ich auf den Wogen,
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Strenger Gott, dich furchtbar nahn.
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O halt ein, halt ein, Vertilger!
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Zügle dieses Sturmes Wehn!
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Laß den schwergeprüften Pilger
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Nicht am Ziel noch untergehn!

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Blind nach seines Feindes Leben
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Zückt der Mensch das Racheschwert;
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Göttervorrecht ist: Vergeben!
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Üb' es heut, er ist es wert!
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Oder wenn dich, Erdumfasser,
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Nur ein Opfer sühnen kann,
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Nimm dies Haupt, o Fürst der Wasser,
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Für das seine nimm es an!«

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Horch, da braust es durch die Lüfte,
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Horch, da saust's im Fichtenhain,
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Um des Ufers Felsgeklüfte
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Strömt wie Blut des Abends Schein.
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Riesenhoch mit Schaumgetriefe
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Schwillt der Woge Kamm empor,
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Und ein Donner aus der Tiefe
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Ruft Gewährung an ihr Ohr.

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Und sie nimmt vom Haupt den Schleier,
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Und sie löst ihr wallend Haar
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Und bekränzt's in stiller Feier
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Mit den Lilien vom Altar.
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Einen Gruß, indem sie schreitet,
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Winkt sie noch ins Abendrot,
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Und, die Arme weit gebreitet,
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Lächelnd springt sie in den Tod.

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Sieh, und wie die Flut mit Kochen
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Über ihr zusammenschwillt,
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Ist der alte Fluch gebrochen,
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Ist des Gottes Zorn gestillt.
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Bei des Mondesaufgangs Helle
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Schimmernd liegt die Tiefe da,
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Und den Dulder trägt die Welle
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Sanft im Schlaf nach Ithaka.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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