An Deutschland

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Emanuel Geibel: An Deutschland (1833)

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Nun wirf hinweg den Witwenschleier,
2
Nun gürte dich zur Hochzeitsfeier,
3
O Deutschland, hohe Siegerin!
4
Die du mit Klagen und Entsagen
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Durch vierundsechzig Jahr' getragen,
6
Die Zeit der Trauer ist dahin;

7
Die Zeit der Zwietracht und Beschwerde,
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Da du am durchgeborstnen Herde
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Im Staube saßest tiefgebückt,
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Und kaum dein Lied mit leisem Weinen
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Mehr fragte nach den Edelsteinen,
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Die einst dein Diadem geschmückt.

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Wohl glaubten sie dein Schwert zerbrochen,
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Wohl zuckten sie, wenn du gesprochen,
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Die Achsel kühl im Völkerrat,
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Doch unter Tränen wuchs im stillen
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Die Sehnsucht dir zum heil'gen Willen,
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Der Wille dir zur Kraft der Tat.

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Und endlich satt, die Schmach zu tragen,
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Zerrissest du in sieben Tagen
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Das Netz, das tödlich dich umschnürt,
22
Und heischtest, mit beerztem Schritte
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Hintretend in Europas Mitte,
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Den Platz zurück, der dir gebührt.

25
Und als der Erbfeind dann, der Franze,
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Nach deiner Ehren jungem Kranze
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Die Hand erhub von Neid verzehrt,
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Zur Riesin plötzlich umgeschaffen
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Wie stürmtest du ins Feld der Waffen,
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Behelmte, mit dem Flammenschwert!

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O große, gottgesandte Stunde,
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Da deines Haders alte Wunde
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Die heil'ge Not auf ewig schloß,
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Und wunderkräftig dir im Innern
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Aus alter Zeit ein stolz Erinnern,
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Ein Bild zukünft'ger Größe sproß!

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Wie Erz durchströmte deine Glieder
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Das Mark der Nibelungen wieder,
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Der Geist des Herrn war über dir,
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Und unterm Schall der Kriegsposaunen
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Aufpflanztest du, der Welt zum Staunen,
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In Frankreichs Herz dein Siegspanier.

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Da war dir bald, mit Blut beronnen,
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Des Rheins Juwel zurückgewonnen,
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Dein Kleinod einst an Kunst und Pracht,
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Und dessen leuchtend Grün so helle
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In Silber faßt die Moselwelle,
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Der lotharingische Smaragd.

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O laß sie nicht verglühn im Dunkeln!
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Verjüngten Glanzes laß sie funkeln
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Ins Frührot deiner Osterzeit!
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Denn horch, schon brausen Jubellieder,
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Und über deinem Haupte wieder
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Geht auf des Reiches Herrlichkeit.

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Durch Orgelton und Schall der Glocken
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Vernimmst du deines Volks Frohlocken?
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Den Heilruf deiner Fürstenschar?
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Sie bringen dir der Eintracht Zeichen,
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Die heil'ge Krone sondergleichen,
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Der Herrschaft güldnen Apfel dar.

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Auf Recht und Freiheit, Kraft und Treue
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Erhöhn sie dir den Stuhl aufs neue,
63
Drum Barbarossas Adler kreist,
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Daß du, vom Fels zum Meere waltend,
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Des Geistes Banner hoch entfaltend,
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Die Hüterin des Friedens seist.

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Drum wirf hinweg den Witwenschleier!
68
Drum schmücke dich zur Hochzeitsfeier,
69
O Deutschland, mit dem grünsten Kranz!
70
Flicht Myrten in die Lorbeerreiser!
71
Dein Bräut'gam naht, dein Held und Kaiser
72
Und führt dich heim im Siegesglanz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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