Deutsches Leben

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Emanuel Geibel: Deutsches Leben (1833)

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Was steht ihr düster und betroffen,
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Die ihr ein deutsch Panier doch tragt,
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Nun endlich, endlich unsrem Hoffen
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Ein Morgen der Erfüllung tagt?
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O bannt von eurer Stirn die Wolke!
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Verscheucht den wüsten Traum der Nacht,
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Als wär' es aus mit unsrem Volke,
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Weil's anders kam, als ihr gedacht.

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Denn als der Sturm der sieben Wochen
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Die Welt erschüttert nah und fern,
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Wohl hat er morsche Zier gebrochen,
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Doch nimmer unsres Wesens Kern.
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Aus tausend Quellen um die Wette
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Braust unversiegt von Ort zu Ort,
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Braust stolzer nur im neuen Bette
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Der Strom des deutschen Lebens fort.

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Noch wettert durch der Schlacht Gedröhne
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Das Schwert, ein Blitz in deutscher Hand,
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Noch wissen lächelnd unsre Söhne
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Zu sterben für das Vaterland.
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Und die in schwindelnden Gedanken
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Die Herrn der Welt sich schon geglaubt,
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Mit bangem Neide sehn die Franken
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Den Kranz des Siegs auf

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Noch waltet am ererbten Herde
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Der deutsche Bauer schlicht und stark,
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Beharrlich, wie die Kraft der Erde,
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Die treu ihn nährt mit ihrem Mark.
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Noch wächst auf hohem Schloß, dem Ruhme
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Nacheifernd, den der Ahn gewann,
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Manch kühner Sproß zum Rittertume
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Des Geistes und des Schwerts heran.

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Noch blüht gesegnet in der Runde
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Der Städte Wandel, Kunst und Fleiß;
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Noch wurzelt dort im festen Grunde
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Des Bürgersinns der Freiheit Reis.
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Im Wettkampf jeder Kraft erschaffen,
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Gedeiht das Neue Tag für Tag,
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Doch bürgt die ernste Pflicht der Waffen,
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Daß alte Zucht nicht rosten mag.

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Noch läßt zu nimmermüdem Streben
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Die Forschung ihre Fackel wehn,
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Der Vorzeit reichen Schatz zu heben,
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Der Schöpfung Rätsel zu verstehn;
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Und wenn bekränzt und vielbewundert
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Die goldne Zeit der Dichtung schied,
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Noch rauscht dem eisernen Jahrhundert
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Begeistrung manch geflügelt Lied.

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Noch steht in unsres Lebens Mitte
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Wie eine feste Burg das
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Und strömt den Segen edler Sitte
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Vom Herd auf die Geschlechter aus;
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Noch birgt sich in der Jungfrau Sinne
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Der Unschuld und der Ehren Hort,
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Noch scheucht der Cherub reiner Minne
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Vom Jüngling den Versucher fort.

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Noch wacht mit brünstigen Gebeten
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Die Mutter über ihrem Kind,
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Noch treibt's den Mann, vor Gott zu treten,
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Wenn er ein ernstes Werk beginnt;
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Und bricht durch starrer Satzung Schranke
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Der ungedämpfte Geist sich Bahn,
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Nur treuer wipfelt sein Gedanke
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In freier Andacht himmelan.

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Drum laßt vom Zagen, laßt vom Grollen!
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Im Sturme wuchs uns nur die Kraft,
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Und mächtig in Gezweig und Schollen
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Den Lenz verkündend treibt der Saft.
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Erstorbnem weint ihr nach vergebens,
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So kommt und tut den Brüdern gleich,
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Und auf dem Grund des alten Lebens
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Helft uns erbaun das neue Reich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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