Durch die klare Luft im Winde

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Emanuel Geibel: Durch die klare Luft im Winde Titel entspricht 1. Vers(1833)

1
Durch die klare Luft im Winde
2
Segeln heut mir die Gedanken,
3
Dich, mein hoher Freund, zu grüßen
4
Ziehn sie nach dem Strand der Oder.

5
Nicht im engen Krankenzimmer,
6
Wo ich, ach, dich ließ beim Scheiden,
7
Im bereiften Winterfroste
8
Suchen sie den rüst'gen Weidmann.

9
Frischen Muts und hellen Auges
10
Hoffen sie dich dort zu finden,
11
Heiter, wie in jenen Tagen,
12
Da du zu Gastein dich sonntest.

13
Schönes Wildbad! Oft noch steigst du
14
Vor mir auf; in meine Träume
15
Weht es kühl dann wie Gebirgsluft,
16
Klingt es wie des Älplers Zither.

17
Wieder dann die schwarzen Tannen
18
Seh' ich nicken überm Abgrund,
19
Und den Sturzbach durchs Geklüft
20
Hör' ich leidenschaftlich brausen.

21
Und die himmelhohen Wände
22
Gipfeln sich vor mir wie Zinnen
23
Einer Geisterburg; du trafst
24
Dort mit sichrem Blei die Gemse.

25
Dann gedenk' ich auch des Tages,
26
Da durch Alpenrosenfelder,
27
Durch Geröll und Schnee wir klommen
28
Nach des Gamskarkogels Spitze.

29
Mühsam war der Pfad; die Pferde
30
Stutzten oft am jähen Abhang,
31
Aber droben im kristallnen
32
Mittagsglanze welch ein Ausblick!

33
Um uns her unendlich lag es
34
Wie ein Meer von Riesenwogen,
35
Jede Wog' ein Bergesgipfel,
36
Jeder Woge Schaum Lawinen.

37
Und du nanntest mir die Höhen:
38
Watzmann, Herzog Ernst, Großglockner –
39
Doch den höchsten Berg in Östreich
40
Hab' ich damals nicht gesehen.

41
Schwarzenberg ist der geheißen
42
Und zur Zeit so hoch geworden,
43
Daß er seinen kalten Schatten
44
Wirft von Wien bis in die Ostsee.

45
In dem Schatten dieses Berges
46
Wachsen auch die Zauberstäbe,
47
Welche jetzt die Welt regieren
48
Und das deutsche Reich insonders.

49
Haselstöcke nennt das Volk sie;
50
Ach, von weißen Hexenmeistern
51
Nach dem Takt geschwenkt, du glaubst nicht,
52
Welche Wunder sie verrichten.

53
Blutrot wandeln sie in Schwarzgelb,
54
Adler in geduld'ge Spatzen,
55
Ja, man lernt sogar Geschichte
56
Und Geographie von ihnen,

57
Lernt, daß Slawen stets und Deutsche
58
Sind ein Brudervolk gewesen,
59
Daß ein Dänenfluß die Eider,
60
Und daß Preußen liegt – im Monde.

61
In der freien Reichsstadt Lübeck
62
Hör' ich täglich jetzt ihr Sausen;
63
Die Musik spielt auf dazu:
64
»gott erhalte Franz den Kaiser!«

65
's ist ein schönes Lied, ich lerne
66
Schon die Weise; binnen kurzem
67
Wird man von Triest bis Rendsburg
68
Doch nichts andres singen dürfen.

69
Ja, wer weiß, wenn ich zum Herbste
70
An der Oder heim dich suche,
71
Ob's im Wald von Heinrichslust
72
Nicht bereits die Vögel pfeifen.

73
Doch genug! Leb' wohl, mein Fürst,
74
Und verzeih mein formlos Scherzen;
75
Seit die Welt so ungereimt ward,
76
Schreib' ich ungereimte Verse.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.