Ein Gedenkblatt

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Emanuel Geibel: Ein Gedenkblatt (1833)

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Am Samstagmorgen vor Palmarum war's
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Im Jahre, da man Neunundvierzig schrieb,
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Daß mich die goldne Sonne des Aprils
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Aus meinem alten Nest am Hafendamm
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Hinab ins Freie lockte. Draußen zog
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Der Fluß, von mächt'gen Segeln schon belebt,
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Blauglänzend hin, und in den Lüften schwamm
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Des Frühlings ahnungsvolles Hoffnungslied.
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Mir aber wuchs das Herz bei diesem Ton,
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Als müßt' er Glück verkünden. Ruhiger
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Gedacht' ich an der Zeit verworrnen Kampf
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Und an die Zukunft, deren Los vielleicht
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In diesem Augenblick geworfen ward.
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Da, wie ich so am Damm des Ufers noch
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Vertieft hinabschritt, kam mein Jugendfreund,
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Der blonde Maler, hastig und erregt,
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Daß Bart und Haar ihm flog, des Wegs daher,
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Und sein des Lächelns ungewohnt Gesicht
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Erglänzte wie vom Frührot übersonnt.
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So rief er mir entgegen: »Weißt du's schon?«
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Und da mein Blick ihn fragte, quollen ihm
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Aus tiefster Brust die Worte: »Freue dich!
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(und seine Stimme zittert', als er sprach)
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Ein Deutscher Kaiser ist gewählt am Main,
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Und seine Boten sendet ihm das Reich.«

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Und während er von allem, wie's geschah,
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Mir nun Bericht gab, sieh, da schmückten sich
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Die alten Zackengiebel längs dem Fluß
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Mit frohen Fahnen schon, und grüßend flog
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An manchem Schiff ein deutscher Wimpel auf
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Und wallte breitentrollt im Morgenwind.
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Und jetzt, von Turm zu Turm einfallend, scholl
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Der Glocken Chorgesang und kündigte
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Das Fest der Palmen an. Mir aber war's,
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Als läutete man ein das Deutsche Reich,
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Und das Hosanna, das in meiner Brust
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Andächtig widerklang, zwei Königen,
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Die ihren Einzug hielten, galt's zumal,
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Dem himmlischen und dem von dieser Welt.

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Auf Windesschwingen flog von Haus zu Haus
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Die Kunde weiter, da begann im Glanz
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Der Frühlingssonne durch die Gassen hin
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Ein festlich Wogen. Freunde tauschten rings
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Bewegten Handschlag, Feinde grüßten sich,
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Als wäre plötzlich aller Zwist gesühnt,
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Und manches Auge, das ich längst im Staub
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Der Akten oder überm Rechnungsbuch
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Verhärtet glaubte, sah ich freudenfeucht.
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Denn was wir alle, sei's mit klarem Geist,
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Sei's dunkel nur im angebornen Trieb
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Gewünscht, gehofft, ersehnt, nun schien's erfüllt.

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Ich aber stieg zu Pferd und ritt hinaus,
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Die Stille suchend. O wie deuchten mir
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Voll Melodie die Lüfte, die im Flug
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Das Haar mir streiften, wie so schön der Wald,
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Der, kaum von grünem Schimmer überhaucht,
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Jungfräulich schauert' in des Werdens Lust!
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Die Quellen brausten, aus den Wipfeln scholl
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Der Ruf der Vögel, und seitab vom Pfad
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Wob um die Stämme zitternd Dämmerlicht.
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In solcher Waldnacht saß wohl Heinrich einst,
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Der blonde Sachsenheld, den Finkenschlag
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Belauschend, als ihm Herzog Eberhard
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Den Purpur und die heil'ge Lanze bot.
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Ich sah ihn vor mir fest und wetterbraun
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Im schlichten Jagdwams und im Kreis umher
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Der großen Botschaft Werder allzumal.
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Er aber sprang empor vom Vogelherd,
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Dem Adler gleich, der seinen Flug beginnt,
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Und nahm das Pfand des Reichs und tat den Schwur,
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Dem deutschen Volk ein Vaterland zu baun,
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Und klar im ruh'gen Feuer seines Blicks,
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In seines Worts einfacher Hoheit lag
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Die Bürgschaft des, was er verhieß. Da bog
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Das Knie vor ihm die stolze Frankenschar
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Und huldigt' ihm mit Jauchzen, und mein Herz,
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Im Sonnenaufgang frühster Ruhmeszeit
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Das Bild des heut'gen schauend, jauchzte mit,
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Und Tränen weint' ich, Tränen, wie ein Mann
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Sie weinen darf, wenn überwältigend
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An seine Brust ein großes Schicksal pocht.
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Es war ein froher Tag –
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Was später kam,
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Ihr wißt es alle. Keinen Hüter fand
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Das uralt heil'ge Kleinod unsres Volks.
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Die Hand, schon zum Ergreifen ausgestreckt,
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Verschloß sich plötzlich, und zu Boden fiel
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Des Reiches Apfel. Waisen blieben wir,
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Wie wir's gewesen dreiundvierzig Jahr',
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Und an den Weiden hängten wir aufs neu'
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Die Harfen auf, und durch die Saiten ging
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Des Windes Seufzen. O, wann bringt ein Tag
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Dem Vaterlande die Gestirnung wieder!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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