Geschichte und Gegenwart

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Emanuel Geibel: Geschichte und Gegenwart (1833)

1
Du, die im Wirrsal dieser Tage
2
Sich zur Prophetin Gott ersah,
3
Wie hoch und ernst mit deiner Wage,
4
Geschichte, stehst du vor mir da!
5
Sibylle, der vom keuschen Munde
6
Das Zeugenwort der Dinge tönt,
7
Die mit jahrtausendalter Kunde
8
Des jüngsten Morgens Leid versöhnt.

9
Wohl hast du ewig unbestochen,
10
Von Zorn und Liebe nie entflammt,
11
Den Sterblichen ihr Recht gesprochen,
12
Doch schmückt dich heut ein höher Amt.
13
Mit kühner Hand im Zeitenbuche
14
Aufblätternd, was von Anfang war,
15
Machst du mit priesterlichem Spruche
16
Das Weltgeheimnis offenbar.

17
Denn tief im Schutt bis an die Brüste,
18
Das Haupt von Flugsand überschneit,
19
Lag schweigend, wie die Sphinx der Wüste,
20
Dein Rätselbild, Vergangenheit.
21
Das Auge, das an Stirn und Falten
22
Nur hier und dort ein Zeichen las,
23
Verlor, vom Nächsten festgehalten,
24
Des Ganzen ungeheures Maß.

25
Doch nun allmählich aus den Tiefen,
26
Die nimmermüder Fleiß durchgräbt,
27
Sich überdeckt mit Hieroglyphen
28
Des Riesenleibes Umriß hebt;
29
Nun in untrüglicher Gestaltung
30
Der Sprache Fußspur vielverzweigt
31
Uns der Geschlechter frühe Spaltung
32
Und ihren frühsten Bund uns zeigt:

33
Nun rollt vor dem betroffnen Blicke
34
In festgegliedertem Verlauf
35
Die Kette sich der Weltgeschicke
36
Wie ein vollendet Kunstwerk auf;
37
Nun sehn wir reifend durch die Zeiten,
38
Das Antlitz wandelnd Zug um Zug,
39
Des Gottes Offenbarung schreiten,
40
Die jeder gab, was sie ertrug.

41
Wohl lastet über weiten Räumen
42
Unsichrer Dämmrung trüber Flor,
43
Doch wächst in Bildern dort und Träumen
44
Die Sehnsucht nach dem Licht empor;
45
Wohl stürzt, was Macht und Kunst erschufen,
46
Wie für die Ewigkeit bestimmt;
47
Doch alle Trümmer werden Stufen,
48
Darauf die Menschheit weiter klimmt.

49
Und wie wir so aus Nacht zum Glanze
50
Den Wandel der Geschlechter sehn,
51
Erkennen wir – den Blick aufs Ganze –
52
Die Stätte da wir selber stehn;
53
Wir spüren, froh des hohen Waltens,
54
Das
55
Den heil'gen Fortgang des Entfaltens
56
Im Tag auch, der uns

57
Und ob sich rings Gewitter türmen
58
In West und Ost um unsern Pfad,
59
Uns schwant, daß auch in diesen Stürmen
60
Ein gottgesandter Frühling naht;
61
Und aus der Kräfte dunklem Gären
62
Umwittert uns geheimnisvoll
63
Der Hauch, der, was erstarb, verzehren,
64
Und, was da lebt, verjüngen soll.

65
Da schwillt, was immer uns betroffen,
66
Das Herz von mut'ger Werdelust,
67
Da füllt ein unvergänglich Hoffen
68
Zukünft'gen Heiles uns die Brust.
69
Zum Kern des Lebens wird der Glaube,
70
Von dem das Kleid der Formel fällt,
71
Und wir verehren tief im Staube
72
Den Gott im Tempelbau der Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.