Die Stätten meiner Jugend sah ich wieder

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Emanuel Geibel: Die Stätten meiner Jugend sah ich wieder Titel entspricht 1. Vers(1833)

1
Die Stätten meiner Jugend sah ich wieder,
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Doch zeigen sie mir fast ein fremd Gesicht;
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Rings wuchsen Giebel, sanken Wipfel nieder,
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Und selbst das Flußbett ist das alte nicht;
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Ja, Freund, den Hauch, der unterm Schlag der Glocken
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Die Welt durchschauert, spür' ich doppelt hier;
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Er blies nicht bloß das Braun aus unsern Locken,
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Verwandelt ward die Zeit, und wir mit ihr.

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Wie lag im goldnen Märchenduft die Ferne,
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Da uns noch eng der Heimat Bann umgab!
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Vom ersten Berg schon sahn wir andre Sterne,
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Und Zaubergerte schien der Wanderstab.
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Sehnsüchtig wuchs das Herz, wenn seine Weisen
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Das Posthorn sang im nächt'gen Waldrevier –
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Jetzt pfeift der Dampf und läßt im Sturm uns reisen;
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Verwandelt ward die Zeit, und wir mit ihr.

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Von Ort zu Ort die traute Liebeskunde,
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Die Grüße, die der Freund dem Freunde rief,
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Wie bang erharrten wir sie Stund' um Stunde,
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Und zum Ereignis ward der späte Brief.
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Verhallend selbst, als Echo nur, empfingen
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Der Weltgeschichte Donnerbotschaft wir –
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Jetzt trägt der Blitz das Wort auf Feuerschwingen,
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Verwandelt ward die Zeit, und wir mit ihr.

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Vom Zauberduft der blauen Blume trunken,
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Des Herzens Rätseln sann der Dichter nach;
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Er klagt' um Sonnen, die hinabgesunken,
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Und rief der Vorwelt mächt'ge Schatten wach.
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Der Freiheit Muse schlich nur auf den Zehen
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Bei Nacht zu ihm, als wär's Verbrechen schier –
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Heut läßt sie auf dem Markt ihr Banner wehen,
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Verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

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Gruß euch, ihr Münster mit den hohen Schiffen,
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Gebraus der Orgel, dunkles Chorgestühl,
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Wo ein Geheimnis, ewig unbegriffen,
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Uns Wahrheit ward durch unser wahr Gefühl!
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Auf seinen Flügeln jedes Zweifels Schranke
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Hoch überfliegend, kampflos glaubten wir –
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Jetzt heischt sein Recht am Glauben der Gedanke;
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Verwandelt ward die Zeit, und wir mit ihr.

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Wohl trugen wir das Vaterland im Herzen,
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Doch liebten wir wie Knaben, stumm und zart;
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Zum Freund nur sprach der Freund von seinen Schmerzen
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Und von dem Kaiser mit dem Flammenbart.
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Das Wort vom Reich, ob niemals ganz verklungen,
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Doch scheu nur ward's geflüstert dort und hier –
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Heut rauscht es fort im Volk von tausend Zungen,
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Verwandelt ward die Zeit, und wir mit ihr.

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Ja, vorwärts geht's, des Webstuhls Spulen sausen,
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Die Welt ward weiter, freier Blick und Sinn;
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Doch wie des Lebens Ströme schwellend brausen,
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Wuchs nach Genuß die Gier und nach Gewinn.
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Da singt bei Nacht wohl, eh' die Sterne schwinden,
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Vom engen Jugendglück die Sehnsucht mir –
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Doch komm nur, Tag! Du sollst mich wacker finden!
56
Verwandelt ward die Zeit, und wir mit ihr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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