Märchen

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Emanuel Geibel: Märchen (1833)

1
Schön Manar trat aus dem wilden Wald,
2
Sie trat in den prächtigsten Garten;
3
Da blühten die Rosen rot und weiß,
4
Und lustig sprangen die Wasser.

5
Und über den Rosen und Wassern stieg
6
Ein Schloß mit schimmernden Kuppeln,
7
Zwei Flügelpferde standen am Tor
8
Aus grünem Erz gegossen.

9
Schön Manar schritt in das Schloß hinein,
10
Empor die schweigenden Treppen;
11
Zwölf Harfen hingen im Pfeilergang,
12
Die Spinnen woben darüber.

13
Und als sie trat in den ersten Saal,
14
Da stand eine Tafel gerüstet
15
Und funkelnder Wein in lichtem Kristall,
16
Doch niemand kam, sich zu letzen.

17
Und als sie trat in das zweite Gemach,
18
Da lag auf seidenen Kissen
19
Das schönste Weib in goldnem Gelock,
20
Doch schlief sie bleiernen Schlummer.

21
Und als sie trat in den dritten Saal,
22
Da saß bei verhangenen Fenstern
23
Im dämmernden Raum auf güldenem Stuhl
24
Ein schattenhafter König.

25
Sein Antlitz war nicht jung noch alt,
26
Sein Haar war unbeschoren;
27
Auf seinen blassen Zügen lag
28
Ein unergründliches Elend.

29
Schön Manar sprach voll Mitleid: »Herr,
30
O brüte nicht hier so düster!
31
Die Welt ist draußen voll Sonnenschein
32
Und voll von Rosen der Garten.

33
»was gehst du nicht, am funkelnden Wein
34
Dein trauriges Herz zu erquicken?
35
Was weckst du die schlafende Jungfrau nicht
36
Mit Küssen zu Lust und Liebe?«

37
Der König hub zu ihr empor
38
Die gramerloschenen Augen;
39
Er schüttelte trüb das Haupt, doch kam
40
Kein Wort von seinen Lippen.

41
Er schlug den Purpurmantel zurück
42
Von seiner linken Seite,
43
Da war sie nicht Fleisch, da war sie nicht Bein,
44
Da war sie schwarzer Marmor – –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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