Die Nacht zu Belforest

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Emanuel Geibel: Die Nacht zu Belforest (1833)

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»sagt's dem König, meinem Herrn,
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Daß der einz'ge Sohn und Erbe
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Seines weiland Seneschalls,
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Sagt's ihm, daß er schuldlos sterbe!

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Niemals hab' ich mit dem Feind
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Ränkevoll Verkehr gepflogen;
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Die's dem König hinterbracht,
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Hier beschwör' ich's, daß sie logen.

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»doch ich fürcht', er glaubt' es gern,
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Denn nach unsern Lehn und Landen,
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Nach dem Schloß von Belforest
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Hat ihm längst der Sinn gestanden.«

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Also spricht Graf Aimery,
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Als er niederkniet am Blocke;
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Blitzend fährt herab das Beil,
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Und es schallt die Totenglocke.

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Doch wer wagt's, des Grafen Wort
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Vor des Königs Ohr zu tragen!
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In den Forsten von Poitou
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Schweift er schon, den Hirsch zu jagen.

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Dort von edler Spur verlockt
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Irrt er nachts im Waldesgrunde;
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Vor das Schloß von Belforest
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Kommt er um die zwölfte Stunde.

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Langsam, wie er stößt ins Horn,
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Sinkt vor ihm die Brücke nieder,
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Langsam in den Angeln dreht
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Sich das Tor und schließt sich wieder.

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Doch kein Diener läßt sich schaun;
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Nur des Monds gedämpfter Schimmer
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Leuchtet ihm zum Ahnensaal
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Durch die ausgestorbnen Zimmer.

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Aber dort im Steinkamin
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Sieht er rot ein Feuer blitzen,
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Sieht den toten Seneschall
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An der Glut im Lehnstuhl sitzen.

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Der erhebt sich vor dem Gast,
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Und mit halberloschnem Klange
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Spricht er: »Kommt ihr endlich, Sire?
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Euch erwartet hab' ich lange.

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»nur um eins Euch kundzutun,
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Stieg ich aus der Gruft der Väter,
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Daß vom Stamm der Belforest
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Nie gezeugt ward ein Verräter.« –

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Als der König das vernahm,
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Warf ihn tiefes Grausen nieder;
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Sinnberaubt am Morgen fand
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Sein Gefolg' im Saal ihn wieder.

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Sieches Leid beschlich seitdem,
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Tiefer Trübsinn all sein Wesen;
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Von der Nacht zu Belforest
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Ist er nimmermehr genesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Emanuel Geibel
(18151884)

* 17.10.1815 in Lübeck, † 06.04.1884 in Lübeck

männlich, geb. Geibel

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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